Diskurs 34 - Die Inspiration der Bibel und die wörtliche Auslegung.




Die Inspiration der Bibel und die wörtliche Auslegung. / Kommentar N. Tischelmayer 00, 2001-07-03

Die Übersetzungen.

Die Autorität der Bibel.

Die wörtliche Auslegung.

Die Inspiration der Bibel.


(Texte in einem schwarzen Rahmen sind Zitate von Besuchern dieser Site oder anderen Autoren!)

(Die Inspiration der Bibel und die wörtliche Auslegung / NT00, 2001-07-03)

Ich bin nicht von der absoluten und wortgetreuen „Wahrheit” der Bibel überzeugt. Und zwar auf Grund der Übersetzungen. Es ist ein faszinierendes Buch, aber in der Zwischenzeit wird nicht einmal von der Kirche angezweifelt, dass da zumindest drei Quellen („Schriftsteller” oder „Erzähler”) zu verschiedenen Zeiten aktiv waren. Da wird zum Beispiel die Genesis zweimal erzählt, das passt nicht ganz zusammen. Das hat ja nichts mit der Existenz von Gott zu tun, bzw. ist diese Existenz nicht davon abhängig, ob man die Bibel WÖRTLICH nehmen muss. Das ist eben eine Übersetzung – mit all den Schwächen – die so was mit sich bringt.

Man müsste:

1. die Bibel im Original lesen (in Hebräisch – oder besser gesagt – in jenem Hebräisch, das damals gesprochen wurde).

2. und außerdem genau wissen, was denn mit verschiedenen Ausdrücken DAMALS gemeint war. Unter anderem ist ja die Übersetzung „Kamel durch ein Nadelöhr” wahrscheinlich eine falsche. Denn natürlich geht kein solches Tier durch das Nähgerät. Das passt einfach nicht und ist in dieser Übertreibung auch nicht notwendig, um einen schwierigen Sachverhalt zu beschreiben. Denn sinngemäß müsste bei einem solchen Vergleich ja zumindest die theoretische – und nur sehr sehr schwer erreichbare – Möglichkeit gegeben sein, was bei einem Kamel schlicht unmöglich ist.

Da gefällt mir „Strick” (wie es Lapide übersetzte) schon besser und das ist doch schwierig genug, den dicken Strang durch ein Nadelöhr zu schieben. Und mit vielen anderen Textstellen ist es wahrscheinlich genauso passiert.
Ich weiß schon, dass der Pentateuch (und nur dieser) seit Jahrtausenden bezüglich „richtiger Weitergabe” wie ein Augapfel gehütet wird und sogar die Wörter gezählt werden bei einer Übertragung. Aber das funktioniert ja nur eben in Hebräisch und verhindert (leider) nicht „falsche” Übersetzungen oder Interpretationen in anderen Sprachen. (...)

Vieler der Gleichnisse oder Texte sind einfach Parabeln und wir wissen nicht mehr den Sinn, der damals dahinter lag.

Nun könnte man natürlich sagen (und das wird bei den Diskussionen, die ich führe, immer als Argument gebraucht) die Übersetzer werden vom Heiligen Geist geleitet und damit wird jede Kritik oder Bedenken abgeschmettert. Mit dieser Argumentation habe ich aber ein großes Problem!

(Norbert Tischelmayer norbert.tischelmayer@it-austria.com / http://www.wein-plus.de/glossar/ )



Die Übersetzungen.

Das „Kamel” im Gleichnis vom Reichen der nicht in den Himmel kommen kann, in Mt 19,23-24, wird von Pinchas Lapide in seinem Buch „Ist die Bibel richtig übersetzt?” mit „Schiffstau” übersetzt. Er schreibt (Band 2/S 54):

„In unserem herkömmlichen Text des Evangeliums aber liegt ein entstellender Übersetzungsfehler vor. Auf aramäisch bedient Jesus sich nämlich eines geflügelte Wortes: ‘Eher geht ein Schiffstau durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Himmelreich kommt’. Wegen eines falschen Buchstaben im Originaltext wurde das Tau (gamta) aus dem Gleichnis zum Kamel (gamal) – und das Wortspiel erlitt eine arge Entstellung.”

Wenn man diese Behauptung analysiert, ergeben sich mehrere Fragen:

1. Woher will Lapide wissen, dass diese Redewendung als „geflügeltes Wort” zu Zeiten Jesu verwendet wurde? Nirgends – weder in die Bibel selbst, noch in den Aufzeichnungen bekannter Geschichtsschreiber - ist eine derartige Aussage überliefert.

2. Wenn dies tatsächlich ein geflügeltes Wort gewesen wäre, dann hätten es doch wohl die Evangelisten – also in diesem Fall Matthäus – als Zeitzeugen viel eher kennen müssen. Warum sollten sie dann diese Redewendung verfälschen? Die Christengemeinde in Jerusalem hätte als Erste darauf hingewiesen, dass es hier „gamta” – also Tau heißen müsste.

3. Lapide behauptet, dass hier ein Übersetzungsfehler vorliegt. Das ist falsch. Wie er selbst bestätigt, heißt es im Originaltextgamal” – also Kamel – und hier wäre bzw. ist also „Tau” die falsche Übersetzung.

4. Daraus folgt, dass wir es hier gar nicht mit einen Übersetzungsfehler zu tun haben, sondern – wie so oft bei Lapide – mit dem Versuch nachzuweisen, dass es die Schreiber des Neuen Testaments mit der Wahrheit nicht so genau genommen haben. Dies soll keinesfalls seine Verdienste um die Erklärung von anderen Übersetzungsproblemen – speziell des Alten Testaments – mindern. Zum Neuen Testament hatte er - als Jude - eben ein etwas differenzierteres Verhältnis.


Schließlich haben wir auch in anderen jüdischen und islamischen Schriften eine ganz ähnliche Verwendung dieses Zusammenhangs. Im Koran ist über die Sünder zu lesen: „Es wird keine Öffnung des Himmelstores geben, noch werden sie den Garten Gottes betreten, bevor nicht ein Kamel durch ein Nadelöhr passt.” Im jüdischen babylonischen Talmud geht es beim „Nadelöhr-Aphorismus” um „undenkbare Gedanken”, wie sie auch in Träumen vorkommen können. Im Talmud heißt es über die Bedeutung von Träumen: „Sie (die Träume) zeigen weder eine Palme aus Gold, noch einen Elefanten, der durch ein Nadelöhr gehen kann.”

Im Übrigen gibt es eine durchaus plausible Erklärung für das Nadeläöhnr in diesem Gleichnis. In den gebirgigen Gebieten Israels – wie z. B. auch am Nordwestende des Toten Meeres in der Gegend von Qumran - gibt es auf den Durchzugsrouten der Karawanen in Richtung Jordanien, Syrien, zwischen den Felsen kleinere Passagen, welche den Weg zwar wesentlich abkürzen, wo allerdings bestenfalls ein Mann durchkommt und keinesfalls ein Kamel oder auch eine Karawane. Diese Passagen wurden angeblich „Nadelöhr” genannt und von daher will man das Gleichnis ableiten.

Wie immer man das aber nun sehen will, eines steht fest: der seriöse und ergebnisorientierte Bibelleser will aus seiner Tätigkeit substantielle Information gewinnen. Und die Information in dieser Aussage Jesu Christi ist sicherlich nicht im Hinweis auf das „Kamel” zu finden, sondern im vorangegangenen Vers, wie nachstehend ersichtlich:

Schwer wird ein Reicher in das Reich der Himmel hineinkommen.

Mt 19,23 Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Schwer wird ein Reicher in das Reich der Himmel hineinkommen. 19,24 Wiederum aber sage ich euch: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt. Mt 19,23-24;


Es geht also faktisch darum, dass ein Reicher mit der gleichen Wahrscheinlichkeit in das Reich der Himmel kommen kann, wie ein Kamel durch ein solches „Nadelöhr” gehen könnte. Ebenso wie das Kamel zu groß und zu breit für das „Nadelöhr” ist, ist auch der Reiche zu einflussreich und mächtig, zuwenig demütig, um durch die kleine Pforte in das Reich Gottes einzugehen.

Diese Unmöglichkeit für einen Reichen in das Himmelreich zu gelangen, wird also nicht durch den Reichtum direkt bewirkt, sondern durch die Mentalität, die Geisteshaltung, welche dadurch verursacht wird. Reichtum ist bei den meisten Menschen charakterschädigend, sie werden aufgeblasen, geizig, rücksichtslos und unbarmherzig.

Die beste Möglichkeit, als Reicher in das Himmelreich zu kommen, ist jene, welche der Herr dem reichen jungen Mann in Mt 19,21 rät: „Verkaufe deine Habe und gib den Erlös den Armen!”. Dies ist die sicherste Methode.

Weil aber die Ursache dieser Unmöglichkeit ins Himmelreich zu kommen nicht im Reichtum direkt, sondern in der Einstellung liegt, welche dadurch beim Menschen hervorgerufen wird, gibt es ein zweite – allerdings eher theoretische – Möglichkeit. Theoretisch deswegen, weil nur wenige Menschen in der Lage sind, der Versuchung des Geldes zu widerstehen.

Paulus sagt uns in 1Kor 7,29-31:

Die die diese Welt gebrauchen, seien als brauchten sie sie nicht.

1Kor 7,29 Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; 7,30 und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; 7,31 und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. 1Kor 7,29-31;


Die die kaufen, sollen sein, als behielten sie es nicht und die die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Im Hinblick auf den Reichtum könnte dies bedeuten, dass die Reichen ihren Reichtum nur als „Leihgabe” betrachten sollten, welche ihnen jeden Tag wieder entzogen werden könnte. Mit dieser Haltung – jeden Tag aufs Neue praktiziert – wäre es denkbar, dass auch ein Reicher der Versuchung des Geldes zur Machtausübung und Machtanhäufung widerstehen kann.

Auch der Herr deutet am Ende dieses Gleichnisses vom Kamel und dem Nadelöhr an, dass es hier Ausnahmen gibt.

Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.

Mt 19,25 Als aber die Jünger es hörten, gerieten sie ganz außer sich und sagten: Wer kann dann errettet werden? 19,26 Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich. Mt 19,25-26;


Wir erkennen also, dass es sich hier, bei diesem Gleichnis des Herrn, um eine fundamentale christliche Glaubenswahrheit handelt, welche u. U. heilsentscheidend sein kann.

Wenn also jemand tatsächlich und ernsthaft an den Aussagen der Bibel interessiert ist und er sich der sicherlich nicht kleinen Mühe unterzieht, dieses Buch mit Aufmerksamkeit – selbst! - zu lesen, wird er sich auf das Wesentliche konzentrieren und sich nicht bei solchen Randfragen wie „Kamel oder Tau” aufhalten.

Pinchas Lapide hingegen wollte nicht den Inhalt des Neuen Testaments verstehen, sondern sein Anliegen war ein ganz anderes. Er litt – wie auch viele orthodoxe Juden seit zweitausend Jahren – am „Jesus-Syndrom”. Sie erkennen zwar in ihrem Herzen, dass ihre obersten religiösen Führer damals in Jesus von Nazareth den Sohn Gottes verurteilt haben, verdrängen dies aber. Ja mehr noch, sie suchen mit Eifer Argumente, um zu beweisen dass Jesus Christus eben nicht der Sohn Gottes, nicht der Messias des Volkes Israel gewesen sein kann.

Doch ist dies nicht verwunderlich, haben doch die mosaischen Juden nach der Schrift eine andere Abkunft und eine andere Zukunft als die Christen. Wie schon Paulus sagte, sind sie die Söhne der Hagar, der Magd, während die Christen (aus Israel und der ganzen Welt!) die Söhne der Sarah, der Freien sind.

Der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien.

Gal 4,22 Denn es steht geschrieben, daß Abraham zwei Söhne hatte, den einen von der Magd, den andern von der Freien. 4,23 Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch gezeugt worden, der von der Freien aber kraft der Verheißung.

4,24 Diese Worte haben tiefere Bedeutung. Denn die beiden Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse: einen vom Berg Sinai, der zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar; 4,25 denn Hagar bedeutet den Berg Sinai in Arabien und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt.

4,26 Aber das Jerusalem, das droben ist, das ist die Freie; das ist unsre Mutter. 4,27 Denn es steht geschrieben (Jesaja 54,1): »Sei fröhlich, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst! Brich in Jubel aus und jauchze, die du nicht schwanger bist. Denn die Einsame hat viel mehr Kinder, als die den Mann hat.«

4,28 Ihr aber, liebe Brüder, seid wie Isaak Kinder der Verheißung. 4,29 Aber wie zu jener Zeit der, der nach dem Fleisch gezeugt war, den verfolgte, der nach dem Geist gezeugt war, so geht es auch jetzt. 4,30 Doch was spricht die Schrift? »Stoß die Magd hinaus mit ihrem Sohn; denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohn der Freien« (1. Mose 21,10).

4,31 So sind wir nun, liebe Brüder, nicht Kinder der Magd, sondern der Freien. Gal 4,22-31;


Auf diesen heilsgeschichtlichen Hintergrund lassen sich alle Angriffe von jüdischen Theologen und Religionswissenschaftlern auf das Neue Testament reduzieren.

Leider werden diese Argumente aus dem mosaischen Glaubensbereich aber auch oft von Menschen aufgegriffen, welche weder mit dem Judentum etwas am Hut haben, noch die Bibel jemals gelesen haben, um damit ihren eigenen Unglauben zu rechtfertigen.

Im übrigen ist Mt 19,24 nicht die einzige Stelle, wo der Herr das Kamel zu einem Vergleich heranzieht. Im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit den Schriftgelehrten hat Jesus eine ähnliche Aussage getroffen:

Ihr blinden Führer, die ihr die Mücke seiht, das Kamel aber verschluckt!

Mt 23,23 Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verzehntet die Minze und den Anis und den Kümmel und habt die wichtigeren Dinge des Gesetzes beiseite gelassen: das Recht und die Barmherzigkeit und den Glauben; diese hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen.

23,24 Ihr blinden Führer, die ihr die Mücke seiht, das Kamel aber verschluckt! 23,25 Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr reinigt das Äußere des Bechers und der Schüssel, inwendig aber sind sie voller Raub und Unenthaltsamkeit. 23,26 Blinder Pharisäer! Reinige zuerst das Inwendige des Bechers, damit auch sein Auswendiges rein werde.

23,27 Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr gleicht übertünchten Gräbern, die von außen zwar schön scheinen, inwendig aber voll von Totengebeinen und aller Unreinigkeit sind. Mt 23,23-27;


Wie man sieht, ist auch hier weder die realistische noch die theoretische Möglichkeit, ein Kamel zu verschlucken gegeben. Diese Stelle dürfte Lapide – bewusst oder unbewusst - übersehen haben. Dabei hätte ihm gerade die Bedeutung dieser Worte sehr viel zu sagen gehabt!

Die Autorität der Bibel.

Die Autorität und die Authentizität der Bibel wird immer wieder in Frage gestellt. Da werden dem Buch Jesaja drei Autoren verpasst, dafür wird ein Teil des Buches Daniel einem Autor zugeschrieben, der Jahrhunderte nach Daniel gelebt haben soll usw. Was man dabei immer wieder übersieht, ist der Umstand, dass die Bibel – speziell in den prophetischen Texten – kein Produkt von einzelnen Autoren, sondern die Worte Gottes an diese Propheten sind, die sie dann niedergeschrieben haben. Es ist also völlig egal, ob ein bestimmtes Buch jetzt von diesem oder jenem Propheten ist – es ist von Gott.

Ein anderes Argument das häufig vorgebracht wird, ist überhaupt die Leugnung der göttlichen Urheberschaft dieser prophetischen Texte. Man geht - durchaus auch in theologischen Kreisen - davon aus, dass sich die Autoren diese Geschichten einfallen ließen, um u. a. auch politisch agieren und ihre Machtposition gegenüber den jeweiligen Herrschern in Israel ausbauen zu können. Hier wird man zwar an das alte Sprichwort erinnert: „Wie der Schelm denkt, so ist er”, aber die Diskussion mit solchen Leuten entbehrt deshalb jeder Grundlage, weil sie ja offensichtlich den göttlichen Ursprung der Prophetentexte leugnen. Ebenso gut könnte man mit einem Blinden über Farbe diskutieren.

Um diese Problematik etwas verständlicher darzustellen, sei hier ein Beispiel angeführt.

Im Leben jedes Menschen gibt es wahrscheinlich einen anderen Menschen, welchen er besonders geschätzt, ja sogar geliebt hat: ein Freund, eine Freundin, jemand aus der Verwandtschaft oder ganz einfach ein Idol oder ein Vorbild, von Elvis Presley bis Albert Einstein und von Madonna bis Rosa Luxemburg.

Nehmen wir nun an, dass dieser Mensch schon lange tot ist und die einzige Erinnerung, welche wir an ihn haben, sei ein Brief, welchen er uns einst geschrieben hat. Ab und zu, wenn die Sprache auf diesen Menschen kommt, holen wir den Brief hervor, lesen ihn – vielleicht gemeinsam mit anderen Menschen, welche ihn ebenfalls kannten – und erinnern uns an viele schöne Stunden, welche wir zusammen verbracht haben.

Im Laufe der Jahre verblasst das Bild dieses Menschen in unserer Erinnerung immer mehr, sodass schließlich nur mehr der Brief bleibt, welcher uns noch eine letzte gedankliche Verbindung zu ihm ermöglicht.

Und nun treten irgendwelche Leute auf und behaupten, dieser Brief sein gar nicht von unserem Freund, und unsere Erinnerung sei reine Phantasie. Und wenn wir die Dinge hinterfragen, kommen wir zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass diese Leute unseren Freund gar nicht gekannt hatten, ja dass sie auch diesen Brief noch nie gelesen haben. Dennoch bleiben sie bei ihrer Behauptung.

Unabhängig von den Beweggründen solcher Leute, ob sie sich nun aufspielen oder uns für dumm verkaufen wollen oder ob sie einfach nicht akzeptieren können, dass sie selbst diese Erfahrung nicht gemacht haben, gibt es für uns nun zwei Möglichkeiten zu reagieren. Entweder wir vertrauen – wider alle Vernunft – diesen Leuten und werfen den Brief – und damit unsere ganzen Erinnerungen – weg, oder wir vertrauen unseren Erinnerungen und unserer Liebe oder Hochschätzung für unseren verstorbenen Freund.

Das ist in etwa die Situation, in der sich bibelgläubige Christen befinden, welchen von vielen selbsternannten Fachleuten, ja selbst und gerade von Theologen, vorgeworfen wird, sie würden die Schrift zu ernst und ihren Inhalt zu wörtlich nehmen.

Es steht außer Frage, dass es auch in der Bibel Fehler gibt und dass wir da oder dort Übersetzungsprobleme haben. Das weitaus größere Problem ist jedoch der Umstand, dass viel zu viele Leute, welche sich mit der Bibel noch nie ernsthaft auseinandergesetzt haben und sich daher auch noch nie eine fundierte Meinung über deren Inhalt bilden konnten oder wollten, nunmehr „Gutachten” abgeben, ob die Schrift nun diesen oder jenen Anforderungen entsprechen würde.

Die wörtliche Auslegung.

Hinsichtlich der Kritik an der wörtlichen Auslegung der Schrift sind zwei Aspekte zu berücksichtigen. Diese sogenannte konkrete Interpretation nimmt jene Aussagen der Schrift wörtlich, welche aufgrund der allgemeinen menschlichen Erfahrung als real zu bezeichnen sind. Wenn etwa in Off 7,4-8 von 144.000 Israeliten gesprochen wird, welche sich aus 12.000 aus jedem einzelnen, namentlich genannten Stamm Israels zusammensetzen, dann sind dies für die konkrete Interpretation eben 144.000 Israeliten und nicht wie manche meinen Millionen von Menschen aus allen Nationen – nämlich die Gemeinde aller Zeiten.

Wenn dann aber andererseits in Off 12,3 von einem feuerroten Drachen mit sieben Köpfen, zehn Hörnern und auf seinen Köpfen sieben Diademen die Rede ist, ist dies außerhalb unserer Erfahrung über die reale Welt und somit als symbolisch einzuordnen.

Und hier zeigt sich ein weiteres tatsächliches Problem bei der Bibelexegese. Manche Interpreten erklären durchaus realistische Aussagen - wie oben die 144.000 Israeliten – ganz einfach als symbolisch. Entweder, um diese Texte in ein vorgegebenes Meinungsbild einfügen zu können und ihnen die Brisanz des Gegenbeweises zu nehmen oder in anderen Fällen, weil sie mangels profunder Schriftkenntnis die Aussagen nicht verstehen. Sie „symbolisieren” daher diese Schrifttexte und können dann natürlich alles Mögliche hineininterpretieren, ohne dass ihnen irgend jemand das Gegenteil beweisen könnte. Es ist ungefähr so, wie mit den Bildern der abstrakten Malerei. Wenn der Künstler verkündet, dass auf seinem Bild aus einer Unzahl von Farbklecksen ein Sonnenuntergang dargestellt ist – wer wollte ihm da widersprechen?

Wie vom eingangs zitierten Kommentator völlig richtig formuliert, hat es

„nichts mit der Existenz von Gott zu tun bzw. ist diese Existenz nicht davon abhängig, ob man die Bibel WÖRTLICH nehmen muß.”


Nicht die Existenz Gottes steht hier auf dem Prüfstand, sondern unser Glaube. Und zwar nicht der Glaube an die Bibel, sondern der Glaube daran, dass es diesem Gott möglich ist, jene Dinge, welche er seinen Gläubigen mitteilen will auch übermitteln kann. Es geht also hier darum, an welchen Gott wir glauben. Ist dies ein Gott, welcher sich mit menschlichen Fehlern und Schwächen herumschlagen muss, der nicht im Stande ist sich mitzuteilen oder ist es ein tatsächlich allmächtiger Gott, der mit seinem allgegenwärtigen Geist jederzeit und überall jeden einzelnen Menschen erreichen kann.

Die Inspiration der Bibel.

Und hier sind wir nun bei der Frage des Heiligen Geistes. Im obigen Kommentar heißt es:

„Nun könnte man natürlich sagen (und das wird bei den Diskussionen, die ich führe, immer als Argument gebraucht) die Übersetzer werden vom Heiligen Geist geleitet und damit wird jede Kritik oder Bedenken abgeschmettert. Mit dieser Argumentation habe ich aber ein großes Problem!”


Ja, natürlich, auch ich hätte mit dieser Aussage, wenn sie so, quasi als Killerargument gebracht wird ein großes Problem.

Die Auffassung, dass die Schreiber bzw. Übersetzer der Bibel sozusagen willenlose Werkzeuge des Geistes Gottes waren, ist strikte abzulehnen. Gott wirkt in seiner Schöpfung – und der Mensch ist Teil dieser Schöpfung – immer auch mit seiner Schöpfung. Bei der Speisung der Fünftausend etwa, in Mt 14,14-21, hätte Jesus auch ganz einfach den Hunger der Leute „verschwinden” lassen können und das Problem wäre gelöst gewesen. Er aber nahm die vorhandenen fünf Brote und zwei Fische, dankte und brach die Brote und verteilte Fisch und Brot, bis alle fünftausend Menschen satt geworden waren. Dabei ist es jedem einzelnen dieser Fünftausend frei gestanden, die Speise anzunehmen oder sie abzulehnen. Gott handelt mit den Menschen nicht gegen ihren Willen. Und ebenso war es mit den Schreibern der Bibel.

Siehe auch den Diskurs 24: „Die Göttlichkeit Jesu Christi und die Kraft des Glaubens.”)

Der Mensch kann zwar nicht aus eigenem Willen Weissagungen hervorbringen, wie es in 2Ptr 1,21 heißt, aber es bedarf seiner Willensentscheidung, sich dem Geist Gottes zu öffnen. Doch dies ist noch nicht alles. Wie Apg 5,32 sagt, gibt Gott den Heiligen Geist denen, die ihm gehorchen. Und das ist wieder eine Sicherheit dafür, dass nichts gegen den Willen Gottes getan wird.

Das heißt aber nun auch wieder nicht, dass der Mensch durch die Präsenz des Heiligen Geistes plötzlich „fehlerfrei” werden würde. Nein, er bleibt genau der Mensch, der er vorher war, mit all seinen Fehlern und Schwächen, dies wird uns in der Bibel immer wieder vermittelt. Denken wir an Mose, der eine „schwere Zunge” hatte, also wahrscheinlich stotterte. Ihn hat Gott zum Führer seines Volkes auserwählt, obwohl Mose jede Menge von Argumenten (2Mo 4) anführte, warum er für dieses Amt nicht geeignet wäre. Denken wir an Jeremia, welcher aufgrund seiner Jugend soviel Angst hatte die Botschaft Gottes zu verbreiten, dass er schon aufgeben wollte. Denken wir an Jona, der nur deshalb in den Bauch des Fisches gelangte, weil er sich weigern wollte nach Ninive zu gehen und den Menschen dort den Zorn Gottes über ihre Bosheit zu verkünden. Daraus kann man ableiten, dass auch die biblischen Originaltexte und natürlich auch die Übersetzungen den einen oder anderen – menschlichen - Fehler enthalten.

Siehe auch den Diskurs 40: „Gibt es Fehler in der Bibel?”.)

Es ist ungefähr so, wie wenn jemand ein Theater besucht und am nächsten Tag seinen Freunden den Inhalt des Stückes erzählt. Obwohl dies bei verschiedenen Personen mit verschiedenen Worten und in unterschiedlicher Ausführlichkeit geschehen wird, wird doch in den meisten Fällen der Kern, die Handlung des Stückes, vermittelt werden können.

Und diese „Handlung” – das Handeln Gottes mit den Menschen - ist es auch, welche durch die Bibel an den Leser vermittelt werden soll. Dieser Leser ist aber nun ein zumindest ebenso wichtiger Faktor beim Verständnis der Bibel, wie die Autoren der einzelnen Bibelbücher.

Auch und insbesondere der Leser benötigt den Heiligen Geist, um die Zusammenhänge und den Hintergrund der Aussagen zu verstehen. Und nun werden manche meinen – ähnlich wie die Jünger weiter oben in Mt 19,25: „Wer kann dann errettet werden?” Wie soll der Mensch zum Glauben kommen, wenn er einerseits den Heiligen Geist braucht, um das Wort Gottes zu verstehen und andererseits aber noch ein Ungläubiger ist, der nicht mit dem Heiligen Geist rechnen kann?

Hier gilt die andere Aussage des Herrn über die Gabe des Heiligen Geistes in Lk 11,13:

Der Vater, der vom Himmel gibt, gibt den Heiligen Geist denen, die ihn bitten!

Lk 11,13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wieviel mehr wird der Vater, der vom Himmel gibt, den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! Lk 11,13;


Wenn sich also jemand für die Bibel tatsächlich interessiert, es ihm ein wirkliches Herzensanliegen ist, endlich einmal Klarheit zu bekommen über Inhalt und Aussage dieses Buches, dann kann er damit rechnen, dass ihm der Geist Gottes eine Hilfestellung gibt.

Ein gutes Beispiel dafür ist der „Kämmerer aus Äthiopien” in Apg 8,26-40: Der Schatzmeister der Königin von Äthiopien, der zweite Mann am Hofe, war am Rückweg in seine Heimat nach einem Besuch in Jerusalem. Während der Fahrt las er im Buch des Propheten Jesaja, aber wie nicht anders zu erwarten, verstand er den Zusammenhang nicht von dem was er da las. Und hier trat der Heilige Geist in Aktion, indem er Philippus, einen Jünger des Herrn, zu ihm sandte, um dem Äthiopier den Text zu erklären.

Der Geist aber sprach zu Philippus: Tritt hinzu und schließe dich diesem Wagen an.

Apg 8,26 Ein Engel des Herrn aber redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf den Weg, der von Jerusalem nach Gaza hinabführt! Der ist öde. 8,27 Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Äthiopier, ein Kämmerer, ein Gewaltiger der Kandake, der Königin der Äthiopier, der über ihren ganzen Schatz gesetzt war, war gekommen, um zu Jerusalem anzubeten; 8,28 und er war auf der Rückkehr und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

8,29 Der Geist aber sprach zu Philippus: Tritt hinzu und schließe dich diesem Wagen an! 8,30 Philippus aber lief hinzu und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen und sprach: Verstehst du auch, was du liest? 8,31 Er aber sprach: Wie könnte ich denn, wenn nicht jemand mich anleitet? Und er bat den Philippus, daß er aufsteige und sich zu ihm setze. 8,32 Die Stelle der Schrift aber, die er las, war diese: «Er wurde wie ein Schaf zur Schlachtung geführt, und wie ein Lamm stumm ist vor seinem Scherer, so tut er seinen Mund nicht auf. 8,33 In seiner Erniedrigung wurde sein Gericht weggenommen. Wer aber wird sein Geschlecht beschreiben? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.»

8,34 Der Kämmerer aber antwortete dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet dies? Von sich selbst oder von einem anderen? 8,35 Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit dieser Schrift an und verkündigte ihm das Evangelium von Jesus. Apg 8,26-35;


Wie man sieht, ist nur eines notwendig, um die Hintergründe und Zusammenhänge in der Bibel zu verstehen und dieses Buch dadurch für uns spannender zu machen als jedes andere Buch: der aufrichtige Wunsch das Wort Gottes zu verstehen.

(Siehe auch den Diskurs 30: „Warum Musste Jesus am Kreut sterben?”)


Und es ist daher auch nicht verwunderlich, wenn von Menschen, welche die Bibel als kurze Sonntagslektüre oder in der Kirche verwenden, immer wieder die Aussage kommt, die Bibel sei fad, schwer verständlich, altmodisch und im übrigen voll mit Fehlern. Dabei wird dann noch schnell hinzugefügt: „Wie ja wissenschaftlich erwiesen ist …”. Diese Menschen haben kein wirkliches Interesse am Wort Gottes, sie wollen nicht verstehen und daher verstehen sie auch nicht.