Diskurs 60 - Wann sollte ein Christ eine Gemeinde verlassen?




Die Kennzeichen der autoritären Gemeinde.

Das andere Extrem: der bequeme Glaube.

Der richtige Weg: Heiligkeit und Frieden/Freude.

Die Autorität der Ältesten.

Die Konsequenz für die Gläubigen.

Was können wir dagegen tun?.



Der nachfolgende Artikel von John G. Reisinger, aus dem Jahre 1998, wurde hauptsächlich für die reformierten Baptisten geschrieben, einfach deshalb, weil das die Gruppe ist, mit der sich der Autor seit über zwanzig Jahren identifiziert hat. Es gibt auch Brüderversammlungen, Presbyterianer, unabhängige freikirchlich/evangelikale und charismatische Gemeinden, sowie andere Arten von Baptisten, auf welche die Beschreibung die in diesen Seiten gegeben wird klar zutrifft.


Die Kennzeichen der autoritären Gemeinde.

Viele, welche diesen Artikel lesen [1], werden sagen: „keins dieser Dinge könnte jemals in meiner Gemeinde passieren.” Sie könnten allerdings überrascht werden! Wenn Sie einen wirklich gottesfürchtigen Pastor haben, werden diese Dinge nicht geschehen, egal wie falsch Ihre eigene Anschauung von Autorität der Ältesten sein mag. Wenn aber Ihr System das ist, welches von vielen reformierten Baptisten praktiziert wird, dann haben Sie einen fruchtbaren Boden, auf dem sich genau diese Dinge in ihrer Gemeinde später unter einem anderen Pastor entwickeln können.

Ein guter Mann in einem schlechten System wird seine Autorität nicht missbrauchen. Ein gutes System kann mit einem schlechten Mann fertig werden und ihn loswerden. Ein schlechter Mann in einem schlechten System ist ein unantastbarer Papst, einfach weil er durch das System geschützt wird. Er könnte der schlimmste Tyrann sein, aber niemand kann etwas machen. Ein aufrichtiges Schaf hat in diesem Fall nur eine Wahl.

Ich habe kürzlich auf der ersten „John-Bunyan-Konferenz über das Thema von Gerechtigkeit und Gnade gepredigt. Ungefähr fünfzig Menschen von verschiedenen Orten nahmen daran teil, und fast alle von ihnen hatten kürzlich eine Gemeinde mit einem strengen „Gesetzesdienst” verlassen, wo die Ältesten die „Herren und Meister” der Versammlung waren. Viele von diesen lieben Menschen haben geholfen, genau die Gemeinde zu gründen, die sie kürzlich gezwungen waren, zu verlassen. Sie haben mit angesehen, wie eine warmherzige Gemeinschaft von Gläubigen etwas geworden ist, das Spurgeon „eine bessere Vertretung des Gesetzes als des Evangeliums” nannte. Wie es schien, gab es da drei Dinge, welche in der jüngsten Erfahrung aller dieser Leute zutrafen.

(1) Der „Gesetzesdienst” unter dem sie waren, hatte sie völlig der Freude ihrer Errettung beraubt. Es ist verblüffend wie viele Prediger glauben, es sei eine Sünde, wirklich glücklich im Herrn zu sein. Sie denken, dass sich ein Gläubiger wie ein Wurm unter jeder Predigt winden und mit deprimiertem und elendem Gefühl nach Hause gehen muss, um sicher zu sein, dass er „den ganzen Ratschluss Gottes” gehört hat.

(2)Diese Menschen bemerkten eine markante Veränderung in ihrer Ehebeziehung, als sie aus der Gesetzlichkeit und Angst herauskamen. Ein Bruder sagte: „Meine Frau und ich haben einander nie so sehr geliebt. Unser Zuhause und unsere Ehe haben sich radikal geändert, seit wir unsere frühere Gemeinde verlassen haben.” Wie könnte es anders sein? Eine „Wurmtheologie” muss ein „Schlammloch”-Zuhause hervorbringen. Wenn man sich in der Gemeinde mit den Heiligen nicht freuen und lachen kann, wie kann man es dann zuhause mit seiner Familie?

In einigen Extremfällen hatte ein Pastor sich absichtlich zwischen Ehemann und Frau gestellt und seine pastorale Autorität als ein Mittel benutzt, sie beide zu persönlicher Loyalität gegenüber ihm zu manipulieren. Wenn entweder der Mann oder die Frau in irgendeiner Weise der Gemeinde oder seinem Werk gegenüber kritisch wurden, hatte der Pastor den anderen Ehepartner „beraten”, auf den einen Druck auszuüben, damit er dafür Buße tut. Dies wurde auf der Grundlage getan, dass „die Seele deines Ehepartners in Gefahr ist”, weil sie es wagten, Gottes „rechtmäßig bevollmächtigten” Pastor in Frage zu stellen. Eine liebe christliche Frau war unter solch einem Druck, ihren Ehemann zu zwingen, sich der Autorität des Pastors zu unterwerfen, dass sie fühlte, dass sie entzwei gerissen würde. Sie sagte jemandem: „Ich fühle, als wenn ich zwischen den zwei wichtigsten Männern in meinem Leben wählen müsste.” Die Person antwortete weise: „Gott hat niemals beabsichtigt, dass du in irgendeinem Sinn zwei Männer in deinem Leben haben solltest”.

Meine Freunde, wenn eure Loyalität zu, oder eure Abhängigkeit von einem Prediger jemals der Loyalität und Liebe zu eurem Ehemann oder eurer Frau nahe kommt, dann seid ihr geistlich so krank, dass ihr nicht mehr gerade denken könnt.

(3) Diese Menschen hatten alle einen neuen Wunsch, armen Sündern die erstaunliche Liebe Christi zu bezeugen, in dem Moment, als sie selbst wieder diese Liebe in ihren eigenen Herzen erfuhren. Wie könnte es anders sein, wenn „der Mund davon übergeht, wovon das Herz voll ist”? Wenn Ihre Errettung Ihr Herz nicht mit Freude erbeben lassen würde, wieso wollten Sie es dann anderen mitteilen? Wenn alles, was Sie haben, Zweifel und Furcht ist, dann ist das alles, was Sie anderen mitteilen können. Wenn alles, was Sie tun, in der Ecke zu sitzen ist und Ihre Wunden in Ihrem Herzen zu lecken, um „Anzeichen wahrer Heiligkeit zu finden”, wie kann es dann für Sie möglich sein, von dem Erlöser und seiner erstaunlichen Liebe bewegt zu sein?


Ich behaupte keineswegs, dass wir nie unsere Herzen untersuchen sollen. Wir wären Narren der schlimmsten Sorte, wenn wir nicht die Ermahnungen der Schrift beherzigen, genau das zu tun. Psalm 139,13.14 und 2.Korinther 13,51 sind heute genauso wahr wie damals, als sie geschrieben wurden. [2] Für mich beweist unwillig zu sein, mich zu überprüfen, wie diese Verse es befehlen, dass ich wahrscheinlich ein verführter Heuchler bin. Nur ein Heuchler kann Angst davor haben, sich selbst zu überprüfen. Wir müssen unsere Herzen untersuchen, und wir müssen unsere Sünde und Schuld fühlen. Aber wir müssen dennoch immer sehen, dass Christus größer als unsere Sünde und unsere Schuld ist! McCheyne hatte recht, als er sagte: „Wirf einen guten Blick auf dein Herz, und danach blicke zehntausendmal auf Christus.”

Spurgeon hat uns eine Beschreibung gegeben, die, so traurig es ist, auf einige derzeitige Gemeinden zutrifft. Er predigte über die „volle Heilsgewissheit” und beantwortete einige Vorwürfe, die von Leuten gemacht wurden, die meinten, dass völlige Gewissheit gefährlich sein könnte. Er hört sich so an, als hätte er gerade ein Streitgespräch mit einigen „gesetzeszentrierten” Ältesten beendet, die ich kenne:

„Ich habe einer weiteren Klasse von Gegnern zu antworten, dann bin ich fertig. Es gibt eine gewisse Art Calvinisten, die ich nicht beneide, die immer so viel sie nur können über die volle Heilsgewissheit spötteln und kritteln. Ich habe ihre langen Gesichter gesehen, ich habe ihre wimmernden Ausführungen gehört und ihre trostlosen Sätze gelesen, in denen sie im Endeffekt sagen: ,Grämt euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Grämt euch! Derjenige, der trauert und weint, der zweifelt und sich fürchtet, der Gott misstraut und entehrt, soll gerettet werden.' Das scheint die Summe und Substanz ihres ganzen unevangelischen Evangeliums zu sein. Aber warum tun sie das? Ich spreche nun ernst und furchtlos. Sie tun das, weil da ein Stolz in ihnen ist – eine Einbildung, die von Verdorbenheit genährt wird und Mark und Fett aus verrotteten Kadavern saugt. Und was, sagst du, ist der Gegenstand ihres Stolzes? Nun, es ist der Stolz, sich einer tiefen Erfahrung brüsten zu können – der Stolz, ein schwärzerer, abstoßenderer und verabscheuenswerterer Sünder zu sein als andere Leute. ,Ihre Ehre ist in ihrer Schande' kann gut auf sie angewendet werden. Ein gefährlicherer, weil verführerischerer Stolz als dieser, kann nicht gefunden werden. Er hat alle Elemente von Selbstgerechtigkeit in sich”.

(Aus „Full Assurance” von C.H. Spurgeon, Metropolitan Tabernacle Pulpit, 1861, S. 292).


Meine erste Botschaft auf der erwähnten Konferenz war über „John Bunyan und das Gesetz”. Ich behandelte den Abschnitt der „Pilgerreise” [eines Buches von Bunyan], wo Christ von einem Mann namens Beistand aus dem Sumpf der Verzagtheit gezogen wird, und war ziemlich erstaunt über die Reaktion derjenigen, die zuhörten:

Beistand ist einer der königlichen Offiziere, die überall entlang des Wegs zur himmlischen Stadt eingesetzt sind, um den Pilgern beizustehen und sie zu beraten. Evangelist war einer dieser Offiziere, dieser Beistand war ein anderer, Gutwillig wird ein anderer sein, wenn er nicht mehr als ein einfacher Offizier ist, Ausleger wird ein weitere sein, und Großherz und so weiter. All diese sind Prediger und Pastoren und Evangelisten, die all diesen Namen und ihren Ämtern entsprechen. Nur sind einige unglückliche Prediger besser darin, arme Pilger in den Schlamm zu stoßen, und sie auf dessen Grund zu drücken, als sie es sind, versinkenden Pilgern zu helfen, heraus zu kommen...”.

(Bunyans Charaktere, von Alexander Whyte, Band 1, Seite 48).


Als ich das obige Zitat vorlas, schaute fast jeder die Person an, die neben ihm saß, grinste von Ohr zu Ohr und nickte zustimmend mit dem Kopf. Nach der Sitzung sagte einer: „John, du hast es untertrieben. Wenn wir versucht hätten, uns aus dem Schlamm zu ziehen, hätte unser Pastor uns auf die Finger getreten.” Eine daneben stehende Frau sagte: „Unser Prediger hat nicht auf unsere Finger getreten, er benutzte einen Vorschlaghammer.”

John Newton hatte in seiner großartigen Hymne völlig recht, als er sagte: „Die Gnade hat mich Furcht gelehrt”, aber er hörte da nicht auf. Er fuhr fort zu zeigen, dass Gnade ihn „auch von Furcht befreit” hat. Lassen Sie niemanden jemals die Notwendigkeit herunterspielen, dass man den Zorn Gottes gegen die Sünde fürchten muss. Es ist äußerst gnädig von Gott, uns zu überführen und unsere Schuld und Schande fühlen zu lassen. Einer der klaren Zwecke, zu denen uns der Heilige Geist gegeben wurde, war, uns „von Sünde zu überführen.” Wir können niemals gerettet werden, bevor wir wissen, fühlen und zugeben, dass wir vor Gott schuldig sind. Es war die Gnade Gottes, die Pilger so ängstlich machte, dass er aus der Stadt der Zerstörung fliehen musste.

Das andere Extrem: der bequeme Glaube.

Mir ist völlig bewusst, dass viele Prediger nicht den heiligen Charakter Gottes oder seine heiligen Forderungen an uns predigen, und daher niemals die schreckliche Schuld und Verdorbenheit, die offenbart werden muss. Niemand hat sich mehr bemüht als ich, diese schreckliche Verzerrung des Evangeliums herauszustellen. Ich gebe freimütig zu, dass die Anklagen der Propheten des Alten Testaments auch gegen viele evangelikale Prediger im Land heute vorgebracht werden können.

Jer 6,14 Sie heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: »Friede! Friede!«, und ist doch nicht Friede. Jer 6,14;

Hes 13,10 Weil sie mein Volk verführen und sagen: »Friede!«, wo doch kein Friede ist, und weil sie, wenn das Volk sich eine Wand baut, sie mit Kalk übertünchen, 13,11 so sprich zu den Tünchern, die mit Kalk tünchen: »Die Wand wird einfallen!« Denn es wird ein Platzregen kommen und Hagel wie Steine fallen und ein Wirbelwind losbrechen. 13,12 Siehe, da wird die Wand einfallen. Was gilt's? Dann wird man zu euch sagen: Wo ist nun der Anstrich, den ihr darüber getüncht habt?

13,13 Darum spricht Gott der HERR: Ich will einen Wirbelwind losbrechen lassen in meinem Grimm und einen Platzregen in meinem Zorn und Hagel wie Steine in vernichtendem Grimm. 13,14 So will ich die Wand niederreißen, die ihr mit Kalk übertüncht habt, und will sie zu Boden stoßen, daß man ihren Grund sehen soll. Wenn sie fällt, sollt ihr auch darin umkommen. Und ihr sollt erfahren, daß ich der HERR bin.

13,15 Und ich will meinen ganzen Grimm an der Wand auslassen und an denen, die sie mit Kalk übertüncht haben, und will zu euch sagen: Hier ist weder Wand noch Tüncher - 13,16 das sind die Propheten Israels, die Jerusalem wahrsagen und predigen »Friede!«, wo doch kein Friede ist, spricht Gott der HERR. Hes 13,10-16;


Sowohl Jeremia als aus Hesekiel reden über das, was wir heute „bequemen Glauben” nennen würden. Er kann nur eine falsche Mauer der Sicherheit erzeugen. Sie verdammen Prediger, die nicht die Notwendigkeit biblischer Buße predigen. Ihr Evangelium erzählt nur über die „guten Dinge” und die „Liebe Gottes”. Diese Prediger sprechen niemals über die Bestrafung der Sünde und den heiligen Zorn Gottes gegen die Sünde. Sie gehen sogar weiter und nennen jeden Prediger, der „harte Ding” lehrt, einen falschen Propheten. Die Leute, die auf solche Prediger hören, müssen in der gleichen Weise gewarnt werden, wie Jeremia und Hesekiel die Leute von Israel warnten. Den Leuten muss gesagt werden, dass ihre billige Sicherheit durch Gottes Zorn zerstört werden wird. Sie wollen, wie alle Sünder, eine Religion ohne Leiden oder Opfer und einen Gott, der nur Liebe ist und kein Zorn. Unglücklicherweise geben ihnen die Prediger des „bequemen Glauben” genau das, was sie wollen.

Wir bestehen darauf, dass Newton in seiner Hymne recht hatte. Es ist Gottes Gnade, die unser Gewissen dazu bringt, seinen schrecklichen Zorn zu fürchten und uns zu einem Retter der Erbarmung treibt. Wir lehnen sowohl den falschen Propheten als auch seine Botschaft des „bequemen Glaubens” völlig ab. Doch bequemer Glaube ist in keiner der Gemeinden, die ich beschrieben habe, ein Problem! Das Problem in diesen Gemeinden ist das genaue Gegenteil. Sie predigen nicht genug über jede Art des Glaubens. Sie scheinen sich so sehr vor freudiger Sicherheit zu fürchten, wie der bequem Glaubende sich davor fürchtet, sein Herz zu überprüfen.

John Newton hörte nicht mit den Worten auf „Die Gnade hat mich Furcht gelehrt”. Die nächste Zeile ist genauso wahr wie die erste Zeile: „Und auch von Furcht befreit”. Die wunderbare Gnade, die Newton liebte, ließ Menschen nicht unter der Furcht des Gesetzes und seines Gerichts. Bunyans Sumpf der Verzagtheit war weder eine notwendige Erfahrung (erinnern Sie sich daran, dass Pilger getadelt wurde, weil er nicht auf den Steinen gelaufen war), noch sollte es eine ständige Erfahrung sein. Christin und ihre Kinder fielen nicht in den Sumpf, und sogar Herr Furchtsam hatte genug geistliche Einsicht, um auf den Steinen zu laufen und nicht hineinzufallen. Wenn Sie sich in solch einem Sumpf suhlen und mit dem „tiefen Werk Gottes” in Ihrer Seele angeben, sind Sie nichts anderes als ein selbstgerechter Heuchler, der wie ein Esel wiehert, und zeigen Ihre geistliche Unwissenheit. Ich schlage vor, dass Sie sich die auf Kassette aufgenommene Predigt über „Bunyan und das Gesetz” besorgen. Ich denke, sie wird Ihnen helfen.

Der richtige Weg: Heiligkeit und Frieden/Freude.

Die Gnade Gottes, die zu wahrer Furcht führt, führt auch zu wahrem Frieden. Wenn John Newton wie die derzeitigen Apostel des Gesetzes gepredigt hätte, dann hätte der arme William Cowper jede Woche Selbstmord begangen (Cowper war ein engl. Dichter und zusammen mit John Newton Verfasser bekannter Hymnen; er litt unter schweren Depressionen, die er durch Newtons Hilfe überwand). Das Predigen des Gesetzes, das Gläubige Woche für Woche mit einem niedergeschlagenen und verzweifelten Herzen nach Hause schickt, ist ganz genauso entgegen Gottes Wahrheit wie das Predigen, das in den oben zitierten Abschnitten von den alttestamentlichen Propheten verurteilt wurde. Der Prediger, dessen Gemeinde nicht wirklich im Herrn froh ist und der dennoch gleichzeitig stolz auf ihre Fähigkeit ist, sein beständiges „herzerforschendes Predigen” zu ertragen, ist ein genauso falscher Prophet wie der Prediger des „bequemen Glauben”. Er hat bloß das Evangelium in eine andere Richtung verzerrt.

Ich möchte gerne die folgenden Worte von Horatius Bonar in großen Buchstaben über den Kopf sowohl des legalistischen [gesetzlichen} Predigers schreiben, als auch über den seines Gegenstücks, des antinomistischen [vom Gesetz freien] Predigers schreiben.

„Der Weg des Friedens und der Weg der Heiligkeit laufen parallel; eigentlich ist es nur einer. Das, was den Frieden spendet, vermittelt Heiligkeit, und wer eins davon wegnimmt, nimmt auch das andere. Der Geist des Friedens ist der Geist der Heiligkeit. Der Gott des Friedens ist der Gott der Heiligkeit.

Wenn diese Pfade irgendwann auseinander zu gehen scheinen, dann muss etwas falsch laufen – falsch in der Lehre, die sie zu entzweien scheint, oder falsch im Zustand des Menschen, in dessen Leben dies geschah.

Die beiden sind nicht unabhängig. Es gibt zwischen ihnen eine grundlegende Freundschaft, wobei einer der Gefährte des anderen ist.... Der Frieden ist unentbehrlich für die Erzeugung und Verursachung der Heiligkeit, und die Heiligkeit ist unentbehrlich für die Wahrung und Vertiefung des Friedens.

Derjenige, der beteuert, er habe Frieden, während er in Sünde lebt, ‘betrügt sich selbst, und die Wahrheit ist nicht in ihm’. Derjenige, der denkt, er hätte Heiligkeit, obwohl er keinen Frieden hat, sollte sich fragen, ob er richtig versteht, was die Bibel mit dem einen oder dem anderen meint. Weil das Wesen der Heiligkeit der gerechte Zustand der Seele gegenüber Gott ist, scheint es unmöglich zu sein, dass ein Mensch heilig sein kann, solange es keine bewusste Versöhnung zwischen Gott und ihm gegeben hat. Es kann eine unechte Heiligkeit da sein, gegründet auf einem unechten Frieden oder auf gar keinem Frieden. Aber wahre Heiligkeit muss mit einem echten und wahren Frieden beginnen.”

(Aus „God's Way of Holiness” [Gottes Weg der Heiligkeit] von Horatius Bonar, Moody Press, S. 7f)


Die Prediger des „bequemen Glaubens” haben Frieden und Heiligkeit getrennt, indem sie Frieden ohne Buße anbieten, ohne zu fordern, dass wahre Heiligkeit einem Glaubensbekenntnis und einer bestimmten Zusage folgt. Die Prediger des "Gesetzesgehorsams" haben auch Frieden und Heiligkeit getrennt, indem sie darauf drängen, dass Heiligkeit der einzige sichere Grund ist, auf den man den Frieden und die Zuversicht der Errettung bauen kann. Sie versuchen, durch ein heiliges Leben einen Frieden des Gewissens zu erzeugen. Die erste Gruppe glaubt, dass heiliges Leben nicht unbedingt mit Frieden verbunden ist, und die zweite Gruppe glaubt, dass ein innerer Frieden nur durch Gehorsam gegenüber dem Gesetz erlangt werden kann. Ich stimme beiden Gruppen nicht zu und stimme Bonar in seiner ganzen Aussage bei, besonders in den folgenden Bereichen:

(1) Frieden und Heiligkeit können nicht voneinander getrennt werden. Sie sind zwei verschiedene Teile eines Ganzen. Man kann nicht eins ohne das andere haben. Wahre Heiligkeit und eine zulässige Heilssicherheit können nicht voneinander getrennt werden. Die meisten Prediger des „Gesetzesgehorsams” würden von ganzem Herzen dieser Aussage zustimmen, aber die meisten von ihnen würden sie gleichzeitig durch ihr einseitig verschobenes Predigen verleugnen. Man hat von der Bibel aus nicht mehr Recht über „Heiligkeit” zu reden, wenn man sich nicht ganz seines Friedens bewusst ist, als man Recht hat, sich seiner „Sicherheit” zu rühmen, wenn man in der Sünde lebt. Einer dieser Fehler ist gerade genauso schlimm wie der andere.

(2) Unsere Argumentation heute geht NICHT darüber, ob man wahren Frieden haben kann, ohne die begleitende wahre Heiligkeit zu haben. Wir stimmen von ganzem Herzen zu, dass solch eine Möglichkeit sowohl in ihrer  Aussage als auch ihren Resultaten entgegen dem eigentlichen Herz des Evangeliums ist. Gnade macht Menschen heilig! Titus 2,11-12 [3] erledigt diese Frage für immer. Ich habe diese Tatsache niemals im geringsten in Frage gestellt. „Derjenige, der beteuert, er habe Frieden, während er in Sünde lebt, ist ein Lügner, und die Wahrheit ist nicht in ihm”, ist die Botschaft, die ich gepredigt habe, predige und predigen werde, so lange ich lebe. Unsere Argumentation ist aber, wie die von Bonar, dass man keine wahre Heiligkeit haben kann, ohne zuerst wahren Frieden mit Gott in seinem Gewissen zu haben. „Derjenige, der denkt, er habe Heiligkeit, obwohl er keinen Frieden hat, sollte sich selbst fragen, ob er richtig versteht, was die Bibel mit entweder dem einen oder dem anderen meint”, ist auch die gleiche Botschaft, die ich predige. Der erst Teil der Botschaft bringt mir Scherereien mit den Antinomisten ein und der zweite Teil beschert mir noch größere Schwierigkeiten mit den Legalisten.

Der Legalist bindet einem das Gewissen an das Gesetz, in einer Weise, die Heilssicherheit und wahre Freude nahezu unmöglich macht, und je ernsthafter und gewissenhafter man ist, um so mehr Schwierigkeiten wird man mit der Zuversicht haben. Wenn man eine dieser lieben Seelen ist, die ernstlich danach „streben, heilig zu sein”, um wirkliche Zuversicht im Herzen zu haben, dann versteht man in Bonars Worten entweder biblische Heiligkeit oder wahre Zuversicht nicht, weil einem die Theologie durch legalistisches Predigen verbogen wurde.

(3) Unsere hauptsächliche Meinungsverschiedenheit mit vielen reformierten Baptisten betrifft nicht die Notwendigkeit von Heiligkeit im Leben eines wahren Kindes Gottes; wir stimmen mit ihnen völlig darin überein, dass diese Heiligkeit wesentlich ist. Unsere Unstimmigkeit liegt darin, wie diese Heiligkeit erlangt wird. Ich glaube, dass die Schrift Gottes Schafe in echtes heiliges Leben führt, indem sie ihnen Christus selbst in ihren Herzen teuer macht. Einige meiner Brüder aus den reformierten Baptisten glauben, dass die Schafe zu wahrem Frieden geführt werden, indem man sie jede Woche mit dem Gesetz auspeitscht. Das ist der Kern der derzeitigen Kontroverse über Gesetz und Gnade. Die Frau eines Pastors erzählte einem Freund von mir: „Wir müssen beständig zur Unterwerfung durch das Gesetz gepeitscht werden, ansonsten werden uns unsere Sünden beherrschen.” Dieser Ansatz ist genau entgegengesetzt zum Thema des Buchs von Bonar und auch entgegengesetzt zu der einheitlichen Lehre von Apostel Paulus.


Bonars Aussage, dass „Frieden unentbehrlich ist für die Erzeugung oder Verursachung der Heiligkeit” ist die Grundlage meiner Position und meines Predigens. Die Grundlage alles legalistischen Predigens ist das genaue Gegenteil. Das Ziel des Predigens eines Legalisten ist es, die Menschen sich heilig genug fühlen zu lassen, so dass sie es dann wagen können zu glauben, dass sie schließlich aus Gottes Sicht annehmbar sind. Die grundlegende Voraussetzung des Legalisten ist, dass Schläge mit der Rute des Gesetzes die einzige von Gott angeordnete Weise ist, die Schafe in Form zu bringen. Das Gefühl echter Annahme von Gott wird sich nur einstellen, wenn man sich selbst und seinen Gehorsam überprüfen kann und „fühlen” kann, dass alles in Ordnung ist, weil man den Test bestanden hat. Der Legalist stellt das Gesetz in solch einer Weise als Richter in das Gewissen eines Christen, dass ein Schaf kein Recht hat, sich „sicher in Christus” zu fühlen, bis sein tägliches Leben die „Überprüfung durch das heilige Gesetz Gottes bestehen” kann. Diese schreckliche Verzerrung von sowohl Gesetz als auch Evangelium kann nur zu entweder ständiger Verzagtheit und Zweifel auf der einen Seite, oder selbstgerechter Einbildung auf der anderen Seite führen, und beide dieser Zustände oder Lagen sind Feinde der souveränen Gnade Gottes.

Wenn einige, die legalistisch sind, mich und meine Freunde verunglimpfen und sagen: „das ist, was wir ebenfalls glauben”, kann ich nur antworten: „Bruder, sowohl der Inhalt von 95% deiner Predigten als auch dein Gesichtsausdruck und Ton deiner Stimme, während du predigst, beweist dies sicher nicht!”. Wenn Prediger wirklich glauben, dass 1. das Gesetz nicht heiligen oder gerecht machen kann, und dass 2. nur die Predigt des Kreuzes wahre biblische Heiligkeit hervorbringen kann, warum werden dann die Schafe in ihrer Gemeinde nahezu jede Woche so schrecklich geschlagen und blutend nach Hause geschickt? Warum sind die Male der Rute des Mose auf ihren Rücken so sichtbar und fallen die Früchte des Geistes wegen ihres nicht vorhanden seins so auf? Glauben diese Prediger, dass die Mehrheit in ihrer Gemeinde „Heuchler” sind, deren „verlorener Posten” herausgestellt werden muss, anstatt Schafe, die geweidet werden müssen? Diese Prediger gebrauchen, oder missbrauchen, das Gesetz in einer Weise, die andeutet, dass die meisten, wenn nicht alle ihrer Zuhörer verlorene Heuchler sind.

Lassen Sie mich noch einmal sagen, dass ich die Botschaft des „bequemen Glaubens” und alle damit verbundenen Übel verabscheue, aber ich muss auch wiederholen, dass der bequeme Glaube in den Gemeinden, die ich beschreibe, nicht das Problem ist. Das Problem in diesen Gemeinden ist, dass es nicht genug „glaube nur” gibt und zu viel „gehorche dem Gesetz oder du wirst verdammt werden”. Dies ist zu viel Mose und Drohung des Gesetzesbundes und nicht genug Christus und die Segnung der Vergebung des Gnadenbundes.

Wenn Bonar recht hat, und das ist so gut wie sicher, dann ist es leicht zu verstehen, warum bei so vielen warmherzigen arminianischen Gemeinden (die den gesetzlichen Calvinismus ablehnen) Leute gerettet werden und in Glauben, Liebe und wahrer Heiligkeit wachsen. Sie predigen „Jesus Christus und ihn als Gekreuzigten” und die Menschen werden mit der Zuversicht des Friedens mit Gott gesegnet und wollen ihm ernsthaft aus Dankbarkeit dienen. Viele reformierte Pastoren predigen Moses und danach zu „streben, heilig zu sein” in solch einer Weise, dass die Menschen versuchen, auf der Grundlage ihres Gehorsams eine Sicherheit des Friedens mit Gott in ihren Herzen zu finden. Ich weiß, dass fast jeder einzelne Prediger, der dies liest, es vehement abstreiten wird, dass das, was ich sage, auf ihn oder seine Gemeinde zutreffen würde. Dennoch können die Herzen und das Leben seiner Leute ganz klar eine andere Geschichte erzählen. Sie müssen das für ihre eigene Gemeinde und ihr Werk selber beurteilen.

Die Autorität der Ältesten.

Einige Prediger bemühen sich so sehr, dem Predigen von falschem Frieden entgegenzutreten, dass sie am Ende überhaupt keinen Frieden mehr predigen. Eine von Herzen gespürte, freudige Zuversicht hat den Anschein, eine Todsünde zu sein. Diese Menschen vergessen, dass „glaube nur” das Wesen des Evangeliums der Gnade ist, genau wie „bequemer Glaube” das Wesen des Irrtums ist. [4] Die alttestamentlichen Propheten waren genauso hart in ihrer Verdammung einer anderen Art des Predigens wie sie es waren, die Prediger des falschen Friedens zu beschuldigen:

Jer 23,1 Wehe den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen! spricht der HERR. 23,2 Darum, so spricht der HERR, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und sie vertrieben und habt nicht nach ihnen gesehen. Siehe, ich werde die Bosheit eurer Taten an euch heimsuchen, spricht der HERR. 23,3 Und ich selbst werde den Überrest meiner Schafe sammeln aus all den Ländern, wohin ich sie vertrieben habe. Und ich werde sie auf ihre Weideplätze zurückbringen. Da werden sie fruchtbar sein und sich mehren. 23,4 Und ich werde Hirten über sie erwecken, die werden sie weiden. Und sie sollen sich nicht mehr fürchten und nicht erschrecken noch vermißt werden, spricht der HERR. Jer 23,1-4;


Wie viele ernsthafte Schafe kennen Sie, die wegen der Tyrannei von Pastoren und Ältesten „zerstreut wurden”? Wie viele ernsthafte Gläubige kennen Sie, die sich „fürchten und erschrecken” mussten, nur das zu sagen, was in ihren Herzen war, aus Furcht vor der Strafe der Ältesten? Wie viele Ehemänner und Frauen wurden in ihrer Zuneigung zueinander entfremdet, weil sich die Gemeinde oder Ältesten in ihre Beziehung miteinander einmischten? Viele von Ihnen, die diese Zeilen lesen, haben in der Praxis erlebt, was der folgende Vers beschreibt:

„Die Propheten haben einen falschen Weg eingeschlagen, sie missbrauchen ihre Macht” (Jer 23,10 nach „Hoffnung für Alle”).


Ich würde zu Gott beten, dass einige der Prediger, die Gemeinden über die Sache der „Autorität der Ältesten” gespalten haben, Hesekiel 34 bedenken sollten. Gewöhnlich werden Leute, wenn sie eine Gemeinde verlassen müssen, weil sie sich weigerten, den „rechtmäßig autorisierten Ältesten” zu gehorchen (was so ausgelegt werden kann, dass sie ihr Gewissen nicht an einen „bedingungslosen Gehorsam” gegenüber der Ältestenschaft verkauft haben), niemals persönlich von ihrem Pastor besucht. Man versucht in keiner Weise, mit ihnen in Kontakt zu treten, außer den „Rebellen” in einem „rechtmäßig autorisierten” [5] Brief, der eine Menge (meist aus dem Zusammenhang gerissener) Verse zitiert, zu informieren, dass er „rechtmäßig” aus der Gemeinde, oder Sekte, was auch immer der Fall sein mag, exkommuniziert wurde. Manchmal, nicht allzu oft, wird dem Rebellen gesagt, dass die Ältesten bereit sind, zu erwägen, ihn wieder aufzunehmen, wenn er wahrhaft Buße getan habe, was natürlich bedeutet, in Unterwerfung den Ring des Papstes zu küssen.

Hes 34,2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? 34,3 Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Hes 34,2-3;


Wenn Sie ein Pastor wären, dessen Gemeinde sich aufopfern würde, ihnen ein Gehalt und Zuwendungen von fast 100.000 DM jährlich zu bezahlen, und weniger als 2.000 DM jährlich in irgendeine Art von Missionsarbeit zu stecken, wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie die obigen Worte von Hesekiel lesen würden?

Wenn Sie dazu beitragen würden, diese 100.000 DM Gehalt zu bezahlen, und dabei persönlich wie ein Hund behandelt würden, oder schlechter, vielleicht stachelte dieser Pastor systematisch Ihre Frau (oder Ihren Mann) und Kinder gegen Sie auf, wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie die folgenden Verse aus dem Wort Gottes lesen würden?

Hes 34,4 Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; sondern streng und hart herrschet ihr über sie! 34,5 Und meine Schafe sind zerstreut.... Hes 34,4-5;


Wenn Sie ein Pastor sind, der Familien aus seiner Gemeinde ausgetrieben hat, nur weil sie es wagten, Ihnen zu widersprechen, und Sie niemals eine von ihnen besucht haben, um zu versuchen, die Schwierigkeit zu lösen, was denken sie, über wen Gott in Hes 34,2-5 spricht?

Mein Freund, die Schafe mit dem „rechtmäßig autorisierten Amt der Ältestenschaft” zur Unterwerfung zu prügeln und sie blutend und verwundet nach Hause zu schicken, ist Gott genauso verhasst, wie das weiter oben zitierte „mit Kalk übertünchen” [aus Hes 13,10]. Salz in offene Wunden zu reiben ist genau das, was viele Prediger Woche für Woche tun. Weil echte Schafe ein zartes Gewissen haben, kann sie ein falscher Prediger mit zwei dicken Knüppeln zu Tode schlagen. Wenn das Gesetz (der Knüppel Nummer eins) von dem „rechtmäßig autorisierten Prophet Gottes” (Knüppel Nummer zwei) geschwungen wird, ergibt das ein grausliches Duo, das jedes zarte Gewissen zur Unterwerfung und Furcht bringen kann. Wenn eines dieser Schafe endlich genug Mut fasst, um so eine Gemeinde zu verlassen, oder mit den Worten eines Autors „einer solchen Gemeinde mit einem Seufzer der Erleichterung entkommt”, garantiere ich Ihnen, dass Gott diese „Flucht” nicht als eine Rebellion gegen seine „rechtmäßig autorisierte Gemeinde” ansehen wird. Er sieht es als eine Weigerung eines Schafs an, einem falschen Hirten zu folgen. Wenn ein Kind Gottes von einer solchen Art Tyrannei flieht, ist es der Stimme seines einen wahren Hirten gehorsam und lehnt die Autorität eines falschen Propheten ab.

Das Erstaunliche an dieser traurigen Lage ist, dass so viele ernsthafte Schafe bereit zu sein scheinen, sich einer Form von römisch-katholischer Lehre zu unterwerfen, ohne sie mit der Schrift herauszufordern. Das Wort Jeremias trifft in vielen heutigen Gemeinden zu:

Jer 5,30 Es steht greulich und gräßlich im Lande. 5,31 Die Propheten weissagen Lüge, und die Priester herrschen auf eigene Faust, und mein Volk hat's gern so. Aber was werdet ihr tun, wenn's damit ein Ende hat? Jer 5,30-31;


Erstaunlich!

Die letzten drei Jahre haben mich überzeugt, dass eine Kontroverse um Gesetz und Gnade einer der wichtigsten Kämpfe ist, dem eine Gemeinde jemals gegenüberstehen muss. Dies geht über die Frage von Dispensationalismus gegen Amillenialismus hinaus, und ja, auch über die Frage von Calvinismus und Arminianismus. Eine Kontroverse um Gesetz und Gnade beinhaltet Herz und Nerven des Evangeliums der souveränen Gnade selbst. Es richtet das biblische Ziel und den Zweck des Dienstes der Predigt und Lehre auf oder es zerstört sie.

(Siehe auch den Diskurs 66: „Der Amillennialismus: Ist das tausendjährige Friedensreich eine Fiktion?”.)

Dispensationalisten, Amillenialisten, Calvinisten und Arminianer haben alle Seelen gesehen, die unter ihrem Werk gerettet wurden. Sie haben starke missionarische Bewegungen entwickelt. Legalisten haben andererseits niemals Erweckung gesehen oder können sie jemals sehen. Die heutigen Prediger des Gesetzes bringen Sünder nicht zur Errettung, einfach weil sie nicht klar das Evangelium von Gottes Gnade predigen. Sie scheinen sich damit zufrieden zu geben, Schafe von den Arminianern zu stehlen und sie theologisch gerade zu bügeln”. Ein arminianischer Bruder sagte: „Ihr Calvinisten solltet beten, das wir Arminianer erfolgreich sind, Bekehrte zu gewinnen, denn wenn wir nicht jemanden zur Errettung führen würden, dann hättet ihr Freunde keinen, den ihr bearbeiten könnt!” In vielen Fällen hatte er in seiner Aussage mehr als Recht. Wie viele Menschen in Ihrer Gemeinde wurden durch das Werk der Gemeinde oder ihres Pastors aus dem Heidentum bekehrt? Wie viele kamen entweder von einer anderen nahegelegenen evangelikalen Gemeinde oder zogen absichtlich in Ihre Stadt, um eine „wahre reformierte Gemeinde” zu besuchen?

Die Knackpunkte in jeder Kontroverse um Gesetz und Gnade sind immer die gleichen. Es sind dies:

ERSTENS: Was ist die „Botschaft des Evangeliums”, die wir armen Sündern weitergeben sollen? Müssen wir mit 2.Mose 20 (den zehn Geboten) beginnen, bis es ein wesentliches „vorbereitendes Werk des Gesetzes” in ihrem Herz gibt, und dann, und erst dann, ihnen das Versprechen des Evangeliums geben? Oder können wir damit beginnen, Sünder mit dem Evangelium des Johannes zu evangelisieren und ihnen den Heiland selbst vorstellen?

ZWEITENS: Wie erreichen wir heiliges Leben unter den Heiligen Gottes? Schicken wir sie zu Mose zurück und stellen ihr Gewissen unter seine Drohung? Oder lassen wir sie unter dem Kreuz stehen, wo sie ihren Heiland sehen, und stellen wir ihr Gewissen unter seine Herrschaft und seine klaren wirklichen Gebote?


Wir reden über nichts weniger als den Kernpunkt der Evangeliumsbotschaft in der Evangelisation und den biblischen Methoden, die gebraucht werden, um Gläubige in Gnade und Heiligung wachsen zu lassen. Wir reden über zwei ganz verschiedene Ansätze, Rechtfertigung und Heiligung zu predigen. Wir untersuchen die wahre Rolle der Gemeinde, das Ziel ihres Dienstes, und den Kernpunkt ihrer Botschaft sowohl an Sünder als auch an Heilige.

Ich, und einige andere mit mir, habe ernsthaft versucht, innerhalb der Gruppe von Menschen zu arbeiten, mit denen wir zur Lehre der Gnade gekommen waren. Ich würde dies gerne weiterhin tun, aber die meisten würden mich nicht lassen. Es gibt eine hartnäckige Weigerung, die Angelegenheit von Gesetz und Gnade öffentlich zu lüften und im Licht der Schrift zu diskutieren. Wir erhalten die gleiche Behandlung von vielen unserer Brüder unter den reformierten Baptisten, wie wir sie früher von den Arminianern bekommen haben, als wir zur Wahrheit von der souveränen Gnade kamen.

Wenn es nicht so tragisch wäre, dann wäre es komisch, die Methoden und Taktiken, die von der Bob-Jones-Universität vor zwanzig Jahren benutzt wurden, um eine „Hyper-Calvinismus” genannte Karikatur darzustellen, mit den Methoden zu vergleichen, die von einigen Predigern der reformierten Baptisten heute benutzt werden, in ihren Versuchen, eine andere Karikatur darzustellen, die sie „Antinomianismus” nennen. Die Menschen heute benutzen die gleichen Methoden, die Bob Jones benutzt hat, aus den gleichen Gründen, aus denen sie Bob Jones benutzt hat, nämlich, weil es ihre einzige Zuflucht ist. Sie ziehen nicht bestimmte Texte der Schrift heran, weil sie keine haben! Wenn man seine Theologie nicht mit wirklicher Überprüfung an der Schrift verteidigen kann, dann muss man auf eine andere Methode ausweichen, wie etwa pure persönliche Macht. Wenn man sich nicht mit einer offenen Bibel hinsetzen und mit Freundlichkeit lehren wie auch lernen kann, dann kann man nur noch zu ärgerlichem Beleidigen Zuflucht nehmen, wobei man die Autorität seines „rechtmäßig autorisierten Amtes eines Pastors” benutzt, oder das Glaubensbekenntnis zückt und sagt „so sagen unsere heilige Vorväter im Glauben”.

Wir haben über Bob Jones gelacht, weil er verbat, bestimmte Bücher zu lesen und Studenten hinauswarf, weil sie „The Sword and the Trowel” („Das Schwert und die Kelle”, eine von Spurgeon herausgegebene Zeitschrift) lasen. Wir sagten „wenn Bob Jones so sicher ist, dass er die Schrift auf seiner Seite hat, warum setzt er sich dann nicht mit diesen verwirrten Studenten hin und sagt: Lasst mich euch zeigen, was diese Verse wirklich bedeuten. Lasst uns jedes Argument untersuchen, das diese Bücher und Autoren benutzen. Noch besser, wir werden einen von ihnen einladen, eine Vorlesung zu halten, und ihm Fragen stellen und zeigen, wo er Unrecht hat!” Natürlich wissen wir, warum nichts davon jemals geschah. Wir wissen, warum sie sich auf den „großen Stock” der persönlichen Autorität berufen mussten. Sie konnten ihre grundlegenden Annahmen nicht aus dem Wort Gottes herleiten und weigerten sich daher einfach, sie zu diskutieren!

Viele Prediger der reformierten Baptisten tun heute genau das gleiche! Sie handeln wie die Arminianer vor zwanzig Jahren! Und sie handeln auf diese Weise, aus dem gleichen Grund, aus dem Bob Jones das tat. Sie weigern sich, sich hinzusetzen und Texte der Bibel zu diskutieren, weil ihre ganze Position auf „gute und notwendige Konsequenzen” gegründet ist, anstatt auf Bibeltexte. Wir würden uns freuen, uns jederzeit und überall hinzusetzen und aus dem Wort Gottes genau das zu diskutieren, was wir glauben, und warum wir es glauben. Bisher war die Antwort: „Es gibt nichts zu diskutieren. Das Glaubensbekenntnis ist klar. Wer sind Sie, dass Sie es wagen können, diesem ehrwürdigen Dokument zu widersprechen?” So viel zu „Sola Scriptura” [„allein die Schrift” bzw. „allein die Bibel”].

Viele der Leute auf der John-Bunyan-Konferenz können sowohl über die Botschaft als auch über die Methoden bezeugen, die sie gezwungen haben, Gemeinden zu verlassen, die sie sehr lieb hatten. In jedem Fall war der Älteste der „Gesalbte Gottes”, den man als „gewöhnlicher Christ” nicht wagen durfte, herauszufordern. Das geheiligte Glaubensbekenntnis, das von unseren „göttlich inspirierten Vorvätern” produziert worden war, war ein Schwert geworden, das jeden zum Schweigen bringen sollte, der es wagte, eine Frage zu stellen. Das Glaubensbekenntnis und die persönliche Macht des Pastors wurden die letztendliche Autorität über die Kirche und das Gewissen des Einzelnen.

Denken Sie, dass ich Witze mache oder übertreibe? Lächeln Sie und sagen Sie: „John baut einen größeren Strohmann auf, als die Menschen, über die er redet”? Zweifeln Sie daran, dass solche Situationen, wie ich sie geschildert habe, heute existieren? Wenn Sie denken, dass ich nur Rauch in die Luft blase, dann lesen Sie sorgfältig die folgenden Worte aus einem Artikel von Pastor Walter Chantry. Es ist das beste Material, das er jemals geschrieben hat. Er gibt die lebendigste und perfekteste Beschreibung, die ich jemals von der Art von Ältesten und Gemeinden, über die ich rede, gelesen habe. Ist Chantry nur ein heulender Wolf, oder spricht er über wirkliche Situationen, mit denen er persönlich vertraut ist? Viele der Leute auf der Konferenz letzte Woche werden bezeugen, dass sie aus einer Situation kamen, die genauso war, wie die von Pastor Chantry in dem folgenden Zitat beschriebene:

„Arroganz und ein herrischer Geist ist bei Ältesten niemals akzeptabel. Ein päpstliches Auftreten enthüllt Stolz im Herzen. Pompöse und tyrannische Behandlung von Untergebenen begleitet fast allgemein Autoritätspositionen in der Welt und menschlichen Institutionen. Niemals ist solch eine Haltung bei Ältesten gestattet. Unser Erzhirte hat gesagt:

Mt 20,25 Aber Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. 20,26 So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; Mt 20,25-26;


Christus und Petrus besprechen weder hypothetische Möglichkeiten, noch eigentümliche Haltungen aus antiker Zeit. Selbstherrlichkeit und Herren über andere sein zu wollen, ist eine beschämende Realität unter modernen Pastoren und Ältesten. Viele junge Christen wurden von der herrschsüchtigen Art von Ältesten schwer verletzt.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem Rebellion gegen alle gottgegebenen Autoritäten üblich ist. Viele haben keinen Respekt vor denen, die der Heilige Geist als Aufseher über sie eingesetzt hat (Apg 20,28). Eine Vielzahl von Ortsgemeinden wurde durch Anarchie ruiniert. Christen muss gelehrt werden, sich der Ordnung Christi und seinen eingesetzten Ältesten und Diakonen unterzuordnen. Doch eine Gemeinde kann genauso durch Tyrannei beschädigt werden, wie durch Anarchie.

Gelegentlich trifft man auf Herausforderungen in Angelegenheiten von Wahrheit und Aufrichtigkeit, die für die Ehre Gottes und das Wohlergehen der Herde entscheidend sind. Die Pastoren müssen dann wissen, wie sie in ihrer Opposition gegenüber Unmoral und Irrlehre beharrlich sein sollten. Ihre prophetischen Stimmen sollten donnern und ihre Füße fest stehen bleiben. Aber nicht alle Angelegenheiten sind so entscheidend. Eine strenge, autoritäre Einstellung sollte auch nicht das charakteristische Merkmal in der Haltung eines Pastors sein.

Einige haben sich vorgestellt, dass die Gemeinde mit biblischen Geboten, denen sich die Schafe unterwerfen, zur Aufgabe ihres Widerstands gegenüber den Meinungen und Entscheidungen des Pastors gezwungen werden kann. Eifer für Wahrheit und Gerechtigkeit vermischt sich bei den Ältesten mit einem aufgeblasenen Selbstbewusstsein. Andere Menschen werden nicht durch Beispiel geben geführt, sondern mit der schlimmsten aller weltlichen Taktiken unterdrückt. Unstimmigkeiten und Fragen werden rigoros ausgemerzt. Wenn Älteste von der Unterwerfung der Herde besessen werden, haben sie eine Sichtweise, die der Autokratie Roms gefährlich nahe kommt. Diese Anschauung schließt einen Egoismus ein, von dem Pastoren und Älteste befreit werden müssen.

Einige Älteste sind nie für das Kompliment dankbar, das ihnen gemacht wird, wenn ein Heiliger der Auslegung eines Textes durch den Pastor nicht zustimmt. Zumindest ist der Christ unter seiner Fürsorge mehr der Schrift verpflichtet als dem Mann auf der Kanzel. Unter seinem Dienst hat das Kind Gottes eine Reife erlangt, Dinge für sich selbst zu durchdenken und wurde vom Geist von Beröa erfasst (Apg 17,10.11). Aber einige Pastoren und Älteste können den Prozess der Reife in den Schafen nicht ertragen. Gelegentlich sind Eltern von der Abhängigkeit ihrer Kinder so geschmeichelt, dass sie es nicht ertragen können, sie im Laufe der Jahre zur Unabhängigkeit heranwachsen zu sehen. Ihr aufgeblähtes Bild der eigenen Bedeutung leidet dann zu sehr, wenn sie ihre Zügel loslassen sollen. Mit beherrschenden Ältesten und Pastoren ist es ganz genauso.

Andere Schafe haben festgeprägte Charakterzüge, die jedem im Leib der Gemeinde offenkundig sind. Peinliche Angewohnheiten und Neigungen machen einen bestimmten Bruder in der Gemeinde weniger nützlich, als er es sein könnte. Seine mit der Sünde verbundene Eigenart der Persönlichkeit bereitet der Gemeinde ein wenig Kummer. Frustriert darüber, dass höflicher Tadel und geduldiges Flehen den Makel an Christi Schaf nicht bereinigt haben, nehmen einige Älteste die Rute der Kirchenzucht in die Hand, um die Flecken herauszuschlagen. Darin liegt ein Missbrauch der Kirchenzucht, die Gott zum Gebrauch bei außerordentlichen und öffentlichen Sünden vorgesehen hat. Daran ist auch ein Übermut beteiligt, der entscheidet, dass Fortschritt in der Heiligung auf der Stelle erzielt werden muss! Aber kein Ältester wurde berufen, um den Zeitplan für das Wachstum in der Gnade aufzustellen. Es ist nicht die Sache von Ältesten zu fordern. Schafe können nicht ausgepeitscht und zur Anpassung an die Wünsche des Pastors getrieben werden.

Herren über die Herde zu sein, provoziert Kämpfe und Spaltungen in der Gemeinde. Ein beherrschen wollender Geist in Ältesten provoziert reife Menschen mit starkem Charakter und unabhängigem Urteil dazu, die Gemeinde zu verlassen. Aber gerade die hätten das größte Potential für die zukünftige Leitung. Diktatorische Maßnahmen machen weniger starke Menschen feige und abhängig, und halten ihr wahres Wachstum auf. Aber es hat auch seine schädigenden Auswirkungen auf die ‘Herren über Gottes Eigentum’. Es macht sie egoistisch und eigennützig.”

(Aus „The Christian Ministry and Self Denial” [Der christliche Dienst und Selbstverleugnung], von Pastor Walter J. Chantry, Zeitschrift „Banner of Truth”, November 1979, S. 22f)

Die Konsequenz für die Gläubigen.

Es gibt für Sie nur zwei Entscheidungsmöglichkeiten, wenn Sie sich in einer Gemeinde wie der befinden, die so klar von Pastor Chantry beschrieben wird. Erstens, Sie können in der Gemeinde bleiben. Aber Sie müssen dann ihren Mund halten und der „rechtmäßig autorisierten Ältestenschaft” gehorchen und geistlich völlig austrocknen. Sie werden gegen Christus sündigen, wenn Sie es Ihrem Pastor gestatten, der Herr über Ihr Gewissen zu sein – und glauben Sie mir, dies ist eine ernsthafte Sünde! Wenn Sie in solch einer Gemeinde sehr lang bleiben, können Sie nicht anders, als Ihr Gewissen dem Leiter zu überliefern. Aber in dem Augenblick, wo Sie das tun, werden Sie in Furcht vor diesem Leiter und seiner Autorität über Ihre Seele leben. Wenn Sie diesen Punkt erreicht haben, sind Sie eigentlich Mitglied einer Sekte und haben Ihre wahre Freiheit in Christus völlig aufgegeben. Sie werden sogar Angst davor haben, selbständig zu denken, ganz zu schweigen davon, so zu sprechen und zu handeln.


Bedauerlicherweise gibt es einige Gemeinden, die tatsächlich von Ihnen diese Art von Unterwerfung fordern, damit Sie ein Mitglied der Gemeinde oder Sekte, was auch der Fall sein mag, sein können. Sie werden Ihnen die Mitgliedschaft je nach Ihrer „Rebellion” (wenn Sie irgendetwas in Frage stellen, was ein Ältester sagt oder tut) oder „Reue” (wenn Sie den Pastor wie einen Papst behandeln) entziehen oder wiedergeben. Einige arme Seelen sind mehrfach in die Gemeindemitgliedschaft hinein und wieder herausgekommen, je nach der Laune des Predigers. Diese Art von Gemeinden benutzen das Amt des Ältesten oder Diakons als einen Köder, um die „wirklich loyalen Anhänger” auszuzeichnen. Es macht einen krank zu sehen, wie Männer auf dem Boden kriechen und Stiefel lecken, um in der Gunst und Macht „des Mannes Gottes” zu stehen.

Die zweite und richtige Wahl für Sie, wenn Sie empfinden, dass Pastor Chantry Ihren Pastor beschreibt, ist, so schnell Sie können aus dieser Gemeinde heraus zu kommen und niemals wieder dahin zurück zu gehen. Ich kenne Ihre Lage nicht, aber ich kenne sechs Gemeinden der reformierten Baptisten persönlich, wo ein großer Teil der Mitglieder absolut überzeugt war, dass Chantry über ihre Gemeinde und ihren Pastor spricht! Das nächste Mal, wenn einige Schlüsselfamilien eine Gemeinde verlassen haben, glauben Sie nicht so schnell, dass der „rechtmäßig autorisierte” Pastor und seine Anhänger recht hatten und die Leute, die gegangen sind, alle „Rebellen gegen die Autorität” gewesen waren. Es kann genau der Fall sein, dass der Pastor ein krankhafter Machtmensch war, der angefangen hatte, von sich zu denken, dass er die unfehlbare Stimme Gottes ist. Es ist möglich, dass das Machtgefüge in einer Gemeinde falsch ist! Das ist sogar in einer „echten” Gemeinde der reformierten Baptisten möglich! Wie Chantry sagte: „Eine Gemeinde kann genauso durch Tyrannei beschädigt werden, wie durch Anarchie”. Ich muss noch eine Gemeinde der reformierten Baptisten finden, die durch Anarchie ruiniert wurde, aber ich kenne mehr als eine, die durch die Tyrannei von Pastoren ruiniert wurde oder ruiniert wird.

Lesen Sie noch einmal sorgfältig, was Chantry als den Grund dafür angibt, dass viele gute Menschen eine Gemeinde wie die beschriebene verlassen.

„Herren über die Herde zu sein, provoziert Kämpfe und Spaltungen in der Gemeinde. Ein beherrschen wollender Geist in Ältesten provoziert reife Menschen mit starkem Charakter und unabhängigem Urteil dazu, die Gemeinde zu verlassen. Aber gerade die hätten das größte Potential für die zukünftige Leitung. Diktatorische Maßnahmen machen weniger starke Menschen feige und abhängig, und halten ihr wahres Wachstum auf. Aber es hat auch seine schädigenden Auswirkungen auf die ‘Herren über Gottes Eigentum’. Es macht sie egoistisch und eigennützig.”


Pastor Chantry spricht über konkrete Beispiele, und er hat völlig recht, wenn er sagt: „Herren über die Herde zu sein, verursacht Gemeindespaltungen.” Fast jede einzelne Spaltung, von der ich weiß, die in den letzten zehn Jahren in einer Gemeinde der reformierten Baptisten stattgefunden hat, ging darüber, was Chantry einen „beherrschen wollenden Geist in den Ältesten” genannt hat. Die Leute auf der Konferenz letzte Woche erzählten das gleiche, egal wo sie her kamen. Ich kenne keine einzige Spaltung, die von einer „Horde Rebellen” verursacht wurde. Zugegeben, einige paranoide Prediger haben diese Behauptung gemacht, aber jeder, der sich die Mühe gemacht hat, stets beide Seiten zu hören, konnte erkennen, wo das wirkliche Problem lag.

Ich bin mir bewusst, dass wenige Leute, besonders Pastoren und Älteste von reformierten Baptisten, jemals einen Versuch machen, beide Seiten bei einer Gemeindespaltung zu hören. Solche Leute finden es fast unmöglich, auch nur zu wünschen, beide Seiten eines Streits in der Gemeinde zu hören, weil sie theologisch der Überzeugung verbunden sind, dass die Ältesten „Autorität” haben und dass sie daher Recht haben müssen. Ich kenne nur einen Fall, der eine Ausnahme von dieser Regel war, und das war auch nur, weil ein „Laie”, der dem örtlichen Pastor widersprach, ein enger Verwandter einer der leitenden Pastoren der reformierten Baptisten war.

Es ist die Pflicht eines wahren Kindes Gottes, aus jeder Gemeinde, die so ist, wie die von Pastor Chantry beschriebene, heraus zu kommen. Es stimmt genau, wenn Chantry sagt: „Einige Schafe entkommen solchen Gemeinden mit einem Seufzer der Erleichterung”. „Entkommen” ist wirklich das richtige Wort, das man benutzen muss, denn Leute wie die beschriebenen sind buchstäblich aus einer Sekte befreit worden. Wir hörten einige dieser dankerfüllten Seufzer auf der John-Bunyan-Konferenz.

Die Furcht vor Ablehnung durch den Pastor ist in einer Gemeinde, wo das Amt der Ältesten fast auf die Stufe von Priestern erhoben ist, ein mächtiges Motiv. Wenn Christen ihre Gewissen an Älteste und die Gemeinde verkaufen, sei es auch unbewusst, können sie manipuliert werden, fast alles zu machen. Ich persönlich weiß von einem Fall, wo ein „Pastor” der reformierten Baptisten willkürlich der ganzen Gemeinde die Mitgliedschaft entzogen hat. Nachdem er sie zweieinhalb Stunden lang mit seiner Zunge über Autorität und Gehorsam gegenüber Gott (d.h. gegenüber ihm) ausgepeitscht hatte, musste jede Person einen neuen Mitgliedsantrag unterzeichnen, um wieder die Mitgliedschaft zu erhalten. Ihnen wurde gesagt, entweder das Papier zu unterschreiben, oder „hinaus zu gehen und niemals mehr die Schwelle dieses Gebäudes zu betreten.”

Eins der vielen Dinge, das in der langen Tirade gefordert wurde, war eine größere Opfergabe. Die Gemeinde wurde darüber informiert, dass die Ältesten die Gaben jedes Mitglieds überprüfen würde, und wenn man den Eindruck hätte, dass irgendeine Person nicht genug opferte, würden die Ältesten diese Familie besuchen, ihre finanzielle Lage überprüfen und ihnen helfen, mehr zu geben. Ein Mann wurde „gebeten”, per Scheck anstatt bar zu geben, so dass die Ältesten genau wissen konnten, wie viel er opferte. Ein anderer Mann wurde „ermutigt”, nicht mehr seine Tochter und seinen Sohn beim Studium zu unterstützen und dieses Geld in die Gemeinde zu stecken.

Der schlimmste Teil dieser elenden Geschichte ist, dass nur eine Familie genug geistliches Gespür hatte, sich zu weigern, den neuen Mitgliedsantrag zu unterzeichnen. Die meisten von ihnen gehorchten ergebenst und taten, wie ihnen gesagt worden war, weil sie gelehrt worden waren, und dummerweise glaubten, dass es „meine Pflicht ist, meinem Ältesten zu gehorchen, egal ob er Recht oder Unrecht hat, und Gott wird dann meinen Gehorsam gegenüber seinem rechtmäßig autorisierten Knecht belohnen”. Jeder, der diesen Unsinn glaubt, ist in seiner Ansicht von Gemeindeautorität ein römischer Katholik geworden und behandelt seinen Pastor wie einen Papst.

Wenn Sie sich fragen, wie Prediger etwas werden und bleiben können, was Pastor Chantry „geheiligte geschäftige Amtspersonen” nennt, die „die Schafe in Knechtschaft halten”, ist das leicht zu erklären. Man fängt damit an, das Amt des Ältesten weit über die Schafe zu erheben. Man verstärkt dann seine Position und Autorität, indem man sie intensiv in den intimsten Detailfragen berät. Man „steckt seine Nase in die persönlichen Angelegenheiten der Christen”, man manipuliert sie mit „Ratschlägen und Anweisungen, die einen nichts angehen”, man ermutigt sie, jeden Aspekt ihres Leben für seine „mikroskopische kritische Musterung” zu öffnen. Und ganz sicher wird die Reaktion genau die von Chantry beschriebene sein. Die Leute unter solch einem Pastor „strömen zu ihm, um sich von ihm Entscheidungen abnehmen zu lassen”, die ihr ganzes Leben betreffen. Nicht alle Machtmenschen benutzen Beratung als ein Mittel, die Menschen zu kontrollieren, aber die, die es tun, sind doppelt so gefährlich.

Wenn Sie in einer Gemeinde und unter solchen Pastoren und Ältesten sind, wie sie so klar von Pastor Chantry beschrieben werden, dann flehe ich Sie im Namen unseres Herrn Jesus Christus an, um Ihrer Seele willen so schnell Sie können daraus zu fliehen. Sie sind dann nicht in einer baptistischen Gemeinde. Sie sind auch nicht in einer reformierten Gemeinde. Sie sind dann nicht einmal in einer christlichen Gemeinde. Sie sind in einer Sekte! Wenn Sie es bevorzugen, dort zu bleiben, sei es aus Furcht oder einem falschen Verständnis von Loyalität, dann dürfen Sie niemandem die Schuld geben außer sich selbst. Lesen Sie noch einmal Chantrys Worte und überprüfen Sie ehrlich ihre Gemeinde und deren Pastor. Sind Sie wirklich in einer Gemeinde des Evangeliums der freien Gnade oder sind sie in einem römisch-katholischen System der Machtherrschaft? Handeln Sie entsprechend! Unverzüglich!

Was können wir dagegen tun?

Die letzte Sache, die ich erwähnen möchte, handelt davon, was Sie und ich als Einzelpersonen tun können, um zu helfen, dass die Wahrheit, die uns so kostbar geworden ist, weiter zu verbreiten. Ich denke, es ist an der Zeit, einige positive Schritte zu machen, um mit Bedacht die Theologie des neuen Bundes wirksamer und in weiterem Umfang bekannt zu machen. Dies ist, was wir vor fünfundzwanzig Jahren mit der Wahrheit der souveränen Gnade taten, aber unglücklicherweise haben wir es uns dann erlaubt, vom Predigen der Lehre von der Gnade abgelenkt zu werden, indem wir Organisationen aufgebaut haben, die wir stolz „wahre neutestamentliche Gemeinden” nannten. Wir wurden an der Institution anstatt an der Gnade orientiert.

Zugegeben, einige Prediger waren in ihren Bemühungen ernsthaft, aber viele andere waren eigentlich daran interessiert, ein kleines Königreich der persönlichen Macht aufzubauen, wo ihr Wort Gesetz war. Das Thema vieler Predigten hatte mit der Rolle und Autorität der Gemeinde und der Ältestenschaft zu tun. Die Hauptsache, von der die meisten Prediger eingenommen waren, war, eine „neutestamentliche Gemeinde mit einer Anzahl Ältester zu haben, die die Autorität ausüben, mit der Christus dieses hohe und heilige Amt bekleidet hat”. Die Sache, die in vielen Gemeinden eigentlich „in” war, war, ein „Ältestengesetz” in der Gemeinde einzuführen. Unsere Gemeinde wurde mehr römisch-katholisch in ihrer Ansicht von Autorität und wir verloren die Kraft der Wahrheit von der souveränen Gnade. Chantry hat vollkommen recht, wenn er sagt:

„Wenn Älteste von der Unterwerfung der Herde besessen werden, haben sie eine Sichtweise, die der Autokratie Roms gefährlich nahe kommt.”


Das ist genau das, was in vielen unserer Gemeinden passiert ist. Die Ältesten dachten an nichts mehr als an die „Autorität, die ihr heiliges Amt krönte”, und sie vernachlässigten es, die Gaben und Gnaden in Gottes Leuten zu entwickeln. Wie ein Bruder sagte: „Es gibt eine Gefahr in typischen Gemeinden der reformierten Baptisten, nur zwei Gaben zu haben: Eine riesige Zunge, die über absolute Autorität spricht, und ein riesiges Ohr, das mit bedingungslosem Gehorsam hört.” Sobald einmal diese Haltung eingenommen wurde, ist es unausweichlich, dass die Gemeinde sich in Richtung einer geistlichen Diktatur weiterbewegt. In solch einer Gemeinde bedeutet einen Ältesten in Frage zu stellen, Gottes „rechtmäßig autorisierten Prediger” in Frage zu stellen. Die Schafe sind dem Ältesten total unterworfen, weil sie glauben, dass er „Gott für ihre Seele verantwortlich” ist, und ihre Pflicht sei es, seiner Orientierung ohne zu fragen zu gehorchen. Es ist deswegen, weil die Schafe diesen römisch-katholischen Blödsinn glauben, dass die „gräuliche und grässliche Sache”, von der Jeremia sprach (Jer 5,30), passieren kann, und auch jetzt in unseren Tagen passiert.

Ich habe zehn Jahre mit Evangelisation verbracht und in durchschnittlich vierzig Gemeinden im Jahr gepredigt. Das immer gleiche Problem, das ich in vielen Gemeinden der reformierten Baptisten antraf, war das Ausmaß der Autorität der Gemeinde und der Ältesten. Weil der Pastor der „rechtmäßig autorisierte” Repräsentant Gottes in der örtlichen Institution war, war das Problem eigentlich seine persönliche Autorität über das Leben und das Gewissen der Leute. Der Pastor, von dem ich vorhin sprach, der jedem die Mitgliedschaft entzogen hat, scheint zu glauben und zu lehren, dass seine Botschaft, wenn er sie von der Kanzel predigt, Gottes Wort ist. Er ist die „Stimme Gottes” in dieser Gemeinde. Ein Mann stellte dieses Konzept in Frage und sagte: „Mein Gewissen ist nur mit der Schrift verheiratet”. Der Prediger antwortete entschieden: „Dein Gewissen ist unter der Autorität meiner Predigt der Schrift”.

Viele reformierte Prediger würden es nicht wagen, das laut zu sagen, aber sie geben jeden Anschein, dies in ihrem Herzen zu glauben. Sie praktizieren solch eine Haltung in ihren Gemeinden. Dies ist die eine Sache, die die Bewegung der reformierten Baptisten von Anfang an gehindert und beschwert hat, seit die Lehre von der Gnade zweitrangig gegenüber dem alles vereinnahmenden Streben nach einer „wahren neutestamentlichen Institution mit rechtmäßig autorisierten Amtsinhabern” wurde.

In einer Weise ist „Gesetz/Gnade/Sabbat” nicht wirklich der Kernpunkt der aktuellen Kontroverse unter reformierten Baptisten. Es ist in einigen Fällen eine Nebelbombe, die Menschen benutzen, um ihre Gemeinde davon abzuhalten, das ganze Thema der Autorität und Freiheit des Gewissens zu diskutieren. Dies ist nicht immer der Fall. Einige göttliche Männer sind über das besorgt, was sie (fälschlicherweise, aber ehrlicherweise) als wirklichen Irrtum in der Lehre empfinden. Aber einige Männer sehen ihre persönliche Macht zerstört, wenn ihre Ansicht von Ältestenschaft falsch ist. Diese Männer werfen die Sabbatfrage nur als Ablenkungsmanöver auf.

Was kann ein Einzelner tun, wenn es für ihn absolut unmöglich ist, auch nur für die Wahrheit in seiner Ortsgemeinde gehört zu werden? Was wir in der derzeitigen Lage mit der Wahrheit der Theologie des neuen Bundes tun müssen, ist genau das, was wir getan haben, als wir anfingen, die Lehre von der Gnade zu glauben, und als sich daraufhin Menschen und Gemeinden weigerten, irgendetwas mit uns zu tun haben zu wollen. Wir alle können drei Dinge tun:

(1) Wir können unsere Stimmen benutzen, um die Wahrheit von Gottes Gnade zu bekennen und zu bezeugen, die unser Gewissen frei gesetzt hat. Wir können zu Einzelnen reden und ihnen helfen, die Wahrheit zu erkennen. Wir können Material zum Lesen für die Leute herausgeben, und Audiokassetten zum Hören, genau wie wir es bei den Arminianern taten. Wir können Irrtum nur mit Wahrheit vertreiben und Ignoranz mit Licht. Wir müssen Leute dazu bringen, die Schrift als ihre letztgültige Autorität anzusehen, wie wir es bei den Arminianern taten. „Was sagt der Text?” muss unser erstes Motto sein, und das zweite Motto muss sein „Wo gibt es einen Bibeltext, der das sagt?”. Wir müssen Leute dahin bringen, zu erkennen, dass das Westminster-Bekenntnis (oder irgendein anderes) nicht mehr Autorität über unser Gewissen hat als eine Fußnote von Scofield [in seiner Studienbibel].

(2) Vor allem müssen wir diese Wahrheit und Macht in einem heiligen Leben demonstrieren und dann bezeugen, dass unser Leben durch Liebe zu unserem gepriesenen Herrn und Heiland motiviert ist. In den Tagen der Anabaptisten (einer die Staatskirche ablehnenden Täuferbewegung) wurden Menschen verdächtigt und Häretiker genannt, nur weil sie sich weigerten, sich der Staatskirche als der „rechtmäßig autorisierten Autorität” unterzuordnen. Weil sie so wirklich fromm in ihrem Leben waren, konnten ihre Feinde nichts Falsches an ihnen finden. Die Reformierten [damals die Staatskirche] überhäuften sie mit Beschimpfungen und sagten, sie „verstecken Irrtum unter heiligem Leben”. Lasst Legalisten von uns sagen, was die Reformierten über die Anabaptisten sagten. Wir werden wissen, dass die Änderung in unserem Leben von der Befreiung unseres Gewissens vom alten Bund kam und davon, dass wir es unter den neuen Bund stellten. Lasst die Leute sich in Spitzfindigkeiten versteigen und es dem Teufel zuschreiben, wie die Reformierten es taten. Die Männer und Frauen wissen es besser.

Der Legalist hat weniger Interesse an der Realität der Heiligkeit selbst, als an den Mitteln, durch die sie erreicht wird. Er ist nicht bereit, der Kraft des Evangeliums in den Händen des Heiligen Geistes zu vertrauen, um einen Eifer für heiliges Leben hervorzurufen; er muss versuchen seinen Nacken unter das Joch des Gesetzes zu legen. Der Legalist hat mehr Interesse an den Mitteln (Gesetz) als am Ziel und Zweck (echte Heiligkeit), und in seiner Vorstellung kann heiliges Leben, wie bei den Pharisäern des Altertums nur durch (die Gesetze von) Mose hervorgebracht werden. Nur „Antinomisten” verleugnen diese „Tatsache”, und schlimmer noch, sie verstecken ihren Irrtum unter einem „makellosen Leben”.

Bullinger schrieb zum Beispiel, dass das beispielhafte Leben der Anabaptisten Heuchelei sei, denn „...auch der Satan verstelle sich als Engel des Lichts...” und „wer Fische fangen will, wirft keinen Haken ohne Köder aus”. Nachdem er zugegeben hatte, dass der Anabaptist Pilgrim Marpeck und seine Frau „Leute mit einem frommen und tadellosen Leben” seien, fügte er hinzu: „Aber dies ist ein alter Trick des Teufels, mit dem er in allen Gemeinden seit den Tagen des Apostel Paulus versucht hat, seine Fische zu fangen”.
(„The Reformers and Their Stepchildren” [Die Reformierten und ihre Stiefkinder] von Leonard Verduin, Erdmans Publishing House, S. 110).

An einer anderen Stelle schrieb Bullinger: „Diejenigen, die sich mit ihnen (den Anabaptisten) vereinen, werden durch ihre Pastoren in ihre Gemeinde durch Wiedertaufe und Buße und ein neues Leben aufgenommen. Sie führen von da an ihr Leben unter einem Anschein einer ruhigen, geistlichen Lebensweise. Sie verschmähen Begierde, Stolz, Weltlichkeit, die laute Unterhaltung und Unmoral dieser Welt, das Trinken und die Völlerei. Kurzum, ihre Heuchelei ist groß und offenkundig” (ebenda, S. 110).

Ist es nicht erstaunlich, dass Bullinger das obige zugeben und dann die Anabaptisten als „Antinomisten” (Gesetzes-Gegner) abstempeln konnte? Tragischerweise passiert heute die gleiche Sache.

Lasst die Leute uns nennen, wie sie wollen, lasst uns nur heiliger leben, glühender beten, und hingebender bezeugen als jeder, der uns des Irrtums beschuldigt. Lasst die Leute unsere Lehre mit unverdienten Bezeichnungen angreifen, aber lasst uns unsere Lehre in unserem Leben beweisen. Wenn diejenigen, die sich weigern, das Wort Gottes mit uns zu diskutieren, sich damit zufrieden geben, ihre Liebe zu Gottes Wahrheit durch Verleumdung und den Gebrauch ihrer sogenannten „rechtmäßig autorisierten kirchlichen” Macht zu beweisen, lasst uns unsere Liebe zu Gottes Wahrheit dadurch beweisen, dass wir diese Brüder lieben und für sie beten, und indem wir jederzeit bereit sind, uns mit ihnen hinzusetzen und die Schrift gemeinsam zu betrachten. Denkt daran, wir saßen einst genau da, wo sie jetzt sitzen, aber Gott hat uns befreit! Wir haben überhaupt keine Angst, mit irgendeinem Menschen zusammen in die Schrift zu schauen.

Die Anhänger, die in Gemeinden wie den von Chantry beschriebenen bleiben, haben buchstäblich Angst davor, auch nur mit irgendjemand anderem zu sprechen, der ihre Ortsgemeinde verlässt. Sie mögen zehn Jahre lang enge Freunde gewesen sein, aber das ist egal, wenn die Leute, die weggingen, auf der Liste der inkorrekten Leute des Pastors stehen. Lasst uns niemals diese schreckliche Haltung einnehmen und Mitgläubige ausschließen.

(3) Die dritte Sache, die wir tun können, ist mitzuhelfen, die Wahrheit in gedruckter Form, auf Audiokassetten und Videokassetten festzuhalten und zu verbreiten. Eine der größten Tragödien bei unseren früheren Bemühungen als Baptisten war die, dass wir ausschließlich presbyterianische Literatur benutzt haben. Wir haben die Konferenzen organisiert, diejenigen, denen wir die Wahrheit der Gnade gelehrt hatten, dazu eingeladen, und dann haben wir ihren Hals tonnenweise mit presbyterianischen Büchern und Rednern vollgestopft. Es ist Zeit, dass wir eine baptistische Flagge der Wahrheit aufziehen. Es ist Zeit, damit aufzuhören, die besten unserer jungen Leute presbyterianischen Schulen zuzuführen. Es ist Zeit dafür, dass aufrichtige baptistische Schafe aufhören, reformierte baptistische Gemeinden zu verlassen, nur um ein Willkommen nirgendwo anders als in einer presbyterianischen Gemeinde zu finden.

In Afrika lehrten die evangelikalen Missionare die Leute zu lesen, und dann gaben ihnen die Kommunisten Literatur. In unserem Fall war es sogar noch schlimmer. Wir Baptisten haben beides für die Presbyterianer getan. Wir haben die Leute die Lehren der Gnade gelehrt, und dann haben wir ihnen nur Bücher von Bundes-Theologen gegeben.


Es ist Zeit, die Aufgabe zu vollenden, die Gott uns vor über zwanzig Jahren bewegt hat anzufangen. Lasst uns nicht den Fehler machen, den die Reformierten gemacht haben. Sie haben die Botschaft des Evangeliums der Gerechtigkeit durch den Glauben gründlich reformiert, aber sie haben versagt, einige andere Lehren zu reformieren. Sie haben Gerechtigkeit durch die Werke des Gesetzes hinausgeworfen, aber sie haben an der Heiligung durch das Gesetz festgehalten. Sie haben die Autorität der Kirche über Ihre Seele hinausgeworfen, aber an der Autorität der Kirche über Ihr Gewissen festgehalten. Sie haben das Priesterhandwerk hinausgeworfen, aber den Klerikalismus behalten. Sie haben die Autorität der römisch-katholischen Kirchentradition abgelehnt, aber sie durch menschengemachte Glaubensbekenntnisse ersetzt, die nun die Autorität der „reformierten” Kirchentradition geworden sind. Sie haben geschrieen „Sola Scriptura” [„nur die Schrift” bzw. „nur die Bibel”], während sie in einer Hand ein Glaubensbekenntnis schwenkten und in der anderen Hand ein Schwert.

Ich stelle nicht in Frage, dass die Reformation die größte Bewegung Gottes in der Geschichte war seit den Tagen von Pfingsten. Aber die Reformatoren waren nur Menschen aus Staub und Erde wie wir alle. Sie haben eine Menge Ballast vom römischen Katholizismus herübergetragen. Die neuzeitliche Wiedererweckung der Lehren der Gnade ist eine andere große Bewegung Gottes. Die Leiter, bei denen es Gott gefiel, sie dafür zu gebrauchen, waren hauptsächlich Baptisten. Ich fürchte, dass einige dieser Baptisten ihr Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht verkauft haben, um unter der „wahrhaft reformierten Gemeinschaft” die Glaubwürdigkeit zu erzielen, die dafür verantwortlich war, zunächst einmal die Kraft der Lehren der Gnade zu zerstören; und bis vor kurzem hat die sogenannte „reformierte Gemeinschaft” reichlich wenig getan, um diese Kraft wiederherzustellen.

Brüder, es ist Zeit, das Scheinwerferlicht der Schrift auf das Westminster-Bekenntnis, das Philadelphia-Bekenntnis und jedes andere Glaubensbekenntnis anzuwenden, mit der gleichen Ehrlichkeit und Konsequenz, wie wir es vor einiger Zeit auf die Scofield-Studienbibel angewendet haben. Es ist Zeit, „Sola Scriptura” zu sagen und das wirklich zu meinen!

Ich möchte eine letzte Sache sagen: Ich bin sicher, dass einige empfindliche und aufrichtige Leute sagen werden: „John, ich weiß, dass es in vielen reformierten baptistischen Gemeinden ein echtes Problem gibt, aber dies gedruckt zu veröffentlichen, könnte dazu führen, dass einige unschuldige Pastoren durch echte Rebellen fälschlich angeklagt werden.” Ich bin für diese Besorgnis wirklich dankbar, und ich habe diese Möglichkeit sehr sorgsam erwogen. Die folgenden Gründe scheinen aber gegenüber den möglichen Gefahren das Übergewicht zu haben:

Zuallererst ist dieser Artikel nicht stärker als der von Pastor Chantry, und ich garantiere Ihnen, dass alles, was er sagte, gesagt werden musste. Der einzige Unterschied ist, dass ich einige konkrete Beispiele gebracht habe. Wenn eine Lage bis dahin gelangt, dass Menschen bereit sind, buchstäblich Kinder gegen ihre Eltern aufzuhetzen, und Frauen und Ehemänner gegeneinander aufzuhetzen, dann ist es Zeit, laut und klar zu reden. Wenn Gläubige gelehrt werden, einen anderen Gläubigen wirklich zu hassen, einfach weil er es wagte, den Pastor herauszufordern, muss die Sekten-Denkweise aufgezeigt werden. Es sei noch einmal daran erinnert, dass Chantry sagte: „Eine Gemeinde kann genauso durch Tyrannei beschädigt werden, wie durch Anarchie”. Die Beschuldigung von „Anarchie” wird in einer Sekte immer von einem paranoiden Machtmenschen aufgeworfen, dessen persönliche Macht in Frage gestellt wurde. Solche Menschen wie diese müssen entlarvt werden.

Anarchie ist leicht zu entdecken, denn sie ist so laut und sichtbar, aber Tyrannei kann jahrelang im Gang sein, denn sie kann nur innerhalb der Gruppe gesehen werden. Die Mitglieder der Gruppe werden auf absolute Geheimhaltung eingeschworen und haben sogar Angst, miteinander zu sprechen. Es geschieht nur, wenn irgendjemand aus der Gebundenheit der Angst vor solch einer Gruppe befreit wird, dass irgendjemand außerhalb herausfindet, dass irgendetwas wirklich falsch war.

An zweiter Stelle stimme ich zu, dass es möglich ist, dass ein Rebell versuchen könnte, diese Abhandlung gegen einen frommen Pastor und eine gute Gemeinde anzuwenden. Aber wenn der Pastor und die Gemeinde wahre christliche Freiheit und Liebe predigen und praktizieren, wird es allen offenbar sein, dass die Beschuldigungen falsch sind. Die Person wird bald allen als ein selbstzentrierter Rebell offenkundig und die Arbeit wird nur noch umso stärker. Wenn ein frommer Pastor und eine Gemeinde gezwungen werden, einen Störenfried zu tadeln und zu disziplinieren, werden die Leute wissen, dass es mit einem richtigen Motiv geschieht und nicht einfach, um einen der persönlichen Freunde des Pastors loszuwerden. Es wird echte Bemühungen geben, den Abtrünnigen zu lieben und wiederherzustellen, und die Herzen werden ächzen und seufzen. Die Leute werden einen echten Hirten sehen, der mit Tränen eine biblische Zuchtrute gebraucht, und nicht einen Tyrannen, der versucht, jemanden zur Unterwerfung unter seine persönliche Autorität zu prügeln. Gottes Leute kennen in ihren Herzen den Unterschied zwischen liebender Disziplinierung und dem paranoiden Gebrauch persönlicher Macht. Sie mögen in der Lage sein, ihr Gewissen eine Zeit lang zum Schweigen zu bringen und Lügen, Betrug und korrupte Urteile zu rechtfertigen, aber der Heilige Geist wird es einem wahren Kind Gottes nicht erlauben, absolute Grausamkeit zu dulden, auch wenn sie von einem sogenannten „rechtmäßig autorisierten” Propheten Gottes begangen wird. Eines nach dem anderen werden Gottes wahre Schafe aus solchen Gott entehrenden Gemeinden entfliehen.

Schließlich, an dritter Stelle, glaube ich, dass es viel mehr geschlagene Schafe gibt, die in Verzweiflung bluten, als es wahre Pastoren gibt, die von Rebellen schlechtgemacht werden. Wenn ein Tyrann wirklich Kontrolle über das Gewissen einer Person erlangt, ist persönliche Auflehnung gegen ihn nahezu unmöglich. Das arme Schaf hat Angst vor Allem und Jedem. Wenn es ausgeschlossen wird, keine Fragen mehr stellen und die Probleme und Schwierigkeiten in seinem Herzen nicht mehr austauschen kann, dann hat es buchstäblich niemanden, der ihm hilft. Ich glaube, es ist Zeit, einigen schwer geschlagenen Schafen zu helfen und laut über manches der furchtbaren Tyrannei zu sprechen, die unter dem Vorwand der Autorität der Ältestenschaft zugelassen wurde. Die Gemeinden, wo dies niemals passiert, können durch eine solche Diskussion nicht getroffen werden, aber die Gemeinden, die im Grunde Sekten sind, die von einem paranoiden Pastor betrieben werden, werden als das bekannt werden, was sie wirklich sind.

Wenn Sie weitere Informationen auf Audiokassetten oder Literatur wünschen, die die hier diskutierten Themen behandeln, zögern Sie nicht, mir zu schreiben oder mich anzurufen. Ich meine es Ernst, wenn ich darauf dränge, dass positive Bemühungen gemacht werden müssen, aufrichtige Schafe aus Gemeinden zu befreien, die in Wirklichkeit halbe Sekten sind. Ich glaube, dass jede wahre Gemeinde des Evangeliums „Amen” zu dieser Abhandlung sagen wird und zu dem, was Pastor Chantry geschrieben hat. Wer sonst als ein legalistischer Tyrann kann eine derartige Situation akzeptieren wie die von Chantry so genau beschriebene?










Fußnoten:

[1]Wenn Fettdruck in einem Zitat verwendet wird, meint das, dass ich etwas hervorheben will, das der zitierte Schreiber nicht hervorgehoben hat. Alles, was zwischen Eckklammern [ ] aufscheint, bedeutet, dass ich etwas hinzugefügt habe, was der zitierte Schreiber nicht sagt [gilt auch für die Übersetzung!}.

[2]Erforsche mich, Gott, und erkennen mein Herz; prüfe mich und erkenne wie ich's meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege. (Ps 139,23-24;)
Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Wenn nicht, dann wärt ihr ja untüchtig. (2Kor 13, 5;)

[3]Denn es ist erschienen die heilsame Gnade allen Menschen, und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden verleugnen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben....(Titus 2,11-12).

[4]Chuck Swindoll stellte kürzlich die Frage: „Würde bitte jemand erklären, was ‘hard believism’ (strenge Gläubigkeit) ist?”

[5]Machtmenschen lieben es geradezu, mit dieser Phrase der „rechtmäßigen Autorität” um sich zu werfen. Das gibt ihnen das Gefühl: wenn sie sprechen spricht Gott. Ein Bruder sagte scherzhaft, „Ich möchte diesen Kerl kennen lernen, der diese willkürliche Entscheidungsgewalt an derart sture Leute übergeben hat.”