Diskurs 352 - Der präteristische Ansatz: Hat die Endzeit bereits stattgefunden? – 2.Teil




Der präteristische Ansatz: Hat die Endzeit bereits stattgefunden? / Replik Markus Mosimann 00, 2003-01-06

Das Reich Gottes.

Wird das Reich Gottes auf Erden nicht sichtbar verwirklicht werden? / Replik Markus Mosimann 01, 2003-01-06

Sind wir schon von den Toten auferstanden? / Replik Markus Mosimann 02, 2003-01-06

Ist das Ende der Zeiten im Jahre 70 gewesen? / Replik Markus Mosimann 03, 2003-01-22

Anonym 00, 2001-05-30 1. Teil, Diskurs 35

Replik Markus Mosimann 04-06, 2003-01-22       3. Teil, Diskurs 353


(Texte in einem schwarzen Rahmen sind Zitate von Besuchern dieser Site oder anderen Autoren!)

(Der präteristische Ansatz: Hat die Endzeit bereits stattgefunden? / Replik MM 00, 2003-01-06)

Ich glaube, dass wir Christen im verwirklichten (geistlichen) Reich Gottes leben. Oder anders ausgedrückt: Wir leben in einer Zeit, wo das Reich Gottes bereits gekommen ist, inwendig in uns wohnt und „nicht von dieser Welt ist”:

-  Die Zeit ist erfüllet, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium! (Markus 1,15)

-  Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch. (Luk. 17,21).

-  Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. (Joh. 18,36)


Über die Natur des Reiches Gottes scheint mir allerdings einige Unsicherheit zu herrschen. Hier projizieren viele Kirchen und Gemeinden das Reich Gottes in diese Welt hinein, weil sie sich selbst als Institution des Reiches Gottes verstehen - und immer verstanden haben. Das ist nach meiner Meinung auch der Grund, weshalb das Studium der Kirchengeschichte für das Verständnis des Evangeliums wenig hilfreich ist. Meines Erachtens gehen viele fälschlicherweise davon aus, dass die ersten Generationen der Kirchengeschichte wegen ihrer zeitlichen Nähe zur Verkündigung des Evangeliums auch automatisch näher an der Wahrheit des Evangeliums waren.

Wir wissen aber aus dem Zeugnis des Alten Testaments, dass wahre Gottesfurcht schon eine Generation später vergessen sein kann:

„Als auch alle, die zu der Zeit gelebt hatten, zu ihren Vätern versammelt waren, kam nach ihnen ein anderes Geschlecht auf, das den HERRN nicht kannte noch die Werke, die er an Israel getan hatte. Da taten die Israeliten, was dem HERRN mißfiel, und dienten den Baalen”. (Richter 2,10-11).

Es liegt mir fern, die Leistungen der Kirchenväter zu schmälern oder eine richtende Aussage über jene Generationen zu wagen. Aber in Bezug auf grundsätzliche Fragen, wie z.B. „wo wir heute stehen” möchte ich mich nicht auf kirchengeschichtliche Kredos verlassen, so sehr sich die Kirchen immer als Inbegriff des Christentums verstanden hatten. Die Bibel selbst erklärt uns die (geistliche) Natur des Reiches Gottes und gibt uns auch in Bezug auf die zeitliche Erfüllung genügend Hinweise. Die Unsicherheit bezüglich der zeitlichen Einordnung kommt vor allem daher, weil das Selbstverständnis der kirchlichen Institutionen lückenlos an die apostolische Zeit (zwischen Himmelfahrt Jesu und Zerstörung des Tempels bzw. Abschluss der biblischen Schriften) anknüpft. Dieses Paradigma ist derart stark in unserem christlichen Selbstverständnis verwurzelt, dass viele theologische Modelle bewusst oder unbewusst in dieses Zeitschema eingeflochten wurden und selbst die Bibelübersetzungen in ihren Nuancen von dieser grundlegenden Annahme beeinflusst sind.

(Markus Mosimann m.mosimann@mopa.ch)



Die Sicht der Präteristen in Bezug auf die Erfüllung der endzeitlichen Ereignisse muss von der seriösen Exegese deshalb immer wieder aufgegriffen und geprüft werden, weil es sich dabei tatsächlich in Teilen um eine Argumentation handelt, welche anhand biblischer Aussagen geführt wird und für welche wir in der futuristischen Eschatologie (zukunftsbezogene Sicht der Endzeitereignisse) noch keine wirklich befriedigenden Erklärungen liefern können.

(Siehe auch den Diskurs 35: „Der präteristische Ansatz: Hat die Endzeit bereits stattgefunden?”)

Das Reich Gottes.

In dem eingangs zitierten Teil seiner Beantwortung der Frage „Wo stehen wir (nach Ansicht der Präteristen und heilsgeschichtlich) heute?”, weist M. Mosimann wiederholt auf die Aussagen der Schrift in Bezug auf das Reich Gottes hin. Um nun die Stichhaltigkeit dieser Aussagen zu prüfen, aber auch aus allgemeinem Interesse, sollen nun die diesbezüglichen Schriftinhalte etwas eingehender analysiert werden.

Der Ausdruck „Reich Gottes” wird im NT in allen vier Evangelien und in der Apostelgeschichte sowie in einigen Briefen des Paulus und auch in der Offenbarung gebraucht. Die wörtliche Bedeutung ist: „Königsherrschaft (grie.: basileia) Gottes” und weist auf die Regierungsgewalt Gottes in diesem Reich hin. Nur beim Evangelisten Matthäus finden wir für diesen Begriff auch den Ausdruck „Reich der Himmel”, was auch hier im Originaltext „Königsherrschaft der Himmel” heißt und denselben semantischen Inhalt hat wie „Reich Gottes”.

Betrachten wir nun als Erstes, wie der Herr Jesus Christus dieses Reich der Himmel beschrieben hat:

Das Reich der Himmel gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte.

Mt 13,31 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Reich der Himmel gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; 13,32 es ist zwar kleiner als alle Arten von Samen, wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als die Kräuter und wird ein Baum, so daß die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten. Mt 13,31-32;

Das Reich der Himmel gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte.

Mt 13,33 Ein anderes Gleichnis redete er zu ihnen: Das Reich der Himmel gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

13,34 Dies alles redete Jesus in Gleichnissen zu den Volksmengen, und ohne Gleichnis redete er nichts zu ihnen, 13,35 damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist, der spricht: «Ich werde meinen Mund öffnen in Gleichnissen; ich werde aussprechen, was von Grundlegung der Welt an verborgen war.» Mt 13,33-35;


In beiden obigen Gleichnissen erkennen wir dasselbe Prinzip: das Reich Gottes ist kein Ereignis, welches plötzlich über einen Menschen – oder die Menschheit – hereinbricht. Es hat sichtlich die Eigenschaft, sich langsam aber stetig in der Welt und unter den Menschen zu verbreiten. Dies bestätigt uns auch das folgende Gleichnis, wobei hier erstmals auch zum Ausdruck kommt, dass es einen „Störfaktor” in diesem Zusammenhang zu geben scheint.

Mit dem Reich der Himmel ist es wie mit einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte.

Mt 13,24 Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Mit dem Reich der Himmel ist es wie mit einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. 13,25 Während aber die Menschen schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut mitten unter den Weizen und ging weg. 13,26 Als aber die Saat aufsproßte und Frucht brachte, da erschien auch das Unkraut. 13,27 Es kamen aber die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn Unkraut?

13,28 Er aber sprach zu ihnen: Ein feindseliger Mensch hat dies getan. Die Knechte aber sagen zu ihm: Willst du denn, daß wir hingehen und es zusammenlesen? 13,29 Er aber spricht: Nein, damit ihr nicht etwa beim Zusammenlesen des Unkrauts gleichzeitig mit ihm den Weizen ausreißt. 13,30 Laßt beides zusammen wachsen bis zur Ernte, und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Lest zuerst das Unkraut zusammen, und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber sammelt in meine Scheune! Mt 13,24-30;


Für uns Heutige scheint es nun erstaunlich, dass selbst die Jünger die Bedeutung dieses Gleichnisses nicht voll verstanden haben. Doch muss man berücksichtigen, dass wir auf fast zweitausend Jahre Bibelinterpretation zurückblicken können und uns daher auch viele Metaphern geläufig sind, welche für die Jünger damals neu und völlig unbekannt waren.

Seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut des Ackers!

Mt 13,36 Dann entließ er die Volksmengen und kam in das Haus; und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut des Ackers!

13,37 Er aber antwortete und sprach: Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen, 13,38 der Acker aber ist die Welt; der gute Same aber sind die Söhne des Reiches, das Unkraut aber sind die Söhne des Bösen; 13,39 der Feind aber, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte aber ist das Ende der Welt, die Schnitter aber sind Engel.

13,40 Wie nun das Unkraut zusammengelesen und im Feuer verbrannt wird, so wird es am Ende der Welt sein. 13,41 Der Sohn des Menschen wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle Ärgernisse zusammenlesen und die, die Gesetzloses tun; 13,42 und sie werden sie in den Feuerofen werfen: da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.

13,43 Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters. Wer Ohren hat, der höre! Mt 13,36-43;


Wir haben also auch hier das gleiche Prinzip wie oben: der „Same” wirt gesät und dem unbeeinflussten Wachstum überlassen. Mehr noch: nicht einmal das Unkraut, welches sich ebenfalls zwischen dem guten Samen eingewurzelt hat, wird vorzeitig gejätet. Alles wächst völlig frei bis zum Zeitpunkt der Ernte. Dann – und erst dann – ist die Zeit gekommen, wo das ganze Feld „geschnitten” – also geerntet – und der Weizen vom Unkraut getrennt wird.

Ganz ähnlich verhält es sich im Gleichnis vom Fischfang:

Wiederum gleicht das Reich der Himmel einem Netz, das ins Meer geworfen wurde.

Mt 13,47 Wiederum gleicht das Reich der Himmel einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und Fische von jeder Art zusammenbrachte, 13,48 das sie dann, als es voll war, ans Ufer heraufzogen; und sie setzten sich nieder und lasen die guten in Gefäße zusammen, aber die faulen warfen sie hinaus.

13,49 So wird es am Ende der Welt sein: die Engel werden hinausgehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern 13,50 und sie in den Feuerofen werfen: da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein. 13,51 Habt ihr dies alles verstanden? Sie sagen zu ihm: Ja.

13,52 Er aber sprach zu ihnen: Darum ist jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Reichs der Himmel geworden ist, gleich einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt. Mt 13,47-52;


Auch hier gibt es die „Ernte” nachdem das Netz eingeholt war. Und auch die Trennung der guten von den faulen Fischen wird beschrieben. Ein zusätzlicher Aspekt, welcher besonders für unsere Betrachtung hier sehr wichtig zu sein scheint, ist die Erwähnung des Zeitpunktes dieser „Ernte”. Sowohl beim Gleichnis vom Unkraut im Acker als auch hier oben beim Fischfang wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dies „am Ende der Welt” (Luther, King James) sein wird. Und zusätzlich erklärt der Herr hier ganz offen, dass dann die Engel hinausgehen und die Bösen – also das Unkraut bzw. die faulen Fische – aus der Mitte der Gerechten aussondern werden.

Die folgende Aussage des Herrn ist aber nun kein Gleichnis mehr.

Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist.

Mt 25,31 Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; 25,32 und vor ihm werden versammelt werden alle Nationen, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.

25,33 Und er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. 25,34 Dann wird der König zu denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an! Mt 25,31-34;


Wir befinden uns zeitlich gesehen im obigen Text, in Mt 25,31-34, nach der Allgemeinen Auferstehung am Ende der Welt, beim Weltgericht. Die „Nationen”, von welchen hier gesprochen wird, sind die verstorbenen und nun auferstandenen Menschen – Gerechte und Ungerechte -, welche ja aus aller Welt, aus allen Nationen kommen. Es ist also jenes Ereignis, von welchem weiter oben immer in Gleichnissen der „Ernte” gesprochen wurde.

In der weiteren Folge dieser Endzeitrede des Herrn wird dann auch ganz konkret von den Gerechten gesprochen, welche das ewige Leben ererben werden und von den Verfluchten, welche in das ewige Feuer gehen werden.

Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer.

Mt 25,41 Dann wird er auch zu denen zur Linken sagen: Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Mt 25,41;

Und diese werden hingehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber in das ewige Leben.

Mt 25,46 Und diese werden hingehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber in das ewige Leben. Mt 25,46;


Aus den bisher angeführten Schriftstellen lässt sich zweierlei erkennen:

-  Jesus Christus hat den guten Samen des Reiches Gottes unter den Menschen auf dem Acker der Welt gesät.

-  Der Teufel hat seinen Samen des Unglaubens und der Bosheit dazwischengestreut.

-  Gott lässt beides in den Menschen unbehindert bis zur Ernte – also bis zum Ende dieser Welt – wachsen.

-  Dann wird der Sohn Gottes mit seinen Engeln kommen und die Gerechten von den Bösen trennen.

-  Die einen ererben das ewige Leben im himmlischen Reich Gottes, während die anderen in das ewige Feuer geworfen werden.


An diesem Ablauf ist zu erkennen, dass zwar von der „Saat” bis zur „Ernte” alles mit der Bezeichnung „Reich Gottes” erklärt wird, doch das eigentliche und tatsächliche Reich Gottes, die „Scheune”, ist nicht materieller Natur. Es ist vorerst einmal für uns Menschen eine geistige Kategorie, vergleichbar etwa mit der Entscheidung eines jungen Menschen, Leistungssport zu betreiben. Dazu benötigt er natürlich körperliche Kondition. Jedoch um durch hartes und konsequentes Training zu wettbewerbsfähigen physischen Kapazitäten zu gelangen, bedarf es davor einer mentalen Entscheidung. Er muss seine Einstellung ändern und sich voll und ganz für das von ihm gewählte Ziel einsetzen. Er muss die meisten anderen Bedürfnisse hintanstellen, um durch Disziplin und harte Arbeit schließlich zur Spitze vorzustoßen.

Wir sehen, auch hier geht dem sichtbaren Erfolg eine Phase der geistigen Entscheidung, ja man könnte sogar sagen, des geistigen Kampfes voraus. Und ebenso, wie es im Sport nur allzu oft Leute gibt, welche schließlich die Disziplin nicht durchhalten können und die von ihnen verlangten Opfer nicht mehr erbringen wollen, gibt es auch im Glaubensleben Menschen, welche zwar begonnen, aber dann eher halbherzig zurückgesteckt haben.

Dass nun im obigen Gleichnis von der Ernte das Unkraut verbrannt wird und nicht in die Scheune kommt, ist einleuchtend. Weniger offensichtlich ist aber die Tatsache, dass natürlich auch vom guten Samen nicht jedes Korn seine Frucht bringt, wie das nächste Gleichnis zeigt:

Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.

Mt 13,1 An demselben Tage ging Jesus aus dem Hause und setzte sich an den See. 13,2 Und es versammelte sich eine große Menge bei ihm, so daß er in ein Boot stieg und sich setzte, und alles Volk stand am Ufer.

13,3 Und er redete vieles zu ihnen in Gleichnissen und sprach: Siehe, es ging ein Sämann aus, zu säen. 13,4 Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg; da kamen die Vögel und fraßen es auf.

13,5 Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. 13,6 Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.

13,7 Einiges fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen empor und erstickten es.

13,8 Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.

13,9 Wer Ohren hat, der höre! Mt 13, 1- 9;

(Siehe auch den Exkurs 01: „Die Auslegung der prophetischen Schriften.”)

Auch im nächsten, allgemein gut bekannten Gleichnis von den zehn Brautjungfrauen, ist nicht mehr von den Ungläubigen und Gottlosen die Rede. Alle zehn sind zur Hochzeit geladen, also müssen alle zehn zu den Gläubigen zählen.

Dann wird es mit dem Reich der Himmel sein wie mit zehn Brautjungfrauen.

Mt 25,1 Dann wird es mit dem Reich der Himmel sein wie mit zehn Brautjungfrauen, die ihre Lampen nahmen und hinausgingen, dem Bräutigam entgegen.

25,2 Fünf aber von ihnen waren töricht und fünf klug. 25,3 Denn die Törichten nahmen ihre Lampen und nahmen kein Öl mit sich; 25,4 die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. 25,5 Als aber der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.

25,6 Um Mitternacht aber entstand ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Geht hinaus, ihm entgegen! 25,7 Da standen alle jene Jungfrauen auf und schmückten ihre Lampen. 25,8 Die Törichten aber sprachen zu den Klugen: Gebt uns von eurem Öl! Denn unsere Lampen erlöschen. 25,9 Die Klugen aber antworteten und sagten: Nein, damit es nicht etwa für uns und euch nicht ausreiche! Geht lieber hin zu den Verkäufern und kauft für euch selbst! 25,10 Als sie aber hingingen, zu kaufen, kam der Bräutigam, und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit; und die Tür wurde verschlossen.

25,11 Später aber kommen auch die übrigen Jungfrauen und sagen: Herr, Herr, öffne uns! 25,12 Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht.

25,13 So wacht nun! Denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde. Mt 25, 1-13;


Auch dieser Text bringt ganz deutlich zum Ausdruck, dass mit „Reich Gottes” hier noch keine räumliche Domäne und auch kein finaler Zustand, sondern die Entwicklung einer bestimmten Geisteshaltung unter den Menschen gemeint ist. Diese fünf törichten Brautjungfrauen, haben weder daran gedacht, dass sie eventuell längere Zeit warten müssten und daher eine volle Füllung Öl in ihren Lampen benötigten, noch eine Reservekanne Öl mitgenommen, um für einen solchen Fall vorbereitet zu sein.

Das sind natürlich alles Metaphern. Aber was dieses Gleichnis eigentlich sagen will, ist, dass diese fünf Törichten gar kein echtes Interesse hatten, an der Hochzeit des Bräutigams teilzunehmen. Dies ist ihre eigentliche Schuld. Sie hatten keine Vorbereitungen getroffen. Sie hatte die Lampen so genommen, wie sie gerade waren. Haben nicht einmal kontrolliert, wie viel Öl noch darin enthalten war, geschweige denn, dass sie sich zusätzliches Öl besorgt hätten. Wir kennen alle solche Situationen aus dem täglichen Leben: wenn jemand Dinge tut oder tun muss, die er eigentlich nicht mag, dann kommt es immer wieder zu Fehlern.

Das Reich Gottes ist also im Bereich des menschlichen Lebens mit einer Geisteshaltung zu vergleichen. Und wie wir bei den zehn Brautjungfrauen oben gesehen haben, ist es nicht einfach zu unterscheiden, wer nun diese oder jene Einstellung hat. Als sie gekommen sind, hätte niemand sagen können, welche von ihnen aus Überzeugung gekommen ist und welche nicht.

Und genau dies sagte auch der Herr den Pharisäern, als sie ihn fragte, wann denn das Reich Gottes kommen würde.

Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man es beobachten könnte.

Lk 17,20 Und als er von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man es beobachten könnte; 17,21 auch wird man nicht sagen: Siehe hier! Oder: Siehe dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Lk 17,20-21;


Das Reich Gottes ist also mitten unter uns – manche (z. B. King James Version, Jubiläumsbibel) übersetzen auch „within you / inwendig in euch”. Diese Stelle führt verständlicherweise auch M. Mosimann in seinem eingangs zitierten Kommentar an. Seine weitere Aussage:

„Über die Natur des Reiches Gottes scheint mir allerdings einige Unsicherheit zu herrschen. Hier projizieren viele Kirchen und Gemeinden das Reich Gottes in diese Welt hinein, weil sie sich selbst als Institution des Reiches Gottes verstehen - und immer verstanden haben.”


Hier muss man vollinhaltlich zustimmen. Viele christliche Kirchen haben bis heute diesen Begriff des Reiches Gottes ohne tiefergehende Prüfung für sich selbst vereinnahmt und unter vielen Gläubigen herrscht nicht nur Unsicherheit, sondern schlicht und einfach Unwissenheit, was die Bedeutung und den Inhalt dieses Begriffes anlangt.

Hiezu kommt, dass es durchaus auch in theologischen Kreisen gewisse Unsicherheiten gibt, welche hauptsächlich auf die etwas irreführende Übersetzung „Reich” Gottes zurückzuführen sind. Damit wird gedanklich – mehr unbewusst als bewusst – ein „Bereich”, ein „Gebiet” in Verbindung gebracht, was den weiteren Gedankengang sofort in eine falsche Richtung lenkt.

Nimmt man die Originalbezeichnung „Königsherrschaft” Gottes, erkennt man die ganz andere Dimension dieser Aussage viel besser. Und damit lassen sich auch die drei „Zustände” des Reiches Gottes viel besser erklären. Reich – also Königsherrschaft - Gottes ist immer dort, wo Gott die Herrschaft hat.

-  In seiner ersten, geistigen Phase, im Geist des Menschen „inwendig in euch”, wie der Herr sagt.

-  In seiner zweiten, materiellen und irdischen Phase im Millennium, dem tausendjährigen Friedensreich unseres Herrn Jesus Christus auf Erden. Da Christus seine Macht und Herrlichkeit vom Vater erhalten wird, wird auch dies eine Königsherrschaft Gottes sein.

-  In seiner dritten und endgültigen Phase, in der Neuen Schöpfung in der Ewigkeit, wenn der Sohn die Herrschaft dem Vater übergibt und Gott alles in allem ist.


(Siehe auch die Tabelle 09: „Der Heilsplan Gottes und seine Auswirkungen auf die Schöpfung”.)

In seinem ersten Brief an die Korinther skizziert Paulus diese drei Phasen recht genau:

Dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt.

1Kor 15,22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden. 15,23 Jeder aber in seiner eigenen Ordnung: der Erstling, Christus; sodann die, welche Christus gehören bei seiner Ankunft; 15,24 dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt; wenn er alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht weggetan hat. 15,25 Denn er muß herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. 15,26 Als letzter Feind wird der Tod weggetan.

15,27 «Denn alles hat er seinen Füßen unterworfen. »Wenn es aber heißt, daß alles unterworfen sei, so ist klar, daß der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. 15,28 Wenn ihm aber alles unterworfen ist, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei. 1Kor 15,22-28;


Paulus spricht hier davon, dass in Christus alle lebendig gemacht – also auferstehen – werden. Als Erstling ist Christus selbst nach seiner Kreuzigung auferstanden und zum Vater in den Himmel aufgefahren. Als nächstes werden bei seiner Ankunft – also bei der Wiederkunft des Herrn - jene auferstehen, welche Christus angehören. Damit ist die Auferweckung der Toten in Christus und ihre Entrückung (1Kor 15,50-53; Mt 24,31) mit den lebenden Gläubigen nach der Großen Trübsal gemeint. Bis zu diesem Zeitpunkt herrscht Gott nur im Geist der Gläubigen. Dies ist die erste – die geistige - Phase der Königsherrschaft Gottes.

(Siehe auch Kapitel 062: „Die Wiederkunft des Herrn – Teil 2 / Die Entrückung”.)

„Dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt, wenn er alle Herrschaft und Gewalt weggetan hat”. Mit dem „Ende” ist natürlich das Ende der Welt gemeint. Vorher jedoch wird dieses „Reich”, welches dann am Ende übergeben wird, als das tausendjährige Friedensreich des Sohnes Gottes auf Erden aufgerichtet (Off 20,4-5). In Jesus Christus herrscht Gott über die ganze Welt. Es wird keine Kriege geben und jede menschliche Herrschaft und Gewalt wird weggetan. Das ist die zweite – die materielle und irdische – Königsherrschaft Gottes.

(Siehe auch Kapitel 10: „Das Millennium”.)

Am Ende dieser tausend Jahre – und damit am Ende der Welt - wird nach der Allgemeinen Auferstehung und dem Weltgericht (Off 20,11-15), der erste Himmel und die erste Erde vergehen und Gott erschafft eine neue Erde und einen neuen Himmel – die Neue Schöpfung (Off 21,1). Und nun übergibt der Sohn das vormals irdische Reich, in dem er alle Gewalt und Herrschaft weggetan hat, dem Gott und Vater. „Dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei”. Das ist der dritte, endgültige und ewige Zustand der Königsherrschaft Gottes.

(Siehe auch Kapitel 11: „Das Ende der Welt”.)

(Siehe auch Kapitel 12: „Die Auferstehung”.)

(Siehe auch Kapitel 13: „Das Weltgericht”.)

(Siehe auch Kapitel 14. „Die Neue Schöpfung”.)

Damit zeigt sich aber, dass die beiden eingangs von M. Mosimann erwähnten gegensätzlichen Auffassungen in Bezug auf das Reich Gottes:

-  einerseits jene der Präteristen, welche meinen, das Reich Gottes wäre einzig und ausschließlich als geistige Dimension zu verstehen und

-  andererseits das Selbstverständnis vieler Kirchen und Gemeinden, welche „Reich Gottes” auf sich beziehen und damit einen ausschließlich irdischen Konnex herstellen


extreme Standpunkte darstellen und einer genaueren Prüfung durch die Schrift nicht standhalten. Wie oben ausgeführt, hat das Reich Gottes – wenn man so will – eine geistige, eine materiell irdische und eine himmlische Dimension. Während die Kirchen jedoch in Negation aller biblischer Aussagen zu diesem Thema sichtlich nur ihre eigene Bedeutung und Einflusssphäre wahren wollen, decken die Präteristen mit ihrer Sicht zumindest die geistige und die himmlische Dimension ab. Dass sie die Königsherrschaft Gottes im Millennium auf Erden unberücksichtigt lassen ist irgendwo verständlich, da es naturgemäß schwierig ist, diese tausend Jahre in den wenigen Jahren am Ende des ersten Jahrhunderts unterzubringen.


Nach dieser Analyse des Begriffes „Reich Gottes”, der zweite Teil des Kommentars von M. Mosimann:


(Texte in einem schwarzen Rahmen sind Zitate von Besuchern dieser Site oder anderen Autoren!)

(Wird das Reich Gottes auf Erden nicht sichtbar verwirklicht werden? / Replik MM 01, 2003-01-06)

Vor diesem Hintergrund sind auch die Diskussionen über die Geistesgaben (z.B. 1. Korinther 12) zu verstehen. Wenn wir tatsächlich immer noch in diesem Zustand des „schon - aber noch nicht”, leben würden, müssten wir anerkennen, dass es Menschen gibt, die mit der Gabe des „prophetischen Redens” oder des „Zungenredens” Inhalte vermitteln, die den biblischen Schriften gleichzustellen sind. Glauben Sie das? Paulus liefert uns mit dem Hinweis auf den Exodus im Alten Testament eine deutliche Beschreibung dieser Übergangszeit („schon - aber noch nicht”) und wendet diese Liminalität auf sich und seine Zeitgenossen („uns”) an: Es lohnt sich, den ganzen Abschnitt im Zusammenhang zu lesen:

1. Korinther 10,1-11: „Ich will euch aber, liebe Brüder, nicht in Unwissenheit darüber lassen, daß unsre Väter alle unter der Wolke gewesen und alle durchs Meer gegangen sind; und alle sind auf Mose getauft worden durch die Wolke und durch das Meer und haben alle dieselbe geistliche Speise gegessen und haben alle denselben geistlichen Trank getrunken; sie tranken nämlich von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus. Aber an den meisten von ihnen hatte Gott kein Wohlgefallen, denn sie wurden in der Wüste erschlagen. Das ist aber geschehen uns zum Vorbild, damit wir nicht am Bösen unsre Lust haben, wie jene sie hatten. Werdet auch nicht Götzendiener, wie einige von ihnen es wurden, wie geschrieben steht: »Das Volk setzte sich nieder, um zu essen und zu trinken, und stand auf, um zu tanzen.« Auch laßt uns nicht Hurerei treiben, wie einige von ihnen Hurerei trieben: und an einem einzigen Tag kamen dreiundzwanzigtausend um. Laßt uns auch nicht Christus versuchen, wie einige von ihnen ihn versuchten und wurden von den Schlangen umgebracht. Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten und wurden umgebracht durch den Verderber. Dies widerfuhr ihnen als ein Vorbild. Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist.”

Die Kirchen wähnen sich immer noch in der Wüste und warten auf das Ende der Zeiten, auf ein 1000-jähriges Friedensreich auf Erden, auf die Verwirklichung des Reiches Gottes, auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, usw. Der irdische Fokus der Kirchen ist nicht zufrieden mit einem Glauben, der ausschliesslich an das Unsichtbare geknüpft ist. Er erwartet den sichtbaren Ausdruck des Reiches Gottes auf Erden wie die Juden den irdischen König Jesus Christus erwartet hatten - und enttäuscht wurden.

(Markus Mosimann m.mosimann@mopa.ch )



Ich habe diesen Anschnitt mit Aufmerksamkeit gelesen, kann aber beim besten Willen keinen Zusammenhang mit dem darin erwähnten Aspekt der Liminalität feststellen. Es wird hier die Aussage des Paulus in 1Kor 10,1 zitiert „... Es ist aber geschrieben uns zur Warnung ...”. Wenn wir jedoch auch den Kontext berücksichtigen, so warnt Paulus hier davor - ebenso wie Israel damals - in Sünde zu fallen und den Herrn zu versuchen.

Ich finde hier nicht nur keine Spur einer Liminalität, sondern ich sehe im Gegenteil die Präteristen in einer ähnlichen Position, wie Israel nach dem Exodus in der Wüste. Auch große Teile des Volkes Israel hatten damals bezweifelt, dass Gott seine irdische Verheißung erfüllen würde, ja sogar dass Mose vom Berg Sinai herabkommen würde. Sie wollten nicht glauben und nicht warten und machten sich daher ein goldenes Kalb und beteten es an. Gleichermaßen agiert Israel heute. Sie wollten nicht warten, bis sie ihr Gott sammeln und im Heiligen Geist in ihr Land zurückführen würde. Sie haben sich selbst zurückgeführt und sich einen eigenen Staat gegründet.

(Siehe auch den Diskurs 41: „Die Halsstarrigkeit Israels in Gegenwart und Vergangenheit”.)

Jeder, der nun bezweifelt, dass die irdischen Verheißungen Gottes ihre reale Erfüllung finden werden und behauptet, dass alle diese Prophezeiungen vergeistigt werden müssen, befindet sich in einer ähnlichen Situation und im Widerspruch zur Aussage des Herrn in Lk 5,17-18:

Ich bin nicht gekommen das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Mt 5,17 Meint nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. 5,18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Mt 5,17-18;


Und obwohl ich mich nun nicht als Verteidiger der Amtskirchen sehe, muss ich doch darauf hinweisen, dass es nicht ausschließlich die Kirchen sind, welche „auf ein 1000-jähriges Friedensreich auf Erden” und „auf einen neuen Himmel und eine neue Erde” warten, sondern dass dies Prophezeiungen der Bibel sind.

Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre.

Off 20,1 Und ich sah einen Engel aus dem Himmel herabkommen, der den Schlüssel des Abgrundes und eine große Kette in seiner Hand hatte. 20,2 Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist; und er band ihn tausend Jahre 20,3 und warf ihn in den Abgrund und schloß zu und versiegelte über ihm, damit er nicht mehr die Nationen verführe, bis die tausend Jahre vollendet sind. Nach diesem muß er für kurze Zeit losgelassen werden. Off 20, 1- 3;

Sie werden Priester Gottes und des Christus sein und mit ihm herrschen die tausend Jahre.

Off 20,4 Und ich sah Throne, und sie setzten sich darauf, und das Gericht wurde ihnen übergeben; und ich sah die Seelen derer, die um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen enthauptet worden waren, und die, welche das Tier und sein Bild nicht angebetet und das Malzeichen nicht an ihre Stirn und an ihre Hand angenommen hatten, und sie wurden lebendig und herrschten mit dem Christus tausend Jahre.

20,5 Die übrigen der Toten wurden nicht lebendig, bis die tausend Jahre vollendet waren. Dies ist die erste Auferstehung. 20,6 Glückselig und heilig, wer teilhat an der ersten Auferstehung! Über diese hat der zweite Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und des Christus sein und mit ihm herrschen die tausend Jahre. Off 20, 4- 6;

Satan wird hinausgehen, die Nationen zu verführen, die an den vier Ecken der Erde sind.

Off 20,7 Und wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan aus seinem Gefängnis losgelassen werden 20,8 und wird hinausgehen, die Nationen zu verführen, die an den vier Ecken der Erde sind, den Gog und den Magog, um sie zum Krieg zu versammeln; deren Zahl ist wie der Sand des Meeres. 20,9 Und sie zogen herauf auf die Breite der Erde und umzingelten das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt; und Feuer kam aus dem Himmel herab und verschlang sie. Off 20. 7-9;


Wie sollte man denn nun diese 1000 Jahre interpretieren? Wenn es hier heißt:

-  „ ...und band den Satan tausend Jahre ...”

-  „ ...damit er nicht mehr verführe die Nationen bis die tausend Jahre vollendet sind.”

-  „ ...sie wurden lebendig und herrschten mit dem Christus tausend Jahre.”

-  „ ...die übrigen Toten werden erst lebendig, wenn die tausend Jahre vollendet sind ...”

-  „ ...sie werden Priester Gottes und des Christus sein und mit ihm herrschen die tausend Jahre ... ”

-  „ ...wenn die tausend Jahre vollendet sind, wird der Satan losgelassen ...”


und dann noch ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass dies alles „auf der Erde” geschehen wird (Off 20,9), wie gelingt es den Präteristen, dieses alles ins „Unsichtbare” und in zehn oder zwanzig Jahre am Ende des ersten Jahrhunderts zu verlagern?

Ebenso die Prophezeiungen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Wenn es einerseits in Off 20,11 heißt:

Die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden.

Off 20,11 Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß, vor dessen Angesicht die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden. Off 20,11;


und andererseits in Off 21,1:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen.

Off 21,1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Off 21, 1;


so frage ich mich, wie man nach präteristischer Auffassung das Vergehen eines ganzen Universums und das Erstehen eines neuen Universums in den Bereich des „Unsichtbaren” verlegen will?

Und schließlich ist die Aussage, dass „die Juden den irdischen König Jesus Christus erwartet hatten - und enttäuscht wurden” so nicht richtig. Nicht die Juden waren enttäuscht, sondern Christus war enttäuscht, dass sie ihn nicht aufgenommen hatten. Wenn sie ihn nämlich so, wie er gekommen war, angenommen hätten, dann hätten sich die Prophezeiungen erfüllt und das tausendjährige Reich wäre schon damals auf Erden aufgerichtet worden. Das bestätigt uns der Herr in Mt 11,10-14:

Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der kommen soll.

Mt 11,10 Dieser ist es, von dem geschrieben steht: «Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird.»

11,11 Wahrlich, ich sage euch, unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Reich der Himmel ist größer als er. 11,12 Aber von den Tagen Johannes des Täufers an bis jetzt wird dem Reich der Himmel Gewalt angetan, und Gewalttuende reißen es an sich. 11,13 Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes.

11,14 Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der kommen soll. 11,15 Wer Ohren hat, der höre! Mt 11,10-14;


Der Herr zitiert hier den Propheten Maleachi:

Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereite.

Mal 3,1 Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereite. Und plötzlich kommt zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Engel des Bundes, den ihr herbeiwünscht, siehe, er kommt, spricht der HERR der Heerscharen. Mal 3, 1;

Ich sende euch den Propheten Elia, er wird das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern umkehren lassen.

Mal 3,23 Siehe, ich sende euch den Propheten Elia, bevor der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare.

3,24 Und er wird das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu ihren Vätern umkehren lassen, damit ich nicht komme und das Land mit dem Bann schlage. Mal 3,23-24;


Die 70 Mitglieder des Sanhedrin (Synedrion, Hoher Rat) in Jerusalem, welche sowohl aus dem sadduzäischen Priesteradel, als auch aus den pharisäischen Schriftgelehrten stammten, unter dem Vorsitz des Hohenpriesters Kaiphas, wussten – als Schriftgelehrte und Kenner der Prophetenbücher - wer dieser Jesus von Nazareth tatsächlich war. Und weil sie daher fürchten mussten, dass es mit ihrer Macht und ihrem Einfluss bald aus sein würde, wenn sie ihn als den Messias, der er war, anerkennen würden, unternahmen sie alles, um ihn zu verleumden und durch falsche Zeugenaussagen unter der haarsträubenden Anklage der „Gotteslästerung” zum Tode zu verurteilen.

Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen.

Mt 26,59 Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen; 26,60 und sie fanden keins, obwohl viele falsche Zeugen herzutraten. Zuletzt aber traten zwei falsche Zeugen herbei 26,61 und sprachen: Dieser sagte: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen ihn wieder aufbauen. 26,62 Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts? Was zeugen diese gegen dich?

26,63 Jesus aber schwieg. Und der Hohepriester sagte zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes! 26,64 Jesus spricht zu ihm: Du hast es gesagt. Doch ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen auf den Wolken des Himmels.

26,65 Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat gelästert. Was brauchen wir noch Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Lästerung gehört. 26,66 Was meint ihr? Sie aber antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig. Mt 26,59-66;


Doch der Herr hat gewusst, dass es so kommen würde und hat es den Pharisäern und Schriftgelehrten in einem treffenden Gleichnis prophezeit:

Dies ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten, und das Erbe wird unser sein.

Mk 12,1 Und er fing an, in Gleichnissen zu ihnen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und setzte einen Zaun darum und grub einen Keltertrog und baute einen Turm; und er verpachtete ihn an Weingärtner und reiste außer Landes.

12,2 Und er sandte zur bestimmten Zeit zu den Weingärtnern einen Knecht, um von den Weingärtnern etwas von den Früchten des Weinbergs zu empfangen. 12,3 Sie aber nahmen ihn, schlugen ihn und sandten ihn leer fort.

12,4 Und wieder sandte er einen anderen Knecht zu ihnen; und den verwundeten sie am Kopf und beschimpften ihn. 12,5 Und er sandte einen anderen, und den töteten sie; und viele andere; die einen schlugen sie, die anderen töteten sie.

12,6 Noch einen hatte er, einen geliebten Sohn, den sandte er als letzten zu ihnen, indem er sprach: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 12,7 Jene Weingärtner aber sprachen zueinander: Dies ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten, und das Erbe wird unser sein. 12,8 Und sie nahmen und töteten ihn und warfen ihn zum Weinberg hinaus.

12,9 Was wird der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen geben. Mk 12, 1- 9;


Der Besitzer des Weinberges in diesem Gleichnis ist natürlich Gott und der Weinberg ist Israel. Die Weingärtner, an welche der Weinberg verpachtet wurde, sind die Führer des Volkes Israel im Laufe seiner langen Geschichte. Die Knechte stellen die Knechte Gottes – die Propheten - dar, welche von Gott gesandt waren und von den Herrschern Israels immer wieder verfolgt, vertrieben oder gar getötet wurden.

Der geliebte Sohn schließlich, den der Besitzer des Weinbergs als Letzten zu ihnen sandte, ist der Sohn Gottes, unser Herr Jesus Christus. Diese letzten Weingärtner, die den Sohn getötet haben, sind die Führer des Volkes Israel zur Zeit Jesu: die Mitglieder des Sanhedrin unter der Führung des Hohenpriesters Kaiphas.

Und nun ist der Aussage in diesem Gleichnis: „Jene Weingärtner aber sprachen zueinander: Dies ist der Erbe; kommt, laßt uns ihn töten, und das Erbe wird unser sein” ganz eindeutig zu entnehmen, dass diese Leute genau wussten, wen sie vor sich hatten. Und das Ziel ihres Handelns war unzweifelhaft die Erhaltung ihrer eigenen Macht.



(Texte in einem schwarzen Rahmen sind Zitate von Besuchern dieser Site oder anderen Autoren!)

(Sind wir schon von den Toten auferstanden? / Replik MM 02, 2003-01-06)

Abschliessend zu diesem Thema möchte ich erwähnen, dass viele Menschen eher bereit sind, den Aposteln in Bezug auf die Naherwartung der Wiederkunft Jesu und der vollständigen Aufrichtung des Reiches Gottes (neue Erde, neuer Himmel) einen Irrtum zu unterstellen, als die Realität einer geistlichen Erfüllung anzuerkennen. C.S. Lewis ging sogar so weit, dass er selbst Christus einen Irrtum unterstellte und die Schriftstelle in Matthäus 24,34 („Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.”) als den „peinlichsten Vers der Bibel” zitierte (aus seinem Buch „the world's last night”). Anmerkung: Dass man mit den Theorien der Quantenmechanik den Glauben an eine geistliche Realität auf eine beweisbare Ebene rücken möchte, halte ich für genauso bedenklich - selbst wenn ich diese Theorien selbst als bemerkenswerte wissenschaftliche Leistung anerkenne, die an die Grenzen unserer physikalischen Realität stösst. Solange wir in irdischen Kategorien denken, schliessen wir das Reich Gottes aus:

„Das sage ich aber, liebe Brüder, daß Fleisch und Blut nicht können das Reich Gottes ererben; auch wird das Verwesliche nicht erben das Unverwesliche.” (1. Korinther 15,50).

Wenn Christus vor 2000 Jahren sagte, das Reich Gottes sei nahe herbeigekommen (Markus 1,15), und er Johannes schreiben liess, dass die Ereignisse der Offenbarung „in Kürze” (Offb. 1,1) stattfinden würden und er wiederholt darauf verwies, dass er „bald” kommen wird (Offb. 22), dann fehlt mir einfach das Verständnis dafür, dass man diese und viele andere Zeugnisse im Neuen Testament gegen die Erwartung der sichtbaren Erfüllung aufwiegt und Letzterem den Vorrang einräumt.

Zusammenfassend halte ich fest, dass unser irdisches Leben als Christen dem Zustand dieser Liminalität (schon - aber noch nicht) gleich kommt, während die heilsgeschichtlichen Ereignisse vollständig erfüllt sind. Wenn wir an Christus glauben, werden wir nicht gerichtet und wer nicht glaubt, ist schon gerichtet (Joh. 3,18). Wir sind von den Toten auferstanden (Kol. 3,1) - und wir haben volle Gewissheit, wo wir sind und sein werden, wenn unser Leib stirbt - eine Frage, auf die ich im nächsten Mail eingehen möchte. Es ist mir bewusst, dass eine solch kurze Zusammenfassung meiner Argumentation viele Fragen offen lässt. Ich möchte aber trotzdem versuchen, nächstens auch ihre weiteren Fragen zu beantworten. Verbleibende Fragen: - Was geschieht mit den Toten? - Wo sind die Gerechten? - Wo sind die Gottlosen? - Wo ist der Satan? Gibt's den noch? - Wie lange wird die Welt bestehen? - Was geschieht danach? - Wie ist die Auferstehung in der Schrift zu verstehen? - Was ist mit dem Weltgericht?

(Markus Mosimann m.mosimann@mopa.ch )



Der obigen Behauptung der „Realität einer geistlichen Erfüllung” der „neuen Erde, neuer Himmel” möchte ich nochmals die Aussagen der Schrift entgegenstellen:

Die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden.

Off 20,11 Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß, vor dessen Angesicht die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden. Off 20,11;

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen.

Off 21,1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Off 21, 1;


Und wenn nun aus präteristischer Sicht die Auffassung vertreten wird, dass „die heilsgeschichtlichen Ereignisse vollständig erfüllt sind”, dann wäre zu klären, auf welcher Erde und unter welchem Himmel wir heute leben, wenn die erste Erde und der erste Himmel bereits vergangen sein sollen? Wann wurde der neue Himmel und die neue Erde erschaffen und wieso gibt es jetzt auf dieser neuen Erde doch noch ein Meer – obwohl die Prophezeiung besagt, dass das Meer nicht mehr sein wird? Und hier kann nicht irgendeine „symbolische” Bedeutung hineininterpretiert werden. Wenn Himmel und Erde als reale Größen zu verstehen sind, kann das Meer keine Metapher sein.

Was uns nun Paulus in 1Kor 15,50 sagt:

Dies aber sage ich, Brüder, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben können.

1Kor 15,50 Dies aber sage ich, Brüder, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben können, auch die Vergänglichkeit nicht die Unvergänglichkeit erbt. 1Kor 15,50;


ist keinesfalls „dass wir Christen im verwirklichten (geistlichen) Reich Gottes leben”, wie es am Beginn des Kommentars heißt, sondern wie Paulus gleich anschließend den Korinthern mitteilt, das Ereignis der Auferweckung und Entrückung:

Die Toten werden auferweckt werden, unvergänglich sein, und wir werden verwandelt werden.

1Kor 15,51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, 15,52 in einem Nu, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; denn posaunen wird es, und die Toten werden auferweckt werden, unvergänglich sein, und wir werden verwandelt werden. 15,53 Denn dieses Vergängliche muß Unvergänglichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. 1Kor 15,51-53;


Es werden also zu diesem Zeitpunkt die Toten auferweckt werden und einen unvergänglichen Geistleib erhalten und auch der Körper der dann noch lebenden Gläubigen wird in einen Geistleib verwandelt. Hier zeigt sich ganz deutlich die Dialektik dieser Aussagen

-  einerseits die lebenden, vergänglichen, sterblichen – und keinesfalls „geistlichen” Körper der Lebenden,

-  andererseits deren Verwandlung in Unvergänglichkeit und Unsterblichkeit.


Schließlich wird oben auf die Aussagen des Herrn Bezug genommen, welche das Reich Gottes als „nahe herbeigekommen” bezeichnen. Wie ich bereits im ersten Teil dieses Diskurses ausgeführt habe, meint dies die Herrschaft des Heiligen Geistes in uns, den Gläubigen. Also die geistige Phase der Königsherrschaft Gottes.

Jene Texte, welche eine Erfüllung „in Kürze”, ein „baldiges Kommen” etc. zum Ausdruck bringen, sind nun tatsächlich der Grund, warum wir uns immer wieder mit diesem Problem auseinandersetzen müssen. Wenn es hier, neben manchen außerbiblischen, auch einige schriftgebundene Lösungsvorschläge gibt, wie z. B.

Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht der Sohn, sondern der Vater allein.

Mt 24,36 Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel in den Himmeln, auch nicht der Sohn, sondern der Vater allein. Mt 24,36;


stimme ich doch dem Urteil voll zu, dass dies unbefriedigend ist.

Allerdings muss ich gestehen, dass auch mir das Verständnis dafür fehlt, dass in der präteristischen Sicht Dutzende Prophezeiungen aus dem AT und NT trotz ihres absolut realen Bezuges, mit teilweise wenig glaubwürdigen und mit der Realität einfach nicht übereinstimmenden Argumenten „vergeistigt” werden, um ganz wenige Aussagen, wie Off 1,1 oder 22,20 aufrecht erhalten zu können.



(Texte in einem schwarzen Rahmen sind Zitate von Besuchern dieser Site oder anderen Autoren!)

(Ist das Ende der Zeiten im Jahre 70 gewesen? / Replik MM 03, 2003-01-22)

Ihr Kommentar auf meine Replik vom 6. Januar 2003 hat nun eine ganze Fülle von neuen Fragen ergeben und ich möchte im Folgenden einzelne Punkte, wie z.B. die heilsgeschichtliche Einordnung der ersten Gemeinden aufgreifen und mit nächster Post auf die tausend Jahre in Offenbarung 20 eingehen.

Heilsgeschichtliche Einordnung der ersten Gemeinden

Sie haben erwähnt, dass Sie keinen Zusammenhang mit der von mir erwähnten Liminalität der apostolischen Zeit und 1. Korinther 10 feststellen können und ich möchte deshalb diese heilsgeschichtliche Beziehung der ersten Gemeinden mit dem Exodus etwas vertiefen.

Für mein biblisches Verständnis verbindet Paulus in 1. Korinther 10 diese Übergangszeit, in der sich die ersten Gemeinden befanden, mit dem Vorbild bzw. dem warnenden Beispiel des Exodus im Alten Testament. Und diese Zeit der Wüstenwanderung zwischen dem Roten Meer und dem Jordan bzw. Jericho lässt sich durchaus als eine Art Liminalität verstehen, in der sich - wie zur Zeit der Apostel auch - Gottes Gegenwart und Führung durch sichtbare Wunder und Zeichen manifestierte. Natürlich haben sowohl der Exodus als auch die Zeit der Apostel ihre mahnende Bedeutung bis heute nicht verloren. Aber wenn Paulus diese Warnung des Exodus auf seine Zeitgenossen anwendet, „auf die das Ende der Zeiten gekommen ist” (1. Kor. 10,11), dann hat dieser Hinweis auch eine heilsgeschichtliche Bedeutung, was die Einordnung der ersten Gemeinden anbelangt.

Interessanterweise haben Sie in Ihrem Kommentar den Vers 11 aus 1. Korinther 10 nur bis zur Hälfte zitiert:

„... Dies widerfuhr ihnen als ein Vorbild. Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, ...”

Sie werden mit mir einig sein, dass erst das vollständige Zitat einer Bibelstelle den Kontext herstellen kann und hier steht nun folgendes:

„Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist.” (1. Kor. 10,11).

Auf wen ist das Ende der Zeiten gekommen und wofür steht der Exodus? Paulus sagt: „... uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist”. Wenn Sie nun dieses von Paulus zitierte „uns..., auf die das Ende der Zeiten gekommen ist” auf 2000 Jahre Kirchengeschichte (und vielleicht noch weit in die Zukunft) übertragen muss ich Sie anfragen, welche Kriterien Sie für „wörtliche” und welche Sie für „vergeistigte” Auslegung heranziehen. Hier beschreibt Paulus keine prophetische Vorhersage, hier geht es um die Ermahnung der Gemeinde in Korinth. Und ergänzend erklärt er, dass auf sie „das Ende der Zeiten gekommen ist”. Das schliesst wie oben erwähnt sicher nicht aus, dass diese Schriften bis heute eine Mahnung an uns Christen geblieben wären. Aber die heilsgeschichtliche Liminalität des Exodus wird hier im Sinne eines alttestamentlichen Typus auf eben die Zeit bezogen, als Paulus den Brief an die Korinther schrieb.

Ähnlich stellt auch der Schreiber des Hebräerbriefes seine Ermahnungen vor den Hintergrund des Exodus (siehe Hebräer 3 und 4). Und natürlich sind auch diese Warnungen gleichermassen auf sämtliche folgenden Generationen anzuwenden; lässt sich doch unser irdischer Lebensweg ebenfalls mit diesem Zustand der Liminalität vergleichen, in dem wir uns „rühmen der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird” (Römer 5,2). In diesem Sinne bleibt die gesamte Heilsgeschichte und die ganze Bibel für alle Zeiten als lebendige Botschaft, als Lehre und Mahnung verankert. Das heilsgeschichtliche Fundament jedoch ist fertig gebaut und der Heilsplan Gottes hat sich erfüllt. Der Bezug auf den Exodus im Hebräerbrief lässt sich nicht einfach von der Naherwartung der Wiederkunft (bzw. Ankunft) Christi abkoppeln, die an anderen Stellen des Briefes deutlich wird:

„Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.” (Hebr. 1,1-2).

„Denn »nur noch eine kleine Weile, so wird kommen, der da kommen soll, und wird nicht lange ausbleiben.” (Hebr. 10,37)

Der Exodus als (einer der) Schatten der zukünftigen Aufrichtung des Neuen Bundes und die Zeit vom Auftreten Christi auf dieser Welt bis zur Zerstörung Jerusalems als die letztendliche Erfüllung der Verheissungen Gottes haben einige interessante Parallelen, von denen ich hier stichwortartig einen kurzen Auszug auflisten möchte:

- AT: Sklavenschaft in Ägypten // NT: „... in der Knechtschaft der Mächte der Welt” (Gal. 4,3)

- AT: Passah, Blut von Schafen // NT: Passah, das Blut unseres Herrn Jesus Christus

- AT: Durchzug durch das Rote Meer; physische Erlösung von der Sklavenschaft // NT: Christus am Kreuz und Auferstehung; geistliche Erlösung

- AT: 50 Tage* nach Passah: Ankunft des Gesetzes (2. Mose 19,1 ff) // NT: 50 Tage nach Passah: Pfingsten, Ankunft des Heiligen Geistes (Apg. 2,1-2)

- AT: 3000 sterben, weil sie das Kalb anbeten (2. Mose 32,28) // NT: 3000 nehmen das Wort auf und werden gerettet (Apg. 2,41)

- AT: Ankunft im verhei0enen Land; Durchqueren des Jordans und Fall Jerichos (Josua 24,11-13) // NT: Königsherrschaft Gottes; Fall Jerusalems.

Beide Übergangszeiten waren gekennzeichnet von einer besonderen Gegenwart und Macht Gottes auf dieser Welt, die sich in sichtbaren Wundern und Zeichen ausdrückte.

* nach dem jüdischen Mondkalender


 (Markus Mosimann m.mosimann@mopa.ch )



Um die Ladezeiten für den Besucher in vertretbaren Grenzen zu halten, habe ich Ihren Kommentar zweigeteilt und den anderen Teil in einem Folgedokument eingefügt und kommentiert.

(Siehe auch den Diskurs 353: „Der präteristische Ansatz: Hat die Endzeit bereits stattgefunden? - 3. Teil”)


Dieser erste Teil Ihrer Argumentation hier oben bringt an sich nicht sehr viel Neues. Es sind im Prinzip alle jene Schriftstellen, welche eine Naherwartung der endzeitlichen Ereignisse - noch im 1. Jahrhundert n. Chr. - vermuten lassen und welche letztendlich auch mich bewogen haben, diesen Diskurs mit Ihnen aufzunehmen.

Dem entgegen steht aber das Faktum, dass vom Eintritt der endzeitlichen Prophezeiungen wie z. B.:

-  der Friede wird von der Erde genommen, die Menschen bekämpfen einander (Off 6,4)

-  Hungersnot und Seuchen (Off 6,8)

-  Erdbeben, Verfinsterung der Gestirne (Off 6,12)

-  Flächenbrände, welche 1/3 der weltweiten Vegetation vernichten (Off 8,7)

-  Vergiftung des Wassers in Meeren, Flüssen und Quellen (Off 8,8-11)

-  jeder dritte Mensch wird sterben (Off 9,15)

-  usw. usf.


nichts, aber auch schon gar nichts - weder in den Briefen der ersten Gemeinden bzw. der Kirchenväter noch in den Aufzeichnungen der damaligen Geschichtsschreiber - überliefert ist.

Und das, obwohl z. B. gerade aus dieser Zeit (79 n. Chr.) das, im Vergleich zu diesen weltweiten Katastrophen, welche stattgefunden haben müssten, eher bedeutungslose Ereignis des Untergangs der Stadt Pompeji, in der süditalienischen Provinz Neapel, welche am 24. 8. 79 bei einem Ausbruch des Vesuvs mitsamt einem Teil ihrer Einwohner verschüttet wurde, relativ gut dokumentiert ist. Der Versuch der Präteristen, für diese Prophezeiungen eine transzendente, auf Erden nicht sicht- und erkennbare Erfüllung im ersten Jahrhundert zu postulieren, ist daher wenig glaubhaft.

Für mein biblisches Verständnis sind diese, in der Schrift genannten Ereignisse der Endzeit viel zu real und ganz konkret auf diese unsere sichtbare physische Welt bezogen, als dass sie in der Weltgeschichte „verloren” gegangen sein könnten und dass ich sie ins Transzendente „verlagern” könnte. Und – um Missverständnissen vorzubeugen – nach Mt 24,29-31 werden sich zumindest die ersten drei der oben erwähnten Katastrophen noch vor der Wiederkunft des Herrn – welche Letztere ja nach präteristischer Sicht bereits vor 2000 Jahren erfolgt sein soll – ereignen.

Um Sie allerdings nicht mit einer weiteren Replik meinerseits zeitlich zu belasten und Sie so davon abzuhalten, die gestellten Fragen zu beantworten, werde ich Ihre Aussagen vorerst nicht weiter kommentieren. Wie ich bereits wiederholt erwähnte, halte ich Ihre Argumente für durchaus schriftkonform und möchte daher Ihre Sicht dieser von mir gestellten Fragen gerne kennen lernen, um mir ein tatsächliches Bild über den Gesamtzusammenhang der präteristischen Auffassung zu machen.

Der guten Ordnung halber möchte ich noch darauf hinweisen, dass Ihre Aufforderung an mich, ich sollte meine Kritik in Bezug auf die Staatengründung Israels „nicht nur an die Zionisten, sondern auch an jene futuristischen Kreise richten, die den heutigen Staat Israel als das wieder aufgerichtete Israel gemäß den biblischen Prophezeiungen verstehen” bei mit offene Türen findet.

Wenn Sie sich die Zeit nehmen und die Diskussionen bei Immanuel.at einmal durchsehen, werden Sie in einigen Diskursen zu diesem Thema recht engagierte Auseinandersetzungen finden. Ich versuche immer wieder darauf hin- und mit Schriftzitaten nachzuweisen, dass diese Erwartungshaltung vieler futuristischer Ausleger und christlicher Gemeinden weder den Aussagen der Schrift noch dem offensichtlichen Bild der Realität entspricht und daher falsch ist.

(Siehe auch den Diskurs 08: „Die Sammlung Israels: bereits seit 1948 oder erst in der Endzeit?”)

(Siehe auch den Diskurs 17: „Der weltgeschichtliche Ablauf: Prüfstein für die Auslegung des prophetischen Wortes?”)

(Siehe auch den Diskurs 29: „Leben wir in der Endzeit?”)

(Siehe auch den Diskurs 41: „Die Halsstarrigkeit Israels in Gegenwart und Vergangenheit”.)



Anonym 00, 2001-05-30 1. Teil

Replik Markus Mosimann 04-06, 2003-01-22      3. Teil