Exkurs 01 - Die Auslegung der prophetischen Schriften.



Frühere Ausleger.

Ist alles Allegorie, was wir - noch - nicht verstehen?

Einige Kriterien für die Auslegung von prophetischen Texten.


Frühere Ausleger.

Wie bei allem Tun des Menschen, können wir auch bei der Auslegung der Prophetentexte an den Fehlern jener lernen, welche sich vor uns an dieses schwierige Unterfangen herangewagt haben. Und dies ist keineswegs abwertend gemeint! Auch nach unserer Generation werden andere, jüngere Ausleger an unseren Fehlern - hoffentlich - lernen können. Dann hätten schließlich auch diese Fehler ihr Gutes gehabt.

In diesem Metier ist es - vielleicht zum Unterschied zu manchen anderen Tätigkeiten - grundsätzlich falsch, die Ansicht und die Meinung anderer „bewährter” Ausleger vorher einzuholen und mehr oder weniger ungeprüft zu übernehmen. Wir müssen und dürfen bei jeder Bibelauslegung - sofern sie im Glauben und im Vertrauen auf Gott und die Richtigkeit der Schrift erfolgt - mit der Hilfe und Unterstützung des Heiligen Geistes rechnen.

Nun ist es aber so, dass jeder von uns den Heiligen Geist auf unterschiedliche Art empfängt. Dies ist wieder nicht wertend gemeint, obwohl es unter unseren Glaubensvätern sicherlich solche gegeben hat, welche diesen Heiligen Geist in einem besonders hohen Maße haben durften. Im Normalfall ist es jedoch so, dass jeder, der willig und offen dafür ist, vom Geist Gottes einen speziellen, ganz auf ihn und seine eigenen, persönlichen Fähigkeiten abgestimmten Einblick in die Zusammenhänge der prophetischen Schriften erhält.

Daraus lässt sich aber auch schon erkennen, dass Auslegung nie die Aufgabe und das Verdienst eines Einzelnen sein kann. Es bedarf wahrscheinlich Hunderter und aber Hunderter von Auslegern, um die Geheimnisse der prophetischen Schriften auch nur annähernd so verstehen zu können, dass wir ihre Bedeutung mit einer gewissen Sicherheit erkennen können.

Nun haben wir aber zweifelsohne heute schon den Vorteil, dass Hunderte, ja Tausende von Auslegern vor uns diese Arbeit bereits geleistet haben, und wir daher in der Lage sind, auf viel vorhandene „Substanz” aufsetzen zu können. Allerdings sollte uns dies - wie bereits oben erwähnt - nicht dazu verleiten, diese Interpretationen ungeprüft zu übernehmen, nur weil sie von einem „berühmten” - oder noch schlimmer - einem „gängigen” Autor stammen.

Bei der Arbeit mit der Schrift erkennen wir dann sukzessive,

-  was wir verstehen und wo wir mit anderen Auslegern übereinstimmen,

-  was wir nicht verstehen und wo uns auch andere Ausleger keine wirklich befriedigende Antwort geben können, und schließlich,

-  was wir zu verstehen glauben und wo andere, frühere Ausleger, aus den unterschiedlichsten Gründen keine oder eine scheinbar falsche Erklärung dafür hatten.


Zu den ersten beiden Möglichkeiten gibt es nicht viel zu sagen. Die erste Gruppe enthält alle jene Schrifttexte, welche die meisten Ausleger einheitlich interpretieren und welche somit als geklärt bezeichnet werden können. Die zweite Gruppe sind die offenen Texte, wie z.B. die Identität der „Frau” in Off 17. Diese Stellen spielen insofern in die anderen beiden Gruppen hinein, als es immer wieder vorkommt, dass dem einen oder anderen Ausleger eine neue, passendere und schriftkonforme Interpretation dieser Texte gelingt und sie somit in die erste Gruppe umgereiht werden können.

Auch für die dritte Gruppe sei hier ein Beispiel angeführt. Es betrifft die Identität der zwei Zeugen aus Off 11. Abgesehen von jenen Auslegungen, welche diese zwei Propheten symbolisch interpretieren und in ihnen die Schriften des Alten und des Neuen Testaments sehen, wurden hier in der Vergangenheit - mit unterschiedlicher Präferenz - die Namen Henoch, Jeremia, Mose, Esra, Elia, Baruch u. a. genannt. In den letzten Jahren hat man aufgrund der Aussagen von 2Mo 4,8-9; 1Kg 17,14-18; Mal 3,1.23-24; Mt 11,10-14.17,12-13; Mk 9,4-5; Lk 1,17. 4,25; Jak 5,17; jene Möglichkeit als die wahrscheinlichste angenommen, dass diese beiden Zeugen im Geist des Mose und des Elia kommen werden.

Ist alles Allegorie, was wir - noch - nicht verstehen?

Zu den zeitgeschichtlich begründeten Fehlern bei der Auslegung von prophetischen Texten der Bibel zählen vor allem jene Fehlinterpretationen, welche aus der Unfähigkeit des Auslegers erwachsen, über seinen eigenen zeitgeschichtlichen Horizont hinwegzusehen. Ein Beispiel dafür ist auch hier die Auslegung von Off 11 in der Vergangenheit.

Und wenn die zwei Zeugen ihr Zeugnis vollendet haben, so wird das Tier sie töten.

Off 11,7 Und wenn sie ihr Zeugnis vollendet haben, so wird das Tier, das aus dem Abgrund aufsteigt, mit ihnen kämpfen und wird sie überwinden und wird sie töten. 11,8 Und ihre Leichname werden liegen auf dem Marktplatz der großen Stadt, die heißt geistlich: Sodom und Ägypten, wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde.

11,9 Und Menschen aus allen Völkern und Stämmen und Sprachen und Nationen sehen ihre Leichname drei Tage und einen halben und lassen nicht zu, dass ihre Leichname ins Grab gelegt werden. 11,10 Und die auf Erden wohnen, freuen sich darüber und sind fröhlich und werden einander Geschenke senden; denn diese zwei Propheten hatten gequält, die auf Erden wohnten.

11,11 Und nach drei Tagen und einem halben fuhr in sie der Geist des Lebens von Gott, und sie stellten sich auf ihre Füße; und eine große Furcht fiel auf die, die sie sahen. Off 11, 7-11;


Der im Vers 9 angeführte Umstand, dass „alle Völker (...) sehen ihre Leichname drei Tage und einen halben...” ist für uns Heutige, im Zeitalter der elektronischen Medien, eine Selbstverständlichkeit und niemand würde heute daran herumrätseln, wie wohl die Menschen der ganzen Welt in einer so kurzen Zeit wie dreieinhalb Tage, von dem Tod dieser zwei Zeugen Gottes erfahren könnten.

Ganz anders in dem Buch „Die Apokalypse” in Herders Bibelkommentar aus dem Jahr 1942, wo sich der Autor, in Unkenntnis über Fernsehen und Internet, darüber verwundert und meint:

„Es ist nicht nötig, zu fragen, wie sich Johannes die Verbreitung der Nachricht vom Tode der zwei Zeugen innerhalb der dreieinhalb Tage auf der ganzen Welt vorgestellt habe.”


Nun, auch Johannes wird davon überhaupt keine Vorstellung gehabt haben. Er hat auf die Worte Gottes vertraut und als sicher angenommen, dass es dann schon eine Möglichkeit geben wird dieses „Wunder” zu vollbringen.

Die Angst vor der konkreten Interpretation.

Aber dies ist noch nicht der eigentliche Fehler in der Aussage dieses Herder Bibelkommentars. Derartige Missverständnisse sind wahrscheinlich den Bibelauslegern aller Zeiten passiert und werden auch in Zukunft nicht auszuschließen sein. Der Autor fährt aber dann fort:

„Bei apokalyptischen Zeitangaben sind solche Berechnungen verfehlt. Dazu kommt, dass der Ausdruck ‘die Bewohner der Erde’ wie an anderen Stellen, so auch hier mehr ein religiöser als ein geographischer Begriff ist. Er kennzeichnet jene, die auf Erden sich zu Hause fühlen, während die echten Christen, als Gotteskinder im Himmel ihr ‘Staatswesen’ haben.”


Und er meint damit, dass dann nur jene die zwei Zeugen sehen werden, die „Bewohner der Erde” sind, die auf Erden sich zu Hause fühlen, mit einem Wort die Gottlosen und Verdammten und nicht die echten Christen, die Gotteskinder, die im Himmel ihr „Staatswesen” haben.

Wir erkennen, dass hier ein absolut realitätsbezogener und konkreter Text, nämlich, dass „alle Völker (...) sehen ihre Leichname drei Tage und einen halben...”, vom Autor, aufgrund seiner persönlichen Unfähigkeit, diesen Zusammenhang zu analysieren und zu erklären, „allegorisiert” wird. Damit wird aber sowohl die Aussage dieser als auch anderer Schriftstellen in unverantwortlicher Weise uminterpretiert.

Zuerst werden einmal generell alle „apokalyptischen Zeitangaben” als einer Auslegung nicht zugänglich erklärt. Dann wird der Sinngehalt dieses Verses, dass nämlich die Bewohner der ganzen Erde - also alle Menschen dieser Welt - diese zwei Zeugen sehen werden, auf die Gruppe der Ungläubigen reduziert, „die auf Erden sich zu Hause fühlen”. Der Rest der Menschheit, nämlich die, wie es heißt „echten Christen, die als Gotteskinder im Himmel ihr Staatswesen haben”, werden also nach dieser Auslegung die zwei toten Zeugen nicht sehen.

Um die möglichen Folgen derartiger Manipulationen zu erkennen, muss man sich vorstellen, dass in der Endzeit dann eine Gruppe von wirklichen Christen, im Fernsehen die Leichname der beiden Zeugen in Jerusalem sieht. Aufgrund dieser obigen Auslegung müssten sie nun annehmen, dass sie nicht zu den Gotteskindern gehören, sondern zu jenen, „die sich auf Erden zu Hause fühlen”, sonst würden sie ja – nach Urteil des obigen Autors - dieses Bild nicht sehen können.

Und obwohl der tatsächliche Eintritt der hier geschilderten Situation äußerst unwahrscheinlich ist, zeigt sie doch die Gefahr und die Verantwortung auf, in der sich der Ausleger befindet. Er muss natürlich primär sein Studium der Heiligen Schrift intensivieren und ernst nehmen, er muss sich aber auch auf dem Gebiet der Naturwissenschaft, der Technik und der Kommunikationswissenschaften informieren und versuchen, möglichst auf dem letzten Stand zu sein. Denn wie wir am obigen Beispiel sehen, berücksichtigen die Prophezeiungen der Bibel Ereignisse, Techniken und Methoden, welche womöglich erst Tausende Jahre später zur Realität werden.

Einige Kriterien für die Auslegung von prophetischen Texten.

Um die Zuordnung eines prophetischen Textes zu den Kategorien „Realitätsbezogen” oder „Allegorisch” zu erleichtern, seien hier an verschiedenen Beispielen einige grundlegende Kriterien angeführt.

Der Text.

Die Sonne wurde finster wie ein schwarzer Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut.

Off 6,12 Und ich sah: als es das sechste Siegel auftat, da geschah ein großes Erdbeben, und die Sonne wurde finster wie ein schwarzer Sack, und der ganze Mond wurde wie Blut, 6,13 und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde, wie ein Feigenbaum seine Feigen abwirft, wenn er von starkem Wind bewegt wird. 6,14 Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden wegbewegt von ihrem Ort.

6,15 Und die Könige auf Erden und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Gewaltigen und alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen der Berge 6,16 und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt über uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes!

6,17 Denn es ist gekommen der große Tag ihres Zorns, und wer kann bestehen? Off 6,12-17;


Obwohl es, wie wir gleich unten sehen werden, eine Reihe von Prophezeiungen in der Schrift gibt, welche wortwörtlich auf dieses Ereignis hinweisen, scheuen doch viele Ausleger eine konkrete, wörtliche Interpretation. Wohl auch deshalb, weil oft das spezifische naturwissenschaftliche Fachwissen fehlt, um derartige globale kosmologische Zusammenhänge zu verstehen und in der Auslegung zu behandeln.

Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren.

Mt 24,29 Sogleich aber nach der Bedrängnis jener Zeit wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Mt 24,29;

Mk 13,24 Aber zu jener Zeit, nach dieser Bedrängnis, wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren, 13,25 und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Mk 13,24-25;

Lk 21,25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 21,26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Lk 21,25-26;

Jes 13,10 Denn die Sterne am Himmel und sein Orion scheinen nicht hell, die Sonne geht finster auf und der Mond gibt keinen Schein. Jes 13,10;

Joel 2,10 Vor ihm erzittert das Land und bebt der Himmel, Sonne und Mond werden finster, und die Sterne halten ihren Schein zurück. Joel 2,10;

Joel 4,15 Sonne und Mond werden sich verfinstern, und die Sterne halten ihren Schein zurück. Joel 4,15;


Um hier nicht die Orientierung zu verlieren, müssen wir uns kurz fragen, was Gott und damit auch unser Herr Jesus Christus damit bezweckt hat, als er dem Johannes alle diese Ereignisse offenbarte. Wiewohl man natürlich auch in diesem - wie in jedem anderen Buch der Bibel - die Herrlichkeit, Weisheit, Gnade und Liebe Gottes herauslesen kann, sind diese Prophezeiungen in erster Linie uns Menschen gegeben, damit wir immer genauer die Ereignisse der Endzeit erkennen und weitergeben können, um damit unseren Brüdern und Schwestern, welche dann in dieser Zeit der Drangsal leben werden, eine Hilfestellung und eine Hoffnung zu hinterlassen.

Es ist daher unsere Aufgabe, diese Aussagen Satz für Satz und Wort für Wort ernst zu nehmen. Wir haben es hier großteils nicht mit Allegorien zu tun, sondern mit einer todernsten Information, welche uns zu unserem besseren Verständnis des Planes Gottes mit den Menschen gegeben ist. Manche Dinge sind stark vereinfacht dargestellt, weil eine genauere und umfassendere Beschreibung die Aufmerksamkeit des Lesers von den wichtigen Textstellen ablenken würde. Das heißt aber nicht, dass diese Aussagen „symbolisch” zu verstehen wären und man alles Mögliche hineininterpretieren könnte.

Wenn uns nun der Herr diese Informationen zu unserem besseren Verständnis gibt, wird er sie uns so geben, dass wir sie auch verstehen können - vorausgesetzt wir wollen sie verstehen. Es ist daher nicht anzunehmen, dass die Prophezeiungen der Offenbarung oder die Prophetentexte allgemein, Aussagen beinhalten, welche wir als Kinder Gottes nicht verstehen könnten, sondern bestenfalls solche, welche wir noch nicht verstehen können. Jene gutgemeinten Ratschläge, welche da sagen, wir müssten diese Informationen „so stehen lassen”, erinnern an den Knecht im Gleichnis des Herrn in Mt 25,24-25, der das eine Talent, welches er erhalten hatte, in der Erde verbarg und dann, beim Kommen seines Herrn, nichts anderes als dieses eine Talent vorweisen konnte.

Welches daher jene Aussagen sind, die nach dem Willen Gottes dem Verständnis von späteren Generationen vorbehalten sind, sollten nicht wir vorneweg entscheiden wollen. Unser größtes Bemühen sollte es vielmehr sein alles zu verstehen. Gott lässt uns dann durch den Heiligen Geist sehr bald erkennen, welche Erkenntnisse er uns schenken will und welche nicht.

Diese Grundpfeiler der Auslegung - einerseits die Verpflichtung, unsere Erkenntnis über diese kommenden Dinge zu mehren und zu verbessern und dieses Wissen an die jeweils nächste Generation weiterzugeben, und andererseits die Überzeugung, dass uns hier nicht der „unerforschliche Wille Gottes” präsentiert wird, sondern im Gegenteil, Gott uns hier seinen Willen in einer Weise kundtut, die von uns verstanden werden kann und verstanden werden soll - verlangen von uns eine immer genauere Analyse der Texte.

Aus diesen Grundsätzen lässt sich daher ein Prinzip für die Interpretation von prophetischen Texten der Bibel ableiten:

-  Alles, was wir aufgrund unserer Erkenntnis über die Schöpfung als realistisch beurteilen können, ist primär auch real, also konkret und wörtlich zu nehmen.

-  Manche dieser Texte – die sogenannten „gemischten” Texte - haben neben der realen Bedeutung auch noch einen verdeckten geistlichen, also allegorischen Hintergrund, welcher anhand der Symbolsprache der Bibel interpretiert und gedeutet werden muss.

-  Alles was einer konkreten, realistischen Deutung nicht zugänglich ist, ist als die Umschreibung eines komplexeren Zusammenhangs bzw. die verhüllte Darstellung eines geistlichen Sinnes und somit als rein allegorisch zu interpretieren.


Die realitätsbezogene Deutung.

Wenden wir uns also in unserem Beispiel der konkreten Auslegung des oben genannten Textes aus Off 6,12-17 zu. Bei der Eröffnung des sechsten Siegels sieht Johannes ein großes Erdbeben auf Erden. Sonne und Mond verfinstern sich und die Sterne des Himmels fallen auf die Erde. Nun wäre bei einem wirklich großen Erdbeben mit Vulkanausbrüchen, dem Untergang von Inseln und dem Einbrechen von ganzen Bergketten, eine Verdunkelung der Gestirne nicht verwunderlich. Bei einem derartigen Ereignis würden tonnenweise Staub und Rauch in die Atmosphäre geschleudert werden und würden den Himmel wahrscheinlich auf Monate und Jahre für jede Art von Lichtstrahlen undurchlässig machen.

Doch was ist mit den Sternen? Es wäre absurd, anzunehmen, dass tatsächlich die Sterne des Himmels auf die Erde fallen. Einer dieser leuchtenden Planeten allein wäre schon um ein Mehrfaches größer als die Erde und würde sie bei einem Zusammenprall in Millionen Stücke reißen. Die Möglichkeit, diese Sterne als „Atombomben, die uns von Weltraumschiffen auf Kreisbahnen um die Erde treffen” zu interpretieren, verbietet uns das Prinzip der konkreten Auslegung, weil, ebenso wie oben die Sonne eben die tatsächliche Sonne, und der Mond auch der Mond ist, auch hier die Sterne, Sterne bleiben sollten.

Man muss sich also fragen, was sind eigentlich „die Sterne”? Nun, wie allgemein bekannt, sind Sterne leuchtende Himmelskörper, welche im Universum ihre Bahn ziehen. Das sind natürlich hauptsächlich die Milliarden von Sonnen, welche wir auf unserem Nachthimmel beobachten können. Aber es gibt auch andere, viel kleinere, ja fast winzige Himmelskörper, die manchmal, wenn sie in Erdnähe kommen, durch die Erdanziehungskraft in die Erdatmosphäre eintauchen und durch die Reibungshitze im Fallen verglühen. Wir sprechen dann von Sternschnuppen. Viel häufiger ist aber ihre Flugbahn in einer genügend großen Entfernung um der Anziehungskraft der Erde zu entgehen. Die größeren von ihnen sehen wir dann manchmal als leuchtende Kometen an unserem Planeten vorbeiziehen

Alle diese kleinen Himmelskörper nun, auch Asteroiden (grie. : „Sternenähnliche”) genannt, bewegen sich auf den unterschiedlichsten Bahnen durch das All. Wenn sie in das Gravitationsfeld, den Anziehungsbereich eines Planeten kommen und ihre Geschwindigkeit relativ zu ihrer Masse nicht hoch genug ist, werden diese Asteroiden von dem Planeten angezogen und fallen auf ihn herab. Beispiele dafür sind allgemein bekannt, wie z. B. die Krater auf unserem Mond (über 30.000) oder die Einschlagstellen auf dem Mars.

Die Auswirkungen eines solchen Asteroideneinschlags auf einem Planeten sind einerseits von der Größe des Asteroiden und andererseits davon abhängig, ob der Planet eine Atmosphäre besitzt oder nicht. Ohne Atmosphäre wird der Absturz nicht gebremst. Das heißt, der Asteroid wird nicht erhitzt, er bleibt „kalt” und es besteht nicht die Gefahr, dass er durch die Hitze explodiert und die Struktur seiner Materie bereits über der Oberfläche in viele Teile zerbricht. Würde ein derartiger Asteroiden- „Regen” über unserer Erde niedergehen, würden sich die einzelnen Bruchstücke in der Atmosphäre erhitzen und es würde aussehen, als ob die Sterne des Himmels auf die Erde fallen würden.

Die meisten Asteroiden in unserem Sonnensystem - es gibt deren insgesamt etwa 75.000 - haben einen Durchmesser von 40 - 80 Kilometern und wären für unseren Planeten eine ungeheure Gefahr. Die mildesten Konsequenzen wären weltweite Erdbeben, Vulkanausbrüche und eine globale Klimakatastrophe. Die gefährlichsten Auswirkungen könnten unseren Planeten aus seiner Umlaufbahn werfen oder die Erde überhaupt in Stücke reißen.

In Off 8,8-9 haben wir aber auch die Situation, dass „ein großer Berg mit Feuer brennend ins Meer stürzt”.

Und es stürzte etwas wie ein großer Berg mit Feuer brennend ins Meer.

Off 8,8 Und der zweite Engel blies seine Posaune; und es stürzte etwas wie ein großer Berg mit Feuer brennend ins Meer, und der dritte Teil des Meeres wurde zu Blut, 8,9 und der dritte Teil der lebendigen Geschöpfe im Meer starb, und der dritte Teil der Schiffe wurde vernichtet. Off 8, 8- 9;


Auch in diesem Fall wäre die Katastrophe weltweit. Wenn ein Asteroid von nur 1,5 Kilometer Durchmesser in das Gravitationsfeld der Erde gelangt und dann ins Meer stürzt, vernichtet die Flutwelle in der Höhe von mehr als 1000 Metern sämtliche Küstenstädte und überschwemmt die Kontinente noch weit bis ins Landesinnere. Der gesamte Planet würde erschüttert. Alle Vulkane würden ausbrechen und Tausende von Tonnen Asche und Rauch in die Atmosphäre ausstoßen. Eine schwarze Wolkendecke würde den gesamten Planeten abdecken und für etwa ein Jahr kein Sonnenlicht durchlassen.

Die Folge davon wäre eine absolute Finsternis, eisige Temperaturen und da die Photosynthese nicht mehr funktionieren würde, würden auf der Erde alle Pflanzen absterben. Nachdem - in letzter Konsequenz – alles tierische Leben dieses Planeten auf die Verfügbarkeit einer entsprechenden pflanzlichen Ernährungsgrundlage angewiesen ist, würde eine derartige Finsternis eine weltweite Hungersnot und damit ein Massensterben von Mensch und Tier zur Folge haben.

Es stellt sich daher bei der Auslegung des obigen Textes aus Off 6,12-17 die Frage, inwieweit nicht überhaupt ein derartiger Asteroideneinfall auch für die anderen Ausprägungen dieser Katastrophe, also Verfinsterung der Gestirne und weltweite Erdbeben, ursächlich verantwortlich sein könnte.

Man erkennt daran, dass wir für die Interpretation der diesbezüglichen Aussagen der Schrift keine allzu große Phantasie brauchen. Wir müssen nur die vorhandenen und bekannten Fakten etwas genauer betrachten und haben dann überhaupt keine Probleme mehr, den gewaltigen Umfang und vor allem die Realität dieser Prophezeiungen zu erkennen.

(Siehe auch Kapitel 04: „Die große Finsternis”.)

Die allegorische Deutung.

Neben dieser Realität erkennen wir in diesem Text auch eine allegorische, verdeckte Bedeutung. So ist das „Licht” in der Bibel ein Symbol für Gott.

Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild.

Ps 84,12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild; der HERR gibt Gnade und Ehre. Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen. Ps 84,12;

In deinem Lichte sehen wir das Licht.

Ps 36,10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Ps 36,10;

Ich bin das Licht der Welt.

Jh 8,12 Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Jh 8,12;

Jh 12,46 Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Jh 12,46;


Wenn nun die Gestirne verdunkelt werden, wie es oben, in Off 6,12 heißt, und sich Finsternis auf dieser Welt ausbreitet, so bedeutet dies im symbolischen Sinn, dass Gott selbst vor den Augen der Menschen „verdunkelt” wird. Und nachdem eine der wichtigsten Darstellungsformen Gottes in dieser Welt die Heilige Schrift ist, wird dieses Wort Gottes für die Menschen immer unverständlicher werden. Die Erkenntnis wird immer geringer und die Bedeutung dieser Worte immer weniger erkannt werden.

Doch ebenso, wie bei der tatsächlichen Verfinsterung von Sonne und Mond nicht diese beiden Planeten aufhören zu leuchten, sondern nur riesige Staubwolken auf der Erde die nach wie vor hell leuchtenden Gestirne verdecken, ist es auch bei der symbolische Betrachtungsweise nicht Gott, der aufhört Licht für die Menschen zu sein. Es sind die Menschen, welche in immer stärkerem Maße Gott verleugnen und ihn nicht sehen wollen. Dieses „nicht wollen” führt schließlich zu einem „nicht sehen können”.

Wir erkennen also in der allegorischen Deutung dieses Textes den Abfall der Menschheit von ihrem Gott. Die gottlosen Menschen sind überzeugt davon, diese Welt auch ohne Gott führen und erhalten zu können. Sie vergessen dabei, dass das Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem Planeten ein ähnliches ist, wie zwischen den Planeten unseres Sonnensystems insgesamt. Es ist alles in einem wohl geordneten und geplanten Gleichgewicht. Wird nur ein Faktor verändert, gerät nur ein Planet aus seiner Bahn, könnte das gesamte System kollabieren.

Und hier ist der gemeinsame Hintergrund von konkreter und allegorischer Auslegung. Die eigentliche Ursache für diese realen Katastrophen, für Erdbeben, Vulkanausbrüche, Verfinsterung der Gestirne usw. ist darin begründet, dass der Mensch das Gleichgewicht dieser Welt verändert hat. Er hat gemeint, auf den „Faktor Gott” verzichten zu können. Er hat den ewigen Bund gebrochen und gemeint, selbst „Gott” dieser Welt zu sein.

Die Erde ist entweiht von ihren Bewohnern, sie brechen den ewigen Bund.

Jes 24,3 Die Erde wird leer und beraubt sein; denn der HERR hat solches geredet. 24,4 Das Land verdorrt und verwelkt, der Erdkreis verschmachtet und verwelkt, die Höchsten des Volks auf Erden verschmachten. 24,5 Die Erde ist entweiht von ihren Bewohnern; denn sie übertreten das Gesetz und ändern die Gebote und brechen den ewigen Bund. 24,6 Darum frißt der Fluch die Erde, und büßen müssen es, die darauf wohnen. Darum nehmen die Bewohner der Erde ab, so dass wenig Leute übrigbleiben. Jes 24, 3- 6;

(Siehe auch Kapitel 08: „Die Umgestaltung von Himmel und Erde”.)

Doch nicht nur die Menschen, auch die abtrünnigen Engel haben ihren Anteil an diesem Treuebruch gegenüber ihrem Gott. Wenn wir in Off 6,13 lesen: „...und die Sterne des Himmels fielen auf die Erde...” so hat diese Aussage – neben ihrer realitätsbezogenen Ebene - auch eine allegorische Bedeutung.

Die Sterne sind in der prophetischen Bildsprache auch Engel.

 Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!

Jes 14,12 Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie wurdest du zu Boden geschlagen, der du alle Völker niederschlugst! 14,13 Du aber gedachtest in deinem Herzen: »Ich will in den Himmel steigen und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen, ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung im fernsten Norden. Jes 14,12-13;


Und wenn es dann in Off 6,14 heißt: „Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird.”, bzw. in Mt 24,29 u. par.: „...und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen...”, so erkennen wir, dass nach der Erde, die – wie es oben in Jes 24,3-6 heißt - nach diesem Strafgericht Gottes leer und beraubt sein wird und auf der nur wenige Leute übrigbleiben werden, auch der Himmel, als Aufenthaltsort der Engel zusammengerollt, also „aufgelassen” wird, was dann sichtlich den „Fall der Sterne” in der allegorischen Deutung, also die Ausweisung der abtrünnigen Engel aus dem Himmel zur Folge hat.

Eine dritte Auslegungsebene.

Neben den beiden oben behandelten Auslegungsebenen, der konkreten, realen und der allegorischen Deutung, haben manche Schrifttexte noch eine dritte, die „analytische” Ebene, welche uns über die Hintergründe und Ursachen Auskunft gibt.

Und obwohl es – wie wir weiter unten sehen werden – auch prophetische Texte dieses Charakters gibt, sind es besonders die Gleichnisse des Herrn, welche bei genauer Analyse diese dreifache Aussage aufweisen. Dabei liegt es in der Natur eines Gleichnisses, dass die erste, die vordergründige Bedeutung, nur das „Fahrzeug” für die eigentliche, die allegorische Aussage ist. Dennoch ist diese erste Bedeutung keinesfalls nur Hilfsfassade, sondern hat durchaus einen eigenen, realen Sinngehalt.

Das Gleichnis.

Wir wollen diese Zusammenhänge deshalb zuerst anhand eines Gleichnisses betrachten.

Das Gleichnis vom Sämann.

Mt 13,1 An demselben Tage ging Jesus aus dem Hause und setzte sich an den See. 13,2 Und es versammelte sich eine große Menge bei ihm, so dass er in ein Boot stieg und sich setzte, und alles Volk stand am Ufer. 13,3 Und er redete vieles zu ihnen in Gleichnissen und sprach: Siehe, es ging ein Sämann aus, zu säen. 13,4 Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg; da kamen die Vögel und fraßen es auf. 13,5 Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte.

13,6 Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. 13,7 Einiges fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen empor und erstickten es. 13,8 Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. 13,9 Wer Ohren hat, der höre! Mt 13, 1- 9;


Jeder Bibelleser kennt dieses Gleichnis und auch seine Auslegung, weil sie ja vom Herrn den Jüngern im engeren Kreis erklärt worden ist. Doch wie wir gleich sehen werden, ist diese Auslegung nur eine von mehreren welche in diesem Gleichnis implizit beinhaltet sind.

Die erste, reale Aussageebene.

Begeben wir uns also im Geist mitten unter diese Volksmenge, welche dem Herrn am See zuhörte und beobachten wir einen einfachen Bauern, der zufällig vorbeigekommen ist und als er die Menge sah, neugierig geworden und hinzugetreten ist.

Er hört diese Rede des Nazareners und denkt sich: „Dieser Mann hat eigentlich recht! Ich sollte auch mit meinem kostbaren Weizensamen sorgfältiger umgehen. Ich sollte vermeiden, ihn auf den Weg oder auf felsigen Boden zu säen, denn dort ist der Samen verloren. Ich sollte daher auch die vielen Steine aus meinem Acker entfernen, damit die Saat guten Boden hat. Auch sollte ich die Dornensträucher ausreißen, welche auf meinem Acker stehen, damit sie dem Samen nicht die Sonne verdecken. Und bei der Auswahl meines Saatgutes sollte ich darauf achten, dass ich nur Samen nehme, welcher von ausgezeichneten Ähren kommt, damit auch die Frucht dieser Saatkörner so reich wie möglich ist”. So oder ähnlich könnte der Bauer gedacht haben und ist nachhause gegangen, in der Absicht, diese Ratschläge zu beherzigen und in der Überzeugung einem weisen Mann begegnet zu sein.

Er war aber damit einer von jenen Leuten, von denen der Herr dann zu seinen Jüngern gesagt hat: „...mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht”.

Mit hörenden Ohren werdet ihr nicht verstehen; mit sehenden Augen nicht erkennen.

Mt 13,10 Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? 13,11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist es nicht gegeben. 13,12 Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. 13,13 Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht.

13,14 Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt (Jesaja 6,9.10): »Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen. 13,15 Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt: ihre Ohren hören schwer, und ihre Augen sind geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und ich ihnen helfe.« 13,16 Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören. 13,17 Wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt, zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört. Mt 13,10-17;


Man kann nicht behaupten, dass dieser Bauer die Rede nicht richtig verstanden hätte. Doch er hat offensichtlich nur die oberste, die erste Ebene dieses Textes betrachtet und sich damit begnügt, weil er am tieferen Sinn nicht interessiert war. Diesen tieferen Sinn hatten sichtlich nicht einmal die Jünger alle begriffen. Sonst hätte es ihnen der Herr nicht dann, als die Menge gegangen war, deuten müssen.

Die zweite, allegorische Aussageebene.

Die Deutung des Gleichnisses vom Sämann.

Mt 13,18 So hört nun ihr dies Gleichnis von dem Sämann: 13,19 Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Böse und reißt hinweg, was in sein Herz gesät ist; das ist der, bei dem auf den Weg gesät ist. 13,20 Bei dem aber auf felsigen Boden gesät ist, das ist, der das Wort hört und es gleich mit Freuden aufnimmt; 13,21 aber er hat keine Wurzel in sich, sondern er ist wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so fällt er gleich ab.

13,22 Bei dem aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der betrügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht. 13,23 Bei dem aber auf gutes Land gesät ist, das ist, der das Wort hört und versteht und dann auch Frucht bringt; und der eine trägt hundertfach, der andere sechzigfach, der dritte dreißigfach. Mt 13,18-23;


Zu dieser Deutung des Herrn ist nichts hinzuzufügen. Und wie wir sehen, ist dies die zweite Ebene der Textaussage und damit auch jene, welche der Herr den Jüngern vermitteln wollte. Doch wenn wir dieses Gleichnis genauer betrachten, finden wir noch eine dritte, wenig beachtete Ebene.

Die dritte, analytische Aussageebene.

Wie bereits in der Auslegung der zweiten Ebene durch den Herrn klar geworden ist, spricht er damit den einzelnen Menschen an, der, je nach Beschaffenheit seines Herzens, Frucht bringt oder nicht. Wenn wir uns nun die Umfeldbedingungen – im doppelten Wortsinn – ansehen, welchen dieses Saatkorn bzw. dieser Mensch ausgesetzt ist und welche sein Wachstum beeinflussen, erkennen wir einen gewissen Zusammenhang mit der Entwicklung des Menschen schlechthin.

Nehmen wir den Ersten, bei dem auf den Weg gesät ist. Er hört das Wort und versteht es nicht. Und hier hört man schon das Geschrei der Unverständigen: „Wieso wird der bestraft, weil er nicht versteht? Das ist doch keine Gerechtigkeit! Was kann er denn dafür?” Doch sie verstehen nicht, weil sie nicht verstehen wollen. Dieser Mensch ist schuldig. Schuldig deswegen, weil dieser Boden, sein Herz, nicht von alleine so hart geworden ist wie ein viel begangener Weg. Ebenso wie der Weg, der einst ein fruchtbarer Boden war, von Tausenden Menschen beschritten werden musste, bis er so hart geworden war, dass nichts mehr darauf gedeihen konnte, musste sich auch dieses Herz bei Tausenden von Gelegenheiten verhärten. Es musste Tausende Male Mitleid, Erbarmen und Liebe unterdrücken und verdrängen, um schließlich so hart zu werden, dass sogar das Wort Gottes nicht mehr eindringen konnte.

Der Zweite ist der, bei dem auf felsigen Boden gesät ist. Er hört das Wort und nimmt es mit Freuden auf. Doch wenn er deshalb in Bedrängnis oder Verfolgung gerät, fällt er ab. Auch er ist schuldig. Sein Charakter ist so oberflächlich und seicht wie der Boden seines Herzens. Er hat in seinem Leben nie tiefer „geschürft”, sonst hätte er den Stein in seinem Herzen entdeckt und ihn beseitigen können. Er möchte Spaß im Leben haben. Und er hat das Wort Gottes ebenso aufgenommen, wie er alles „Neue” aufnimmt. Doch wenn es unangenehm wird, ist er genau so schnell fort, wie er gekommen ist.

Auch der Dritte – der unter den Dornen - hat das Wort aufgenommen. Er hätte in seinem Herzen auch genug tiefen Boden, um es gedeihen zu lassen. Doch er setzt andere Prioritäten. Die Sorge um seine Güter und Besitztümer nehmen seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch. Allen guten Voraussetzungen zum Trotz hat er das Wort Gottes in seinem Herzen erstickt.

Und nun ist es interessant festzustellen, dass bei jenen, bei welchen auf gutes Land gesät wurde, trotz gleicher Voraussetzungen unterschiedliche Ergebnisse zu verzeichnen sind. Sie tragen alle Frucht, doch der eine hundertfach, der andere sechzigfach und der Dritte dreißigfach.

Wenn wir uns nun die Charakterisierung dieser sechs Menschengruppen ansehen, so erkennen wir, dass die ersten drei aufgrund ihrer „Konditionierung”, der Prägung durch ihre Umwelt, welcher sie in schuldhafter Weise nichts entgegengesetzt und sie nicht verhindert haben, ihre Fähigkeit zu Glauben verloren haben. Die zweiten drei hingegen, haben eine „intakte” Umwelt und bringen auch Früchte. Der Grund weshalb sie unterschiedliche Erträge haben liegt also nicht an der Außenwelt. Es sind – beim Menschen wie beim Saatkorn – die vererbten genetischen Voraussetzungen, die „Talente”, welcher jeder mitbekommen hat, welche unterschiedliche Erfolge zeitigen. Siehe auch das Gleichnis von den anvertrauten Talenten in Mt 25,14-30 und seine Interpretation im Diskurs 68:

(Siehe auch Diskurs 68: „Haben Matthäus 24 und 25 keinen Bezug zu der Gemeinde?”.)

Die Prophezeiung.

Wie bereits erwähnt, finden wir einen derart mehrschichtigen Hintergrund nicht nur bei den Gleichnissen. Auch Prophezeiungen zeigen bei genauerer Betrachtung oft mehrere Auslegungsebenen. Auch hier wollen wir als Beispiel einen, unter Bibellesern weithin bekannten Text betrachten: Den Traum Nebukadnezars vom Standbild.

Nebukadnezars Traum vom Standbild.

Dan 2,31 Du, König, hattest einen Traum, und siehe, ein großes und hohes und hell glänzendes Bild stand vor dir, das war schrecklich anzusehen. 2,32 Das Haupt dieses Bildes war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Kupfer, 2,33 seine Schenkel waren von Eisen, seine Füße waren teils von Eisen und teils von Ton. 2,34 Das sahst du, bis ein Stein herunterkam, ohne Zutun von Menschenhänden; der traf das Bild an seinen Füßen, die von Eisen und Ton waren, und zermalmte sie. 2,35 Da wurden miteinander zermalmt Eisen, Ton, Kupfer, Silber und Gold und wurden wie Spreu auf der Sommertenne, und der Wind verwehte sie, dass man sie nirgends mehr finden konnte. Der Stein aber, der das Bild zerschlug, wurde zu einem großen Berg, so dass er die ganze Welt füllte. Dan 2,31-35;


Die reale Aussageebene.

Auch hier erkennen wir gleich die erste, oberflächliche Ebene. Es war ganz einfach ein Traum von einem glänzenden Standbild. Nebukadnezar hätte es auch dabei bewenden lassen und sich seinen täglichen Geschäften zuwenden können. Doch er ahnte mehr als er wusste, dass es damit eine besondere Bewandtnis hatte. Und so ließ er letztlich Daniel kommen, welchem dieser Traum seines Königs von Gott selbst erklärt worden war, damit er die Auslegung dem König bringen könne.

Die allegorische Aussageebene.

Die Deutung des Traumes durch Daniel.

Dan 2,36 Das ist der Traum. Nun wollen wir die Deutung vor dem König sagen. 2,37 Du, König, bist ein König aller Könige, dem der Gott des Himmels Königreich, Macht, Stärke und Ehre gegeben hat 2,38 und dem er alle Länder, in denen Leute wohnen, dazu die Tiere auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel in die Hände gegeben und dem er über alles Gewalt verliehen hat. Du bist das goldene Haupt.

2,39 Nach dir wird ein anderes Königreich aufkommen, geringer als deines, danach das dritte Königreich, das aus Kupfer ist und über alle Länder herrschen wird. 2,40 Und das vierte wird hart sein wie Eisen; denn wie Eisen alles zermalmt und zerschlägt, ja, wie Eisen alles zerbricht, so wird es auch alles zermalmen und zerbrechen.

2,41 Dass du aber die Füße und Zehen teils von Ton und teils von Eisen gesehen hast, bedeutet: das wird ein zerteiltes Königreich sein; doch wird etwas von des Eisens Härte darin bleiben, wie du ja gesehen hast Eisen mit Ton vermengt. 2,42 Und dass die Zehen an seinen Füßen teils von Eisen und teils von Ton sind, bedeutet: zum Teil wird`s ein starkes und zum Teil ein schwaches Reich sein. 2,43 Und dass du gesehen hast Eisen mit Ton vermengt, bedeutet: sie werden sich zwar durch Heiraten miteinander vermischen, aber sie werden doch nicht aneinander festhalten, so wie sich Eisen mit Ton nicht mengen lässt.

2,44 Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben, 2,45 wie du ja gesehen hast, dass ein Stein ohne Zutun von Menschenhänden vom Berg herunterkam, der Eisen, Kupfer, Ton, Silber und Gold zermalmte. So hat der große Gott dem König kundgetan, was dereinst geschehen wird. Der Traum ist zuverlässig, und die Deutung ist richtig. Dan 2,36-45;


Er selbst, Nebukadnezar - und damit das ganze Babylonische Reich - ist also das goldene Haupt. Nach ihm wird ein anderes Reich aufkommen und es wird „geringer” sein als sein Reich. Aus der Geschichte wissen wir, dass damit das Medo-Persische Reich gemeint ist, wobei durch die beiden Arme, welche zu diesem „silbernen” Reich gehören, die Herrschaftskoalition zwischen Medern und Persern angedeutet sein könnte.

Das dritte, „bronzene/kupferne” Reich wird ausdrücklich als Weltreich bezeichnet, es wird „über alle Länder herrschen”. Und das griechische Reich unter Alexander dem Großen hat wahrlich innerhalb kürzester Zeit fast die ganze damalige Völkerwelt erobert.

Das wesentliche Merkmal des vierten Reiches aus „Eisen” wird seine Härte sein. Es wird wie Eisen alles zermalmen und zerschlagen. Es war nicht zuletzt diese „eiserne” Härte und Disziplin der Römer, sowohl in den eigenen Reihen als auch in der Verwaltung ihrer Provinzen, welche den Menschen damals erstmals eine Sicherheit vor Dieben, Räubern, Mördern und Betrügern gab, und es gab sogar Länder, deren Könige sich aus diesen Gründen freiwillig in das Römische Imperium eingliedern ließen.

Das letzte Reich schließlich, wird teils aus Ton und teils aus Eisen sein. Dieses fünfte Reich wird bei manchen Auslegern als solches gar nicht (an)erkannt. Sie sind vom vierten, dem Römischen Reich, so fasziniert, dass sie die Füße als eigenes Reich nicht sehen (wollen). Es gibt jedoch keinen Zweifel, Daniel spricht hier ausdrücklich davon: „dass du aber die Füße und Zehen teils von Ton und teils von Eisen gesehen hast, bedeutet: das wird ein zerteiltes Königreich sein”. Es ist also ein eigenes Reich, und zwar ein „zerteiltes” (Eisen und Ton) Königreich. Und diese Aussage kann sich nur auf die Füße beziehen, denn die Beine sind nicht „zerteilt”.

Wie wir dann Vers Dan 2,44 entnehmen können, wird dieses fünfte Reich das letzte menschliche Reich auf Erden sein, vor dem Reich Gottes, dem Friedensreich des Herrn Jesus. Daniel bezieht sich auf die zehn Zehen und prophezeit: „Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten (...) . Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören”.

Und wie nun dieser Zusammenhang der „Beine” und der „Füße” durch „Eisen” dazu verleitet, dieses letzte Weltreich als einen „Ausläufer” des Römischen Reiches zu sehen, verleitet auch der Umstand, dass die einzelnen Reiche so eindeutig den historischen Weltreichen zuzuordnen sind dazu, hier rassische Zuordnungen vorzunehmen. Dies geht sogar so weit, die Menschen in diesem letzten Reich als Nachfahren von Römern und Germanen zu sehen.

Die analytische Aussageebene.

Wenn wir diese Prophezeiung genauer betrachten, erkennen wir, dass hier immer von Metall die Rede ist. Zuerst Edelmetalle, Gold und Silber, dann das Buntmetall Kupfer (eigentlich Bronze) und zum Schluß das Schwarzmetall Eisen. Dieser Umstand ist nun sicherlich kein Zufall, dennoch wird er in der Exegese meist vernachlässigt.

Diese Metalle unterscheiden sich einerseits im Wert, andererseits in der Härte. Das Gold ist das wertvollste, aber auch das am wenigsten harte Metall. Um es als Schmuckstück verarbeiten zu können, bedarf es einer Legierung mit einem anderen, festeren Metall. Eisen ist das am wenigsten wertvolle, dafür aber das härteste Metall dieser Gruppe.

Dass dieser Umstand bei der Interpretation dieser Prophezeiung eine Bedeutung haben muss, bestätigt uns der Vers Dan 2,39. Dort heißt es: „Nach dir wird ein anderes Königreich aufkommen, geringer als deines”. Hier wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass zumindest das Nachfolgereich des Nebukadnezar – anzunehmenderweise aber auch alle Folgereiche – (ebenso wie die Metalle) „geringer” sein werden als seines.

Und hier stellt sich die Frage, worauf dieses „geringer” zu beziehen ist. Die naheliegende Annahme, dass diese Reiche nicht so groß oder so mächtig sein werden wie das Reich Nebukadnezars, ist offensichtlich falsch. Es hat nachher sowohl größere als auch mächtigere Reiche als seines gegeben (Römer, Griechen). Wenn wir nun das andere Ende der „Kette” betrachten, erfahren wir ein anderes Kennzeichen dieser Reiche. Vom vierten, dem Römischen Reich heißt es in Dan 2,40: „das vierte wird hart sein wie Eisen; denn wie Eisen alles zermalmt und zerschlägt, ja, wie Eisen alles zerbricht, so wird es auch alles zermalmen und zerbrechen”

Wir können nun versuchen, folgenden Schluss zu ziehen: Die Reiche werden - wie die Metalle, die sie repräsentieren - im „Wert” immer geringer, in der „Härte” aber immer größer. Was heißt das aber? Hier dürfen wir wahrscheinlich nicht mehr in „Reichen” denken, sondern müssen uns auf die einzelnen Menschen konzentrieren, welche diese Reiche gelenkt und bevölkert haben. Es ist die „Mentalität” dieser Völker, welche hier angesprochen und vermittelt werden soll.

Und wenn wir nun „Wert” und „Härte” mit Moral und Disziplin (bis hin zur Brutalität) gleichsetzen, haben wir nicht nur eine relativ brauchbare Erklärung für die Interpretation der „Metalle”, sondern wir erkennen auch gleich – im Unterschied zum „rassischen” Deutungsversuch - was mit dem „Ton” im fünften Reich gemeint ist. Es ist jene Mentalität, welche ihre Wert- und Moralvorstellung auf ein Minimum reduziert hat und welcher Verantwortung, Führung und Disziplin schon zu Fremdwörtern geworden sind. Dies bestätigt uns das, in Vers Dan 2,41 und 43 gebrauchte Wort für Ton, nämlich „Ton des Lehms”. Denn „Lehm” heißt im Aramäischen auch „Schmutz”, „Dreck”, im Hebräischen sogar „Kot”.

In Dan 2,43 heißt es dann: „Und dass du gesehen hast Eisen mit Ton vermengt, bedeutet: sie werden sich zwar durch Heiraten miteinander vermischen, aber sie werden doch nicht aneinander festhalten, so wie sich Eisen mit Ton nicht mengen lässt”. Unter dem Aspekt der obigen Interpretation lässt sich nun leicht erkennen, dass diese beiden Mentalitäten eigentlich nichts mehr gemein haben. Was sie noch zueinander führen kann ist Sex und Berechnung. Doch wie Daniel oben sagt, sie werden wohl heiraten (im Urtext ist hier die Rede vom „Menschensamen”), aber sie werden doch nicht aneinander festhalten.

Dies ist nun die dritte Ebene in der Auslegung des Standbildes aus Dan 2, und wie beim Gleichnis vom Sämann können wir auch hier feststellen, dass diese dritte Ebene zwar nicht immer erkannt wird, aber durchaus vorhanden und aussagekräftig ist.

Die reine Allegorie.

Hier nun ein Beispiel - ebenfalls aus der Offenbarung - für die Auslegung einer reinen Allegorie. In Off 13,1-3 ist die Rede von einem Tier mit zehn Hörnern und sieben Häuptern und von der tödlichen Wunde eines seiner Häupter.

Das Tier aus dem Meer.

Off 13,1 Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. 13,2 Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. 13,3 Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier. Off 13, 1- 3;


Wenn wir uns an das weiter oben aufgestellte Prinzip halten, können wir in diesem Text keine realitätsbezogene Aussage erkennen. Es ist wohl vorstellbar, dass ein Tier aus dem Meer „steigt”, allerdings bei den zehn Hörnern und den sieben Häuptern und schon gar beim Panther mit Bärenfüßen und Löwenrachen findet dann der Realitätsbezug sein Ende.

Wir haben es also hier mit einer reinen Allegorie zu tun und müssen uns für die Auslegung aus der Schrift vergleichbare Symbole holen. In Dan 7,2-7 finden wir gleich vier derartige Tiere.

Die vier Tiere aus dem Meer.

Dan 7,2 Ich, Daniel, sah ein Gesicht in der Nacht, und siehe, die vier Winde unter dem Himmel wühlten das große Meer auf. 7,3 Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere.

7,4 Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler. Ich sah, wie ihm die Flügel genommen wurden. Und es wurde von der Erde aufgehoben und auf zwei Füße gestellt wie ein Mensch, und es wurde ihm ein menschliches Herz gegeben.

7,5 Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friss viel Fleisch!

7,6 Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken, und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde große Macht gegeben.

7,7 Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrigblieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner. Dan 7, 2- 7;


Nach der Auffassung vieler Ausleger, repräsentieren diese vier Tiere bei Daniel vier Weltreiche, nämlich Babylonien, Medo-Persien, Griechenland und das Römische Reich. Das Meer wird als „Völkermeer” interpretiert, aus welchem diese Weltreiche hervorgegangen sind. Wir können also davon ausgehen, dass unser Text in Off 13,1 ebenfalls von einem Weltreich handelt. Allerdings muss man berücksichtigen, dass es sich hier nicht - wie bei den historischen Reichen - um das Entstehen eines Weltreiches durch Eroberungsfeldzüge zur Ausweitung der Grenzen handeln muss. Heute funktioniert so etwas eher auf der politischen Ebene. Beispiele dafür sind die Vereinigten Staaten von Amerika, der Zusammenschluss der Staaten in der ehemaligen Sowjetunion „GUS” und in allerjüngster Vergangenheit die Europäische Union. Wie auch immer, es handelt sich hier auf jeden Fall um eine länderübergreifende politische Union.

Will man einen Bezug zur heutigen weltpolitischen Situation herstellen, so kann man sagen, dass der babylonische Löwe dem heutigen Irak entspricht, der medo-persische Bär ist der Stammvater der Perser, des heutigen Iran, wobei sich die Mujaheddin als Nachkommen der ehemaligen Meder verstehen. Der griechische Panther ist nach wie vor Griechenland und das „furchtbare und schreckliche Tier mit den eisernen Zähnen” war das Römische Reich und könnte heute mit Italien identifiziert werden. Von diesen vier Ländern ist natürlich keines mehr ein Weltreich und man könnte bestenfalls über Italien, welches der Europäischen Union angehört, in dieser so etwas ähnliches wie ein kleines Weltreich entdecken.

Der Hinweis in Off 13,2, dass dieses Tier einem Panther gleicht, ist ident mit der Aussage in Dan 7,6. Nachdem Dan 7,6 als Griechenland interpretiert wird, könnte man meinen, auch mit dem Tier aus Off 13 wäre Griechenland gemeint. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass die Bezeichnung „Panther” in Dan 7,6 ja an sich auch schon ein Symbol ist. Und zwar eine Umschreibung für die Geschwindigkeit, mit der sich das griechische Reich damals, unter Alexander, ausgebreitet hatte. Und so ist eher anzunehmen, dass dieses Symbol auch hier besagen will, dass das antichristliche Reich – denn um dieses dürfte es sich in Off 13,1-3 handeln - in einer erstaunlich kurzen Zeit weltweite Ausdehnung finden wird.

Anschließend an diesen Text, haben wir dann in Off 13,3 den Hinweis: „Und ich sah eines seiner Häupter, als wäre es tödlich verwundet, und seine tödliche Wunde wurde heil. Und die ganze Erde wunderte sich über das Tier”. Manche Ausleger beziehen das Tier auf den Papst und ziehen nun den Schluß, dass die katholische Kirche einen schweren Rückschlag erhält bzw. in der Vergangenheit erhalten hat und für eine gewisse Zeit ihren Einfluss verliert. Genauso gut – oder mit noch höherer Wahrscheinlichkeit – könnte man die Auffassung vertreten, dass damit die Ideologien des Faschismus, des Kommunismus oder des Islam gemeint sein könnten.

Und hier wird deutlich, dass es von großer Wichtigkeit ist, die Auslegung nicht zu eng zu fassen.

Die mehrfache Erfüllung von Prophezeiungen.

Schließlich stellt sich noch eine wichtige Frage in der Auslegung von Prophetentexten. Es wird von manchen Interpreten immer wieder behauptet, dass Prophezeiungen, welche sich bereits einmal erfüllt hätten, als „abgehakt” zu betrachten, und daher bei der Auslegung von anderen, gleichartigen Ereignissen, nicht mehr zu berücksichtigen sind.

Nun ist es einmal für den Schriftkenner eine Tatsache, dass sich manche Prophezeiungen im Laufe der Jahrtausende gleich mehrmals erfüllt haben und auch noch weiterhin erfüllen werden. Man denke da nur an die Prophezeiungen im AT über die Einnahme Jerusalems und die Wegführung seiner Bewohner. Wir haben hier die Erfüllung im Jahre 597 v. Chr. bei der ersten Wegführung, 586 v. Chr. bei der zweiten Wegführung, 70 n. Chr. durch Titus und 135 n. Chr. bei der Niederschlagung des Makkabäeraufstandes.

Aber oft wird auch und gerade bei sehr alten Prophezeiungen übersehen, dass bei genauer Prüfung der Rahmenbedingungen in Ursprung und Kontext, diese Prophezeiungen in der Vergangenheit tatsächlich noch gar nicht erfüllt wurden. Dafür seinen hier zwei Beispiele genannt.

Die Israeliten werden sich bekehren und den Herrn, ihren Gott, und ihren König David suchen.

Hos 3,4 Denn lange Zeit werden die Israeliten ohne König und ohne Obere bleiben, ohne Opfer, ohne Steinmal, ohne Efod und ohne Hausgott. 3,5 Danach werden sich die Israeliten bekehren und den HERRN, ihren Gott, und ihren König David suchen und werden mit Zittern zu dem HERRN und seiner Gnade kommen in letzter Zeit. Hos 3, 4- 5;


Im obigen Text aus Hos 3,4-5 ist u. a. die Rede davon, dass die Israeliten „ihren König David” suchen werden. Nun hat Hosea etwa von 750-722 v. Chr. gelebt. Die Regierungszeit König Davids war jedoch schon 250 Jahre zuvor, von 1012-972 v. Chr. Also wie konnte Hosea hier prophezeien, dass die Israeliten in der Zukunft ihren seit mehr als 250 Jahren verstorbenen König David suchen werden? Wie oft in solchen Fällen, machen es sich manche Ausleger sehr leicht und behaupten, dies sei ein fremder „Zusatz” und nehmen den Text ganz einfach heraus. Analysiert man jedoch die Zusammenhänge etwas genauer, erfährt man, dass im Millennium, im tausendjährigen Friedensreich des Herrn Jesus, König David von Gott wiedererweckt werden wird, um der Fürst des Volkes Israel zu sein.

Mein Knecht David soll der Fürst unter ihnen sein.

Hes 34,23 Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein, 34,24 und ich, der HERR, will ihr Gott sein, aber mein Knecht David soll der Fürst unter ihnen sein; das sage ich, der HERR. Hes 34,23-24;

Sie werden ihrem König David dienen, den ich ihnen erwecken will.

Jer 30,8 Es soll aber geschehen zu dieser Zeit, spricht der HERR Zebaoth, dass ich das Joch auf deinem Nacken zerbrechen will und deine Bande zerreißen. Sie werden nicht mehr Fremden dienen, 30,9 sondern dem HERRN, ihrem Gott, und ihrem König David, den ich ihnen erwecken will. Jer 30, 8- 9;


Wir erkennen also, dass der Text aus Hos 3,4-5 auf die Endzeit, konkret auf das Millennium abzielt, wenn die Israeliten sich zu ihrem Gott bekehren und weltweit gesammelt werden. Und jenen Auslegern, welche hier einen „Zusatz” sehen, kann man nur mit dem Herrn sagen: „O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!” (Lk 24,25)

Genau darum geht es auch im nächsten Text.

Der Herr wird sie heimbringen, dass sie in Jerusalem wohnen.

Sach 8,7 So spricht der HERR Zebaoth: Siehe, ich will mein Volk erlösen aus dem Lande gegen Aufgang und aus dem Lande gegen Niedergang der Sonne 8,8 und will sie heimbringen, dass sie in Jerusalem wohnen. Und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein in Treue und Gerechtigkeit. Sach 8, 7- 8;


Hier könnte man meinen, diese Prophezeiung beziehe sich auf die Rückkehr des Volkes Israel aus Babel. Dagegen sprechen allerdings einige Tatsachen. Es heißt hier: „aus dem Lande gegen Aufgang und aus dem Lande gegen Niedergang der Sonne”. Diese Bezeichnung umfasst im ursprünglichen Sinn alle Teile der Erde und ist vergleichbar mit dem Text aus Jes 11,11-12:

Der Herr wird zum zweiten Mal die Übriggebliebenen seines Volk loskaufen.

Jes 11,11 Und der Herr wird zu der Zeit zum zweiten Mal seine Hand ausstrecken, dass er die Übriggebliebenen seines Volks loskaufe, der übriggeblieben ist in Assur, Ägypten, Patros, Kusch, Elam, Schinar, Hamat und auf den Inseln des Meeres. 11,12 Und er wird ein Zeichen aufrichten unter den Völkern und zusammenbringen die Verjagten Israels und die Zerstreuten Judas sammeln von den vier Enden der Erde. Jes 11,11-12;


Auch Jesaja spricht hier von „den vier Enden der Erde”. Sacharja prophezeit also oben, dass Gott sein Volk erlösen und sie aus allen Teilen der Erde heimbringen will.

Nun wurden die Israeliten bei der zweiten Wegführung durch Nebukadnezar ja nicht in alle Teile der Welt entführt oder in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Sie wurden 586 nach Babel ins Exil gebracht, von wo sie 50 Jahre später, durch den Erlas des Kores, wieder – aus einer Himmelsrichtung! - nach Israel und Jerusalem zurückkehren durften. Eine derartige weltweite Zerstreuung hat erst 70 n. Chr. bei der Zerstörung Jerusalems durch Titus, bzw. nach dem Makkabäeraufstand im jüdisch-römischen Krieg stattgefunden. Und hier erkennen wir, dass sich diese Prophezeiung der Sammlung ganz einfach noch nicht erfüllt hat. Es ist eine Prophezeiung auf die Sammlung und Rückkehr der Israeliten zu Beginn des Millenniums, nach ihrer so lange verweigerten Umkehr und Bekehrung zu ihrem Gott.

Nebenbei sei erwähnt, dass das Buch Sacharja etwa um 520 v. Chr., also bereits Jahre nach der Rückkehr der Israeliten aus Babel in ihr Land, geschrieben wurde. Dieser Umstand wird auch manchmal dazu verwendet, diese Prophezeiung als „vaticinia ex eventu” zu klassifizieren, also als „Weissagung”, welche erst nach dem Eintritt der Ereignisse formuliert und dann dem Text angefügt wurde. Man ist also eher dazu bereit, das Wort Gottes als Fälschung hinzustellen, als sich selbst einzugestehen, dass man die Schrift zuwenig kennt.




Zusammenfassung

Halten wir also abschließend fest:

-  Alle Aussagen der prophetischen Schriften der Bibel, welche sich als Vorgänge und Bestandteile unserer realen Welt erkennen lassen, sind primär auch als real und somit konkret zu interpretieren.

-  Hinter dieser realen Ebene der Prophetie verbirgt sich jedoch auch oft eine zweite, verschlüsselte, also allegorische Bedeutung, deren Interpretation sich aus der prophetischen Bildsprache der Heiligen Schrift ergibt.

-  Ebenso sind eindeutig allegorische Texte mit Hilfe der entsprechenden Symbole der Schrift zu übersetzen.

-  Bei der Beurteilung, ob eine Prophezeiung als erfüllt oder als noch ausstehend zu klassifizieren ist, muss anhand der Schrift genau geprüft werden, inwieweit alle Bedingungen im Kontext als erfüllt zu betrachten sind.

-  Aber selbst bei definitiv als erfüllt geltenden Prophezeiungen, ist eine mögliche nochmalige, ja sogar mehrmalige Erfüllung bei der Auslegung zu berücksichtigen.

-  Schließlich sollten wir noch bedenken, dass es wohl arrogant wäre, anzunehmen, wir könnten alle prophetischen Texte der Bibel erklären. Noch viel arroganter wäre es jedoch zu meinen, dass alles was wir nicht erklären können, überhaupt unerklärbar wäre.