Diskurs 57 - Ist das Reich Gottes längst da?




Fand das Alte Testament mit dem Auftreten Jesu Christi seinen Abschluss? / Kommentar Karl Rapp 00, 2003-02-22

Das Reich Gottes und seine Erben. / Diskurs 94


(Texte in einem schwarzen Rahmen sind Zitate von Besuchern dieser Site oder anderen Autoren!)

(Fand das Alte Testament mit dem Auftreten Jesu Christi seinen Abschluss? / Kommentar KR00 2003-02-22+))

Mit einiger Bestürzung habe ich bei Ihnen folgendes gelesen:

o  Dem Frevel wird ein Ende gemacht.

o  Die Sünde wird abgetan.

o  Die Schuld wird gesühnt.

o  Es wird ewige Gerechtigkeit gebracht.

o  Gesicht und Weissagung werden erfüllt.

o  Das Allerheiligste wird gesalbt werden.

Wie es nun heute aussieht, kann von einem Ende des Frevels keine Rede sein, nicht in Israel und nicht in der Welt.”


Ich habe die Bibel (NT) dahingehend untersucht, ob diese 6 Punkte sich erfüllt haben. Und tatsächlich, alles hat sich nach diesen 70 Jahrwochen erfüllt. Wenn Sie daran interessiert sind, welche Bibelstellen ich dazu gefunden habe, schicke ich Ihnen gerne meine Darstellung (sieh weiter unten / Anm. FH).

Im übrigen sehe ich gerade Daniel 9/24 als einen Schlüsselvers überhaupt an. Wenn hier keine Einigkeit bei den Christen ist so fürchte ich, daß auch das Glaubensverständnis völlig unterschiedlich sein muß.
Die Auswirkung sehe ich z.B. daran, daß es Christen gibt die diesem Staat Israel in Palästina eine heilsgeschichtliche Bedeutung beimessen. Diese Meinung hatte ich auch lange, besonders durch die Prediger Dr. Koch, Wim Malgo, Langhammer etc.

Heute sehe ich in diesem Staat das Tier aus der Erde (Erez), aber niemals eine Rückkehr längst sich erfüllter Prophezeiungen.

Karl Rapp karl-rapp@t-online.de / http://www.Karl-Rapp.de



Nun, auch wenn Israel tatsächlich „das Tier aus der Erde (Erez)” (erez = hebr.: Erde) aus Off 13,11 und damit der „falsche Prophet” wäre - was es m. E. nicht ist - hätte es eine heilsgeschichtliche Bedeutung. Gerade dieser falsche Prophet ist es ja, welcher die Menschen dazu verführt, das Tier aus dem Meer - den Antichristen - anzubeten und trägt so dazu bei, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Dass der heutige Staat Israel und seine Gründung im Jahre 1948 keinesfalls die Erfüllung der von Gott im Alten Testament verheißenen Sammlung seines Volkes ist, ist in einigen Dokumenten bei Immanuel.at anhand der Schrift nachgewiesen worden. Nachdem der obige Kommentator diese Diskussionsbeiträge, wie es scheint, nicht gelesen hat, hier eine kurze Zusammenfassung:

In Bezug auf das heutige Israel sind wir absolut der gleichen Meinung. Auch ich verwerfe die Ansicht, dass die Staatengründung 1948 die von Gott prophezeite „Sammlung” Israels war. Auch ich bin der Meinung, dass sich das heutige Israel in keinster Weise von den anderen heidnischen Nationen unterscheidet. Im Gegenteil: Der ehemalige Staatspräsident Ezer Weizmann und der ehemalige Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wurden wegen Korruption rechtskräftig verurteilt und mussten zurücktreten. Ja sogar der Führer der religiösen Shahs-Partei - Ari Deri - wurde verurteilt. Der jetzige Ministerpräsident Ariel Scharon ist ein ehemaliger Terrorist und hat Hunderte Menschenleben auf dem Gewissen. Ein großer Teil der Einwohner Israels sind Atheisten (speziell die aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Juden). Ein kleinerer Teil sind die mosaisch gläubigen Juden, einschließlich der Orthodoxen, deren Vertreter in der Knesseth, dem israelischen Parlament, sich von den Atheisten moralisch kaum unterscheiden lassen (siehe oben Ari Deri).

Der weitaus größte Teil der Bevölkerung - immer mehr auch die Jugend - sind jedoch „Namensjuden”, d. h. sie bezeichnen sich zwar als gläubig, Gott hat jedoch in ihrem Leben kaum einen Stellenwert. Es ist ähnlich wie bei den Namenschristen, die am Sonntagvormittag - wenn überhaupt - in die Kirche gehen und schon am Nachmittag und bis zum nächsten Sonntag keinen Gedanken mehr an Gott verschwenden. Nur dass in Israel der Tag ein Samstag und der Ort eine Synagoge ist. Nicht umsonst beten die orthodoxen Juden außerhalb Israels, in der Diaspora „für seinen Untergang ohne dass dabei unschuldiges Blut vergossen wird. Ein mit Macht und Waffen errichteter Judenstaat wie Israel widerspricht dem Willen Gottes.” (M. A. Friedmann, orthodoxer Oberrabbiner, Wien).

(Siehe auch den Diskurs 46: „Stellungnahme von Oberrabbiner M. A. Friedmann, Wien.”)

Dies alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach der Schrift Israel sich in der Endzeit wieder zu seinem Gott bekehren und seine Stellung als das von Gott auserwählte Volk auf Erden, im Millennium, einnehmen wird.

(Siehe auch den Diskurs 08: „Die Sammlung Israels: bereits seit 1948 oder erst in der Endzeit?”)

Was nun die eingangs geäußerte Kritik an den Ausführungen im Kapitel 01 dieser Website: „Die siebzigste Jahrwoche” betrifft, sollen hier die Aussagen und Schrifthinweise von K. Rapp überprüft werden.

(Siehe auch das Kapitel 01: „Die siebzigste Jahrwoche.”)

Zum besseren Verständnis muss man vorausschicken, dass K. Rapp die Auffassung vertritt, dass die 70 Jahrwochen mit dem Auftreten des Herrn Jesus beendet wurden. Er steht damit im Gegensatz zu der Ansicht der überwiegenden Mehrheit der Ausleger, dass nach Dan 9,25 die ersten 69 Jahrwochen (7+62) bis zum Ende des Wiederaufbaus Jerusalems nach der Zerstörung durch die Babylonier, im Jahre 586 v. Chr., abgelaufen waren. Danach kommt nach Dan 9,26 - zwischen der 69. und der 70. Jahrwoche - das Auftreten des Herrn und erst dann, in der Endzeit, beginnt mit Dan 9,27 die 70. Jahrwoche. (Siehe auch Gerhard Maier: „Der Prophet Daniel”, Wuppertaler Studienbibel, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, Seite 338ff)

Im Wesentlichen entspricht die Interpretation von K. Rapp den Auffassungen der Präteristen, welche auch die Meinung vertreten, dass die Endzeit mit der Geburt Jesu Christi begonnen und mit dem Jahr 70 n. Chr. (Zerstörung Jerusalems durch Titus) beendet wurde. Daher betrachtet er auch die oben, aus Kapitel 01 bzw. Dan 9,24 zitierten Aussagen, wie „Dem Frevel wird ein Ende gemacht, (...) es wird ewige Gerechtigkeit gebracht, Gesicht und Weissagung werden erfüllt (...)” als bereits mit dem Auftreten des Herrn realisiert.

(Siehe auch den Diskurs 35: „Der präteristische Ansatz: Hat die Endzeit bereits stattgefunden?”)

Folgerichtig meint er dann auch:

„Aber das Alte Testament fand mit dem Auftreten unseres HERRN Jesus Christus seinen Abschluss (...).
Jesus hat durch sein sündloses Leben das Gesetz erfüllt. Und damit sind auch alle Prophetien des Alten Testaments zu ihrem Abschluss gekommen.”


Mit dem „Abschluss” des Alten Testaments ist hier die endgültige Erfüllung aller Prophezeiungen aus dem „Gesetz”, also der Torah (die 5 Bücher Moses) und aller Weissagungen der Propheten des Alten Testaments zu verstehen. Als Schriftbeweis wird dann Mt 11,13-15 und Lk 16,16 angeführt:

Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes.

Mt 11,13 Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes. 11,14 Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der kommen soll. 11,15 Wer Ohren hat, der höre! Mt 11,13-15;

Das Gesetz und die Propheten gehen bis auf Johannes.

Lk 16,16 Das Gesetz und die Propheten gehen bis auf Johannes; von da an wird die gute Botschaft vom Reich Gottes verkündigt, und jeder dringt mit Gewalt hinein. Lk 16,16;


Und er schreibt dann weiter:

"Warum suchen Sie im alten Testament nach Beweisen für Vorgänge in unserer heutigen Zeit? Warum das alles, wenn doch zweimal im Neuen Testament ausgesagt ist, daß das Gesetz und die Propheten bis auf Johannes waren bzw. weissagten.
Bis auf Johannes - und eben nicht bis zum Jahr 2003 und darüber hinaus."


Um die Schriftkonformität dieser Aussage zu überprüfen, sehen wir uns nun auch den Kontext dieser Bibelstellen an und hier erkennen wir, dass der Folgevers des oben zitierten Schrifttextes aus Lk 16,16, nämlich der Vers Lk 16,17 - welcher von K. Rapp leider nicht zitiert wurde -, einen wichtigen Hinweis beinhaltet. Es heißt dort:

Lk 16,17 Es ist aber leichter, daß der Himmel und die Erde vergehen, als daß ein Strichlein des Gesetzes wegfalle. Lk 16,17;


Aufgrund dieser Aussage des Herrn ist es also leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Strichlein - und damit natürlich auch eine Prophezeiung - des Gesetzes (des Alten Testaments) wegfalle. Das heißt aber, wenn man behauptet, dass das Alte Testament und seine Prophezeiungen den „Abschluss” gefunden hätten, hat man durch diese Aussage des Herrn nicht mehr die Option, alttestamentlichen Prophezeiungen eine tatsächliche Erfüllung überhaupt abzusprechen, sondern, - wenn man schriftkonform sein will - muss man davon ausgehen, dass sämtliche atl. Prophezeiungen samt und sonders bereits erfüllt sein müssen. Wenn wir daher nachweisbar noch unerfüllte Prophezeiungen des AT finden sollten, muss das Verständnis von K. Rapp falsch sein.

Und hier haben wir einmal den allgemein bekannten Text aus 1Mo 3,15:

Er wird dir den Kopf zermalmen.

1Mo 3,15 Und ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen, und du, du wirst ihm die Ferse zermalmen. 1Mo 3,15;


Diese Prophezeiung bezieht sich auf die Feindschaft zwischen dem „Samen der Frau”, also Jesus Christus, und dem Satan, und er besagt, dass der Satan dem Sohn Gottes die Ferse zermalmen wird, was sich bereits mit der Kreuzigung und dem Tod der Herrn erfüllt hat. Die zweite Prophezeiung: „er (Jesus) wird dir (Satan) den Kopf zermalmen” meint, dass der Herr Jesus den Satan endgültig besiegen und damit für immer unschädlich machen wird.

Dass nun Satan im Himmel von den Engeln Gottes bereits besiegt und mit seinen Engeln auf die Erde geworfen wurde, zeigen uns die folgenden Schriftstellen:

Der Drache und seine Engel siegten nicht, und sie wurden auf die Erde geworfen.

Off 12,7 Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, 12,8 und sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel.

12,9 Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen. Off 12, 7- 9;

Ich werde nicht mehr viel mit euch reden, denn es kommt der Fürst dieser Welt.

Jh 14,28 Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich. 14,29 Und jetzt habe ich es euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es nun geschehen wird. 14,30 Ich werde nicht mehr viel mit euch reden, denn es kommt der Fürst dieser Welt. Er hat keine Macht über mich; 14,31 aber die Welt soll erkennen, dass ich den Vater liebe und tue, wie mir der Vater geboten hat. Steht auf und lasst uns von hier weggehen. Jh 14,28-31;

Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab.

Off 12,10 Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. 12,11 Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt, bis hin zum Tod.

12,12 Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen! Weh aber der Erde und dem Meer! Denn der Teufel kommt zu euch hinab und hat einen großen Zorn und weiß, dass er wenig Zeit hat. Off 12,10-12;

Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.

Lk 10,17 Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen. 10,18 Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Lk 10,17-18;


(Siehe auch Exkurs 06: „Vom Angesicht Gottes in den Feuersee - die vier Stationen Satans”.)

(Siehe auch Tabelle 09: „Der Heilsplan Gottes und seine Auswirkungen auf die Schöpfung.”)

Der Umstand, dass Satan und seine Engel im Himmel bereits besiegt wurden bedeutet aber keinesfalls, dass er dadurch auch auf der Erde machtlos wäre. Im Gegenteil! Wie wir oben Off 12,12 entnehmen können, wirkt sich die Wut und der Zorn des Teufels hier auf Erden umso stärker aus, da er weiß, dass er wenig Zeit hat.

Wer daher die Auffassung vertreten würde, dass sich auch der zweite Teil der atl. Prophezeiung aus 1Mo 3,15 - nämlich dass der Herr Jesus dem Satan den Kopf zermalmen wird - bereits erfüllt hätte, kennt die Schrift nicht und lebt zudem entweder fernab jedweden weltlichen Einflusses oder er leidet an Realitätsverlust. Er müsste dann nämlich erklären, woher in unserer heutigen Welt all die Kriege, alle Verbrechen, Morde, Neid, Hass, Hunger, alle Betrügereien, Verfolgungen, Korruption, Vertreibungen usw. usw. kommen sollten.

Und wer meint, dass "das Reich Gottes längst da ist", der müsste begründen, warum nach einem aktuellen Bericht der EU (GASP - Büro Javier Solana, 2003) über die Ursachen der globalen Unsicherheit

o  fast drei Milliarden Menschen - und damit die Hälfte der Weltbevölkerung - mit weniger als zwei Euro pro Tage auskommen müssen,

o  jedes Jahr weltweit 45 Millionen Menschen an Hunger sterben,

o  seit 1990 fast 4 Millionen Menschen - zu 90 Prozent Zivilisten - in Kriegen ums Leben gekommen sind,

o  weltweit über 18 Millionen Menschen wegen eines Konfliktes ihr Zuhause oder ihr Land verlassen mussten und

o  allein im vergangenen Jahr drei große globale Infektionskrankheiten - Aids, Tuberkulose und Malaria - sechs Millionen Todesopfer, die meisten davon in Afrika, gefordert haben.


Wenn heute Satan gebunden wäre und damit in Konsequenz Jesus Christus regieren würde, gäbe es dann ja nach dieser Sicht keinen Unterschied zwischen der Herrschaft Gottes auf Erden und der Herrschaft Satans. Und das wird denn wohl auch K. Rapp nicht behaupten wollen.

Aber so ist es eben nicht! Nehmen wir nun auch noch einige Prophezeiungen der Propheten des Alten Testaments:

Als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und sie nicht erreicht, gilt als verflucht.

Jes 65,18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude, 65,19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. 65,20 Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Jes 65,18-20;

Man wird nirgends Sünde tun, denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein.

Jes 11,1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. 11,2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.

11,3 Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, 11,4 sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.

11,5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. 11,6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. 11,7 Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.

11,8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. 11,9 Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

11,10 Und es wird geschehen zu der Zeit, dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Heiden fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein. Jes 11, 1-10;


Und auch hier hat nun K. Rapp Erklärungsbedarf. Wenn seiner Behauptung nach diese alttestamentliche Prophezeiung bereits in Erfüllung gegangen ist, dann müsste er uns sagen können, wann und wo in der Vergangenheit die Menschen - ähnlich wie vor der Sintflut - so alt geworden sind, dass Hundertjährige als Knaben bezeichnet wurden (Jes 65,20). Wenn man davon ausgeht, dass heutzutage ein „Knabe” etwa 10 Jahre alt ist und Erwachsene ein Alter von 80 Jahren und mehr erreichen können, müssen die Menschen dort 800 und 900 Jahre alt geworden sein.

(Siehe auch die Tabelle 01: „Zeittafel von Adam bis Jakob.”)

Ähnlich verhält es sich mit dem Text aus Jes 11,5-9: Wann und wo wäre denn diese alttestamentliche Prophezeiung in Erfüllung gegangen, nach der

-  die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern

-  ein kleiner Knabe Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treibt

-  Kühe und Bären zusammen weiden,

-  dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen Stroh fressen wie die Rinder

-  ein Säugling am Loch der Otter spielt und ein entwöhntes Kind seine Hand in die Höhle der Natter steckt?


Also, wann hätte es diese friedvolle Zeit auf Erden gegeben und die Geschichtsschreiber hätten davon nichts gemerkt?

Dabei ist dies nur ein geringer Teil der alttestamentlichen Prophezeiungen, welche tatsächlich noch nicht in Erfüllung gegangen sind.

(Siehe auch das Kapitel 10: „Das Millennium.”)

Und ähnlich verhält es sich mit den eingangs von K. Rapp kritisierten Aussagen im Kapitel 01 über Dan 9,24:

-  Dem Frevel wird ein Ende gemacht.

-  Die Sünde wird abgetan.

-  Die Schuld wird gesühnt.

-  Es wird ewige Gerechtigkeit gebracht.

-  Gesicht und Weissagung werden erfüllt.

-  Das Allerheiligste wird gesalbt werden.


Wie kann man denn behaupten, dass in unserer heutigen Welt dem Frevel ein Ende gemacht und die Sünde abgetan worden sei? Wie kommt man denn darauf - wenn man die Bibel ganz gelesen hat - dass hier auf Erden bereits Gesicht und Weissagung (des Alten Testaments) erfüllt und ewige Gerechtigkeit gebracht worden wäre?

Ähnlich wie die Präteristen argumentiert hier auch K. Rapp, dass das Reich Gottes längst angebrochen sei:

„Wer nicht begreift, daß das Reich Gottes längst da ist, daß der Gläubige ein lebendiger Stein am Tempel ist, wo Jesus Christus der Eckstein ist, der schaut natürlich nach den irdischen Grenzsteinen.
Doch da schaut er noch lange. Denn 'MEIN REICH IST NICHT VON DIESER WELT'”


Als Beweis wird hier die Aussage des Herrn in Jh 18,36 zitiert:

Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt.

Jh 18,36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde, jetzt aber ist mein Reich nicht von hier. Jh 18,36;


Man meint damit beweisen zu können, dass es auf Erden nie eine Herrschaft Jesu Christi geben wird und daher alle Verheißungen auf das Millennium, die tausendjährige Herrschaft des Sohnes Gottes auf Erden, obsolet sind. Ganz abgesehen davon, dass man damit alle Prophezeiungen des Alten und auch des Neuen Testaments auf diese irdische Zeitperiode - und damit auch die Aussage des Herrn, oben in Lk 16,17, dass eher Himmel und Erde vergehen, als dass diese Prophezeiungen wegfallen würden - als ungültig erklären müsste, hat man wieder einmal den Kontext der obigen Bibelstelle nicht genau gelesen bzw. nicht zitiert.

Dort erfahren wir, dass es sich hier um die Befragung Jesu durch Pilatus handelt, in der Pilatus Jesus fragte, ob er der König der Juden sei:

Pilatus rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der König der Juden?

Jh 18,33 Pilatus ging nun wieder hinein in das Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der König der Juden? 18,34 Jesus antwortete: Sagst du dies von dir selbst aus, oder haben dir andere von mir gesagt? 18,35 Pilatus antwortete: Bin ich etwa ein Jude? Deine Nation und die Hohenpriester haben dich mir überliefert. Was hast du getan? Jh 18,33-35;


Es geht also um die Frage, ob Jesus König wäre. Dies hatten nämlich die damaligen Juden behauptet, welche nach den Prophezeiungen den Messias erwarteten, welcher König über Israel sein sollte. Doch für Pilatus, einem erfahrenen Politiker und Truppenführer des Römischen Reichs, stand das im Widerspruch zur Realität. Wenn Jesus König war, wo war dann sein Heer, seine Truppen, die ihn auch verteidigen konnten?

Umso mehr, als Jesus dann gleich darauf im Vers Jh 18,37, diese Frage bejahte.

Jesus antwortete: Du sagst es, daß ich ein König bin.

Jh 18,37 Da sprach Pilatus zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, daß ich ein König bin. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme. Jh 18,37;


Und genau inmitten dieses Kontextes kam also die Aussage des Herrn:

Jh 18,36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt; wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Diener gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde, jetzt aber ist mein Reich nicht von hier. Jh 18,36;


Der wichtigste Hinweis in diesem Text wird leider oft gerne übergangen. Am Ende dieser Aussage sagte der Herr:

jetzt aber ist mein Reich nicht von hier.


Dieses „jetzt” ist die Übersetzung des grie. Adverbs „nyn”, welches auch „soeben, nun, gegenwärtig” bedeutet. Dadurch kommt zum Ausdruck, dass es der Wille Gottes war, aufgrund der Ablehnung der Juden, diese Verheißung des irdischen Friedensreiches des Messias' zum damaligen Zeitpunkt noch nicht zu realisieren. Man erkennt das übrigens auch an der Aussage des Herrn über den Johannes, oben in Mt 11,14: „Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der kommen soll”. Auch dies war ja eine Prophezeiung auf den Messias, dass ihm Elia vorangehen sollte. Doch es war vergebens. Die Juden wollten es nicht annehmen.

Der Herr sagte also ganz eindeutig „jetzt” - also zur damaligen Zeit - war sein Reich nicht von hier. Weil es die Juden verhinderten und anstatt die Welt in das tausendjährige Friedensreich ihres Messias zu geleiten, die Menschheit in bisher 2000 Jahre Krieg, Hass, Neid und Gewalt geführt haben.

Doch Gott können seine Verheißungen nicht reuen. Alle diese Prophezeiungen werden in der Endzeit erfüllt werden. Dann wird sich Israel bekehren, gesammelt werden und sein Messias, unser Herr Jesus Christus, wird in Frieden und Gerechtigkeit tausend Jahre auf dieser Welt herrschen. Anschließend kommt das Ende dieser ersten Schöpfung und wird ersetzt durch die zweite, die Neue Schöpfung in der Ewigkeit.

(Siehe auch das Kapitel 14: „Die Neue Schöpfung.”)

Der Vorwurf schließlich: „Wer nicht begreift, daß das Reich Gottes längst da ist...”, wirft die Frage auf, wieso uns der Herr Jesus im wichtigsten Gebet, welches er uns hinterlassen hat, gebietet wie folgt zu beten:

Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden!

Mt 6,9 Betet ihr nun so: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name; 6,10 dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden! Mt 6, 9-10;


Diese Worte sind für den bibelgläubigen Christen einmal ein Beweis dafür, dass Gott im Himmel ist. Dann kommt das Gebot, dass der Name Gottes nicht missbraucht werden soll und anschließend die Bitte

dein Reich komme.”


Der Herr Jesus heißt uns also zum Vater zu bitten, dass sein Reich komme. Wo nun? Im Himmel? Das kann nicht sein, denn da herrscht Gott bereits, wie der Vers zuvor besagt. Es ist also die Bitte, dass das Reich Gottes auch auf der Erde Platz greifen möge. Und genau das bestätigt auch gleich die nächste Bitte, die da lautet:

„dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!”


Dies ist einmal die nochmalige Bestätigung, dass der Vater im Himmel herrscht, da dort sein Wille geschieht. Dann aber wird mit den Worten „wie im Himmel, so auch auf Erden” nochmals die Bitte wiederholt, dass das Reich Gottes auf Erden kommen und damit auch der Wille Gottes nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden geschehen möge.

Und wer nun behauptet, „dass das Reich Gottes längst da ist”, muss sich fragen lassen, an welchen Gott er denn da glaubt, der hier angeblich „längst” auf Erden herrscht?

Schließlich schreibt aber K. Rapp:

„Das Alte Testament fand mit Jesus Christus seinen definitiven Abschluß. Wenn dem nicht so ist, müsste erklärt werden, was nun in Matthäus 11 oder Lukas 16 gemeint ist.”


Zum richtigen Verständnis dieser Aussage muss man wieder hinzufügen: wenn hier von „Abschluss” die Rede ist, ist damit auch und insbesondere die Erfüllung aller alttestamentlichen Prophezeiungen gemeint.

Um dieser Aufforderung zur Erklärung Folge zu leisten, wollen wir uns noch einmal jene Schriftstellen ansehen, welcher dieser Interpretation zu Grunde liegen:

Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes.

Mt 11,13 Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes. 11,14 Und wenn ihr es annehmen wollt: er ist Elia, der kommen soll. 11,15 Wer Ohren hat, der höre! Mt 11,13-15;

Das Gesetz und die Propheten gehen bis auf Johannes.

Lk 16,16 Das Gesetz und die Propheten gehen bis auf Johannes; von da an wird die gute Botschaft vom Reich Gottes verkündigt, und jeder dringt mit Gewalt hinein. 16,17 Es ist aber leichter, daß der Himmel und die Erde vergehen, als daß ein Strichlein des Gesetzes wegfalle. Lk 16,16-17;


Hier könnte man nun mit K. Rapp fragen: Wenn also tatsächlich die Prophezeiungen des Alten Testaments nachweislich noch nicht alle erfüllt sind, wie ist dann die Aussage des Herrn, oben, in Mt 11,13: „Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes” zu verstehen? Würde das nicht eben bedeuten, dass alle Prophezeiungen bis Johannes erfüllt worden sind?

Wenn wir den Text genauer betrachten, erkennen wir, dass hier bei oberflächlichem Lesen leicht ein Verständnisproblem auftreten kann. Zum Einen steht hier ja nur, dass das Gesetz und die Propheten geweissagt, also prophezeit (die Prophezeiungen ausgesprochen) haben. Von einer Erfüllung dieser Prophezeiungen ist hier nicht die Rede.

Doch wie wir gleich sehen werden, bezieht sich dieser Text gar nicht auf die Prophezeiungen. Das „Gesetz und die Propheten” haben ja nur zum geringen Teil konkrete Prophezeiungen zum Inhalt. Der größere Teil - speziell der Torah aber auch der Prophetenbücher - sind Gebote, Verbote, Verhaltensrichtlinien und Strafandrohungen im Falle einer Nichtbefolgung dieser göttlichen Anordnungen.

Während nun der Text in Mt 11,13 noch leicht missverstanden werden könnte, erkennen wir in der Parallelstelle bei Lukas, sehr deutlich, welcher dieser beiden Bereiche vom Herrn hier angesprochen wird. In Lk 16,16 heißt es:

„Das Gesetz und die Propheten gehen (reichen, gelten, waren, wurden verkündet) bis auf Johannes”.


Der Herr bezieht sich hier auf die im "Gesetz und den Propheten" - also in den 5 Büchern Moses und den Prophetenbüchern - enthaltenen Gebote, also den „Gesetzesteil”, und weist darauf hin, dass diese alte Ordnung mit Johannes ihren Abschluss gefunden hat.

Es ist also hier nicht die Rede davon, dass alle Prophezeiungen des Alten Testaments bis Johannes erfüllt worden wären, sondern, dass sich die Grundlagen der göttlichen Rechtsprechung nach Johannes (also mit dem Erscheinen des Sohnes Gottes auf Erden) geändert hatten. Dies belegt auch eine weitere Aussage des Herrn in Mt 5,17-18:

Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Mt 5,17 Meint nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 5,18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Mt 5,17-18;


Was der Herr weiter oben, in Lk 16,17 und hier, in Mt 5,17 anklingen ließ: „Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.” das bringt er hier ganz klar zum Ausdruck.

Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen.


Und wie die Schrift sagt, wird der Herr ein zweites Mal kommen, um alle jene Prophezeiungen zu erfüllen, welche noch nicht erfüllt wurden.

Nun hätte die Aussage des Herrn in Mt 11,13 bzw. Lk 16,16 „Das Gesetz und die Propheten gehen bis auf Johannes” sehr leicht dahingehend missverstanden werden können, dass ab nun überhaupt alle Gebote aufgehoben wären. Und darum weist er hier, in Mt 5,17, ausdrücklich darauf hin, dass dies eben nicht bedeuten würde, dass die Gebote im Gesetz oder in den Propheten aufgelöst sind. Die Einhaltung dieser Gebote war ja die Voraussetzung dafür, dass die gläubigen Juden vor Gott als gerecht galten. Wer sie nicht einhielt, war zum Tod verurteilt und musste sterben.

Spr 19,16 Wer das Gebot bewahrt, bewahrt sein Leben; wer seine Wege verachtet, muß sterben. Spr 19,16;


Wie jedoch die Geschichte Israels zeigt, haben die Menschen immer wieder gegen Gottes Gebote verstoßen. Und um nun nicht das ganze Volk Israel ausrotten zu müssen, hatte ihnen Gott die Sühnegebote gegeben. Da mussten nach bestimmten Regeln Tiere geopfert werden, um durch deren Blut die Schuld zu sühnen und wieder sündenfrei und gerecht zu werden. Der Tod des Opfertieres war also stellvertretend für den Tod des Menschen, der gesündigt hatte.

Und nun sagt der Herr Jesus, dass diese Gebote durch sein Kommen nicht aufgelöst werden, sondern ganz im Gegenteil, er ist gekommen um sie zu erfüllen. Dies erklärt auch Paulus in seinem Brief an die Römer:

Christus ist für uns gestorben als wir noch Sünder waren, damit wir durch sein Blut gerechtfertigt sind.

Röm 5,8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, daß Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. 5,9 Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn vom Zorn gerettet werden. Röm 5, 8- 9;


Das Gesetz und die Propheten forderten, dass der Mensch, der die Gebote Gottes brach, sterben musste. Wegen der übergroßen Sündhaftigkeit der Menschen hatte Gott im Alten Bund das Sühneopfer gewährt, bei welchem die Sünden der Menschen symbolisch auf ein Tier übertragen wurden und dann das Tier den Tod anstatt des Menschen erleiden musste, um dem Gebot Gottes zu entsprechen.

Und nun ist aber der Sohn Gottes gekommen und hat sich selbst am Kreuz als stellvertretendes Opfer für alle Sünden aller Menschen dargebracht. Und nachdem wir alle Sünder sind, ist er für uns alle gestorben und wir sind damit durch sein Blut gerecht gemacht und vom Zorn Gottes gerettet.

Damit sind diese Gebote im Gesetz und den Propheten in aller Konsequenz erfüllt. Das Brechen der Gebote Gottes fordert den Tod. Die Menschen haben die Gebote Gottes gebrochen. Doch Jesus Christus ist dafür stellvertretend am Kreuz gestorben und hat damit diese Forderung für alle Menschen, welche dieses Loskaufopfer für die Vergebung ihrer Sünden annehmen, erfüllt.

Für diese Vorgangsweise Gottes gibt es wohl kein besseres Gleichnis, als die von dem Nationalökonomen Roscher berichtete Handlung des Awaren-Fürsten Schamyl, einem Stammesführer aus dem nördlichen Kaukasus des frühen 19. Jahrhunderts:

„Um die Einheit und Zucht in seinem Stamm zu wahren, hatte der Fürst den strengen Befehl ausgegeben, dass niemand sich an der Beute vergreifen dürfe, die dem Stamm als ganzen gehöre. Wer diesen Befehl übertritt, wird mit 100 Knutenhieben bestraft.

Da geschah der erste Bruch dieses Befehls - durch die alte Mutter des Fürsten. Was soll nun werden? Wird die Strafe nicht vollstreckt, ist die Gerechtigkeit des Fürsten in Frage gestellt und der Ernst seiner Befehle für alle Zukunft untergraben.

Roscher berichtet, der Fürst habe sich einen Tag lang in seinem Zelt eingeschlossen. Dann sei er hervorgetreten mit der Weisung: die Strafe wird vollstreckt.

Als aber der erste Hieb auf den Rücken der Mutter herabgesaust sei, habe er sich den Mantel heruntergerissen, sich vor seine Mutter geworfen und den Soldaten zugerufen: Schlagt weiter und keinen Schlag zu wenig!

So hatte er die Lösung gefunden! Die Mutter war gerettet und zugleich zeigte der zerrissene, blutende Rücken des Fürsten, wie ernst es mit der Geltung seiner Befehle und dem Recht und der Gerechtigkeit im Stamm bestellt sei.”

(Nach Werner de Boor: Der Brief an die Römer, WStB, R. Brockhaus Verlag).


Und so zeigt auch das Blut und der Tod unseres Herrn Jesus Christus am Kreuz, wie unerbittlich Gott in seiner Gerechtigkeit gegen die Sünde, und wie groß gleichzeitig seine Liebe zu uns Menschen ist.

(Siehe auch den Diskurs 30: „Warum musste Jesus am Kreuz sterben?”)

Wir sehen: das Gesetz und die Propheten wurden nicht aufgelöst, sondern im Gegenteil, in vollstem Umfang erfüllt. Damit hat sich aber auch die, bis Johannes geltende, göttliche Judikatur geändert: der Sünder muss nicht mehr ein Opfertier schlachten, um vom Tode gerettet und von seinen Sünden befreit zu werden, sondern er muss dieses stellvertretende Loskaufopfer des Sohnes Gottes am Kreuz für seine Sünden, ausdrücklich und bewusst für sich in Anspruch nehmen. Wer das tut, ist von seinen Sünden befreit und vom Zorn Gottes gerettet. Wer das nicht tut, auf dem bleiben seine Sünden und er wird am Ende als Lohn für seine Sünden die Verdammnis ernten.

Damit ist aber auch die Frage von K. Rapp:

„Oder können Sie logisch begründen, warum Gott selber verbluten mußte???”


hoffentlich verständlich beantwortet.



Zusammenfassung

Es sind also nicht die Prophezeiungen des Alten Testaments, welche durch das Auftreten und Wirken des Herrn erfüllt worden wären, sondern das allumfassende Gebot Gottes, dass Sünde den Tod zur Folge hat.

Die von K. Rapp so skeptisch apostrophierte Logik zeigt daher folgende Kriterien:

-  Die Gerechtigkeit des absolut gerechten Gottes fordert die Todesstrafe für die Vergehen gegen sein Gesetz.

-  Die Liebe Gottes, der die absolute Liebe ist, steht dem entgegen.

-  Die logische Lösung: Nachdem gestorben werden muss, stirbt Gott selbst aufgrund seiner Liebe zu den Menschen in seinem Sohn Jesus Christus, um seiner Gerechtigkeit genüge zu tun und die Menschen, welche dies annehmen, zu retten.