Exkurs 04 - Gibt es ein Völkergericht an lebenden Nationen?



Das Gericht vor dem Thron der Herrlichkeit.

Das Gericht im Tal Josaphat.


Das Gericht vor dem Thron der Herrlichkeit.

Der Text.

Die folgenden drei Bibelstellen werden von den Vertretern eines „Völkergerichts” als Schriftbeweise angeführt. Nach dieser Auffassung sollen vor dem Millennium alle lebenden Völker (also keine Auferstehung!) versammelt werden und Christus und die Gemeinde aus der Erstauferstehung werden sie richten.

Alle Völker werden vor dem Menschensohn versammelt werden.

Mt 25,31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 25,32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 25,33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

25,34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Mt 25,31-34;

Ich will ich alle Heiden zusammenbringen und will sie ins Tal Joschafat hinabführen.

Joel 4,1 Denn siehe, in jenen Tagen und zur selben Zeit, da ich das Geschick Judas und Jerusalems wenden werde, 4,2 will ich alle Heiden zusammenbringen und will sie ins Tal Joschafat hinabführen und will dort mit ihnen rechten Joel 4, 1- 2;

Denn dort will ich sitzen und richten alle Heiden ringsum.

Joel 4,12 Die Heiden sollen sich aufmachen und heraufkommen zum Tal Joschafat; denn dort will ich sitzen und richten alle Heiden ringsum. 4,13 Greift zur Sichel, denn die Ernte ist reif! Kommt und tretet, denn die Kelter ist voll, die Kufen laufen über, denn ihre Bosheit ist groß! 4,14 Es werden Scharen über Scharen von Menschen sein im Tal der Entscheidung; denn des HERRN Tag ist nahe im Tal der Entscheidung. Joel 4,12-14;

Die Argumentation.

Um die Argumente, welche für die Annahme eines „Völkergerichts” sprechen zu analysieren, wollen wir hier einen der bekanntesten Vertreter dieser Auslegungsrichtung zu Wort kommen lassen. Erich Sauer hat in seinem Buch „Der Triumpf des Gekreuzigten” seine Sicht der Dinge recht gut zusammengefasst und schreibt auf S 166 ff, unter dem Titel „Das Völkergericht im Tal Josaphat”:

„Der Sohn des Menschen wird sitzen auf seinem Throne der Herrlichkeit und richten alle Nationen der Erde. Sie alle werden vor ihm versammelt sein, und er wird sie voneinander scheiden, gleichwie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet (Matth. 25,31;32). Die einen werden eingehen in das ewige Verderben, die anderen in das Reich, das ihnen bereitet ist von Grundlegung der Welt an (Matth. 25,34;46). Dies ist das große Völkergericht am Anfang des Tausendjährigen Reiches (Matth. 25,31-46; Dan 7,9-14; Off 20,4).”


Zuerst sollten wir die grundsätzliche Plausibilität dieser letzten obigen Aussage prüfen. Wie der Autor richtig zitiert, heißt es in Mt 25,41:

Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.

Mt 25,41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Mt 25,41;


Jene, die in diesem Gericht als schuldig beurteilt werden, die „Verfluchten”, gehen also in die endgültige Verdammnis, in das ewige Feuer. Nun wissen wir, dass am Ende der Welt, beim Letzten Gericht, alle Toten bei der Allgemeinen Auferstehung lebendig werden, und auch dort gehen die Verfluchten ins ewige Feuer.

Wir müssen uns daher fragen, warum sollte es hier, am Anfang des Millenniums, tausend Jahre vor dem Endgericht, bereits zu einer Verurteilung der dann lebenden Verfluchten kommen? Noch dazu, wo wir aus Off 20,7-8 wissen, dass es am Ende des Millenniums selbst noch eine ungeheure Menge von Menschen geben wird – „wie Sand am Meer” – welche Satan anhangen und daher auch noch zu den Verfluchten hinzugefügt werden. Und wenn es dieses Gericht geben sollte, wieso werden bei dieser Gelegenheit – ähnlich wie beim Endgericht - nicht auch die Toten mitgerichtet?

Die gleichen Fragen ergeben sich natürlich auch in Bezug auf die Gerechten. Hier heißt es in Mt 25,34:

Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich.

Mt 25,34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Mt 25,34;


Nun kann man hier, aus der Sicht der Vertreter eines „Völkergerichts”, noch argumentieren, dass es sich bei der Aussage in Mt 25,34: „ererbt das Reich” um das Tausendjährige Reich handelt. Allerdings erkennen wir dann einige Verse später, am Ende dieser Prophezeiung, wo beide Urteile noch einmal ganz klar ausgesprochen werden, dass es sich in beiden Fällen – bei den Verfluchten wie bei den Gerechten – um das abschließende, endgültige Urteil handelt.

Diese werden hingehen zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Mt 25,46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben. Mt 25,46;


Ebenso wie die Verfluchten also in das ewige Feuer gehen, gehen die Gerechten in das ewige Leben. Und das ewige Leben ist nun einmal – nach dem Zeugnis der Schrift – nicht das Tausendjährige Reich, wo die Menschen zwar sehr alt werden, aber doch noch sterben müssen (Jes 65,18-23), sondern das ewige Reich des Vaters in der Neuen Schöpfung.

Hier zeigt sich bereits, dass der Zeitpunkt dieses Gerichts nicht am Anfang, sondern am Ende des Millenniums angesetzt werden muss. Aber es gibt dafür noch konkretere Argumente.

Auch in sich ist die These eines „Völkergerichts” am Beginn des Millenniums unlogisch. Es würden nämlich nur jene Menschen gerichtet, welche zu dieser Zeit, an diesem bestimmten Tage leben. Alle jene, die bis zum Tag davor gestorben sind, würden also an diesem Gericht nicht teilnehmen. Und unabhängig davon, ob es sich dann dabei um tote Gerechte handelt, welche nicht in das Reich eingehen können, oder um Verfluchte, welche noch nicht ins ewige Feuer müssen: wie sollte das nun erklärt werden und wo wäre da die Gerechtigkeit dieses Gerichts?

Das dritte Problem, welches sich durch dieses vorgezogene Gericht ergeben würde, ist der Umstand, dass es dann auf einmal zwei Gerichte für die Ungerechten geben würde. Das eine wäre das „Völkergericht” an den lebenden Völkern, das andere das reguläre Weltgericht am Ende der Welt.

Und auch hier lässt sich der Beweis führen, dass die Schrift derartiges nicht kennt.

Es ist den Menschen bestimmt einmal zu sterben, danach aber das Gericht.

Hbr 9,27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 9,28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. Hbr 9,27-28;


Im Hebräerbrief 9,27 erfahren wir, dass der Mensch einmal sterben muss, danach aber das Gericht kommt. Es wird also hier sichtlich ausgeschlossen, dass der Mensch – jedenfalls der ungläubige - zu Lebzeiten in dieses Gericht kommen könnte.

Auch sagt uns der nächste Vers, dass Christus zum zweiten Mal nicht der Sünde wegen erscheinen wird, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. Das heißt doch, dass es beim zweiten Kommen des Herrn kein Gericht über Ungerechte, sondern nur eines für die Gerechten geben wird. Und das ist das „Lohngericht” für die Märtyrer aus der Auferweckung und Entrückung und nicht das „Völkergericht” an den lebenden Menschen.

Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben.

1Kor 15,50 Das sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wird das Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit. 1Kor 15,50;


Auch in seinem ersten Brief an die Korinther argumentiert Paulus, dass Fleisch und Blut - also lebende Menschen - das Reich Gottes nicht erben können. Das „Reich Gottes” ist das ewige Leben. In dieses ewige Leben kann der Mensch nur kommen, wenn er vorher durch das Gericht gegangen ist.

Und in das Gericht kommt er nur - wie wir oben gesehen haben - wenn er gestorben (und wieder auferstanden) ist. Nach der Theorie des „Völkergerichts” wären aber die Menschen, welche hier gerichtet werden, lebende Menschen und keine Toten! Also muss sich der Text aus Mt 25,46: „Und sie werden hingehen (...) die Gerechten in das ewige Leben” auf das Endgericht und nicht auf ein „Völkergericht” an lebenden Menschen am Anfang des Millenniums beziehen. Daher auch hier: kein Gericht an lebenden Menschen oder Völkern.

Nun ist es ja so, dass die Vertreter eines „Völkergerichtes” das Endgericht keinesfalls in Frage stellen. Dies können sie auch nicht, denn dieses Weltgericht nach der Allgemeinen Auferstehung am Ende der Tage, ist ganz eindeutig in der Schrift dokumentiert.

Damit haben diese Leute aber ein weiteres Problem. Gäbe es nämlich ein Gericht an den lebenden Völkern, dann wären diese ja schon gerichtet und dürften nicht mehr vor das Endgericht kommen. Und das widerspräche ganz eindeutig der Aussage von Hbr 9,27, dass es „den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht”. Sie würden vor ihrem Tod gerichtet werden. Wie wir aber hier unten, in Mt 13,25-30 erkennen können, hat der Herr überhaupt nicht die Absicht, die Ungerechten früher als beim Endgericht zu richten.

Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; dann sammelt zuerst das Unkraut.

Mt 13,25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon. 13,26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut. 13,27 Da traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 13,28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, dass wir hingehen und es ausjäten?

13,29 Er sprach: Nein! damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausrauft, wenn ihr das Unkraut ausjätet. 13,30 Lasst beides miteinander wachsen bis zur Ernte; und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune. Mt 13,25-30;


Eben und gerade die Ungerechten sollen nach Mt 13,29 erst bei der „Ernte”, also am Ende der Welt gerichtet werden, um allen Menschen bis zum letzten Tag die Möglichkeit zu bieten, die Seiten zu wechseln und vom Unkraut zum Weizen zu „mutieren”. Der Herr will also ein früheres Gericht über jene, die sich von ihm abgekehrt haben vermeiden, um damit nicht vielleicht auch jene zu verurteilen, welche sich in der Zwischenzeit möglicherweise noch bekehrt hätten.

Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will.

Apg 17,30 Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber, gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. 17,31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Apg 17,30-31;

(Siehe auch Kapitel 13: „Das Weltgericht”.)

Es ist also ein einziger Tag festgesetzt um die ganze Welt zu richten. Und dass dies nicht der Tag eines vorgezogenen „Völkergerichts” sondern jener des Jüngsten (Letzten) Gerichts ist, erkennen wir auch aus den folgenden Aussagen des Herrn:

Wer an den Sohn glaubt, hat des ewige leben und wird auferweckt am Letzten Tag.

Jh 6,38 Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 6,39 Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich es auferwecke am Letzten Tage. 6,40 Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tage. Jh 6,38-40;


Wie wir sehen, gibt es nach der Schrift nur einen Gerichtstag für den „Erdkreis”, an dem – neben den Gerechten, die in das ewige Leben eingehen - die Ungerechten in das ewige Feuer geworfen werden, und das ist der Tag des End- oder Weltgerichts.

In seiner weiteren Argumentation versucht der Autor des obigen Buches nun die Unterschiede zwischen diesem Endgericht und dem angenommenen vorgezogenen „Völkergericht” herauszuarbeiten. Er schreibt:

„Es (das Völkergericht am Anfang des Millenniums) ist sehr wohl zu unterscheiden von dem Endgericht vor dem Großen Weißen Thron (Off 20,11-15).

1. Der Ort: Es findet nicht nach dem Untergang der alten Erde (Off 20,11), sondern auf dem Boden der alten Erde statt, nämlich im Tal Josaphat (Joel 4,12; Matth. 25,31).”


Da die Beweisführung gegen die Verwendung von Joel 4 in diesem Zusammenhang doch etwas umfangreicher ist, und der Fluss der Argumentation hier nicht durch ein zweites Thema unterbrochen werden soll, wird darauf im Anschluss eingegangen.

2. Die Zeit: Es wird nicht erst nach dem Ende, sondern schon zu Beginn des irdischen Herrlichkeitsreiches abgehalten (Off 20,11 vgl. 7-10; Matth. 25,31).”


Während mit Off 20,7-11 völlig richtig das Endgericht zitiert wird, ist aus Mt 25,31 nur zu entnehmen, dass der Menschensohn in seiner Herrlichkeit, mit allen Engeln kommt und auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird. Es gibt in diesem Text also keinen Hinweis darauf, wann dieses Ereignis stattfinden soll und schon gar nicht, dass es sich „am Anfang des Millenniums” ereignet. Genau so gut könnten z. B. Off 20,7-11 und Mt 25,31 ff von demselben Ereignis sprechen.

3. Die Personen: Es richtet nicht die ‘Toten’, das heißt, die in der zweiten Auferstehung Lebendig-gemachten (Off 20,12;13), sondern die dann Lebenden und aus den Gerichtskatastrophen ohne Tod und Auferstehung Übriggebliebenen (Matth. 24,32).”


Hier müssen wir uns fragen, wie wir uns diese „Toten” beim Endgericht vorzustellen haben. Wie wir aus der ersten Auferstehung in Off 20,4 und auch aus dem Text der „kleinen” Auferstehung nach dem Tod Jesu, weiter unten, in Mt 27,50-52, erfahren, wurden diese Toten lebendig. Sie wurden lebendig und gingen nach Jerusalem hinein, wo sie von vielen gesehen wurden.

Es sind also lebende Menschen und keine „Toten”, welche nach der Auferstehung vor dem Gerichtsthron stehen werden. Und sie sind das, was sie zu ihren Lebzeiten waren: Völker, Stämme und Nationen. Das heißt, wenn es in Off 20,12 heißt: „Und ich sah die Toten, groß und klein, stehen vor dem Thron”, stehen dort genau so „Völker” vor dem großen, weißen Thron, wie in Mt 25,31-32 vor dem Thron der Herrlichkeit.

Und auch zwischen dem „Thron der Herrlichkeit” in Mt 25,31 und dem „großen, weißen Thron” in Off 20,11 gibt es wohl mehr Gemeinsamkeiten, als Unterschiede. Beide Throne sind gewaltig und herrlich, auf beiden Thronen sitz der Herr Jesus und richtet, und vor beiden Thronen stehen die Völker, um gerichtet zu werden.

Es lässt sich also auch hier keine eindeutige Unterscheidung zwischen Off 20,7-11, dem Endgericht, und Mt 25, dem angenommenen „Völkergericht” treffen.

4. Die Entscheidung: Es handelt sich nicht um die Frage: Verderben oder allein ewiges, himmlisches Reich (vgl. 2. Tim. 4,18), sondern um die Frage: Verderben oder zunächst irdisches Herrlichkeitsreich (Matth. 25,34; 46b).

Allerdings wird das Völkergericht am  A n f a n g des Tausendjährigen Reiches, wie es scheint – nach dem Gesetz der prophetischen Perspektive – mit dem  E n d gericht in einem Bilde zusammengeschaut, so dass Vorgericht und Endgericht, Teilgericht und Gesamtgericht zu einem einzigen, gewaltigen, sich gegenseitig durchdringenden Gesamtbilde zusammenfließen, so wie in ähnlicher Weise schon früher das erste Kommen des Messias mit seinem zweiten Kommen von den alttestamentlichen Propheten zusammengeschaut worden war (z. B. Jes. 61,1-3 vgl. Luk. 4,18;19) und wie in den Weissagungen Jesu selbst die zwei Auferstehungen vor und nach dem Tausendjährigen Reich – die nach Paulus und Johannes zeitlich auseinander liegen (Off. 20,5;12; 1. Kor. 15,23;24) – zu einer einzigen, großartigen Weissagung verbunden sind, die diese zeitlichen Abstufungen nicht weiter hervorhebt (Joh. 5,28; 29 vgl. Dan 12,2;3).”


Wir erkennen in diesen obigen Aussagen, dass der Autor sehr wohl gewisse Unvereinbarkeiten seiner Auslegung mit dem Schrifttext bemerkt hat, diese allerdings nicht weiter hinterfragt, sondern einfach auf die „prophetische Perspektive” zurückführt.

Wiewohl die Sicht einer prophetische Perspektive bei manchen Schrifttexten durchaus ihre Berechtigung hat, müssen wir uns fragen, ob sie gerade hier, bei diesem Schrifttext, angewendet werden darf. Hier wird – indirekt - der Vorwurf erhoben, in Jh 5,28-29 seien die „zeitlichen Abstufungen” nicht weiter hervorgehoben worden.

Hier, in Mt 25, spricht der Menschensohn, Jesus Christus, der Messias und Sohn Gottes, der am Anbeginn der Schöpfung gesprochen hat „es werde” und der an ihrem Ende die Welt richten wird. Und nun kommen wir und meinen, er hätte die Dinge eben nicht so richtig auseinanderhalten können. Er hätte beides in „einem Bilde zusammengeschaut”. Und auch wenn wir von diesem, angeblich „zusammengeschauten Bilde”, als von einer „einzigen großartigen Weissagung” sprechen, kann es nicht darüber hinwegtäuschen: wir beschuldigen damit den Herrn, hier eine irreführende, wenn nicht falsche Sicht der Dinge dargestellt zu haben.

Tatsächlich ist es jedoch so, dass wir diejenigen sind, welche hier so manche Dinge „zusammenschauen”. Wir sind oft zu bequem, zu oberflächlich, ja vielleicht sogar zu anmaßend, um diese Texte, die mit anderen Schriftstellen nicht übereinstimmen, immer und immer wieder durchzuarbeiten, in der festen Gewissheit, dass sie keinen Fehler enthalten können, ja auch nicht dürfen, sonst müssten wir diese Möglichkeit auch bei allen anderen Aussagen des Herrn ins Auge fassen.

Betrachten wir daher jetzt den fraglichen Text aus Jh 5,28-29:

Alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören.

Jh 5,28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, 5,29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts. Jh 5,28-29;


Hier spricht der Herr ganz eindeutig von der Allgemeinen Auferstehung am Ende der Welt! Es heißt ausdrücklich: „alle, die in den Gräbern sind”. Wer hier die Erste Auferstehung vor dem Millennium „in einem Bilde” sehen will, hat den Text nicht richtig gelesen.

Wenn wir uns nun die Aussagen einige Verse zuvor ansehen, erkennen wir einen ganz anderen Zusammenhang.

Die die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, die werden leben.

Jh 5,25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben. Jh 5,25;


In dieser „Stunde”, die hier prophezeit wird, werden auch Menschen auferstehen. Allerdings nicht alle, wie in Vers 28, sondern nur „die, die sie hören werden” – nämlich die Stimme des Sohnes Gottes.

Wir erkennen also, dass der Sohn Gottes in Jh 5,28 keinesfalls zwei Auferstehungen in „einem Bilde” gesehen hat, sondern dass der Text aus Jh 5,28 fälschlicherweise als idente Aussage zu Jh 5,25 interpretiert wurde, was tatsächlich nicht der Fall ist.

Bemüht man sich um eine genauere Analyse dieses Textes erkennt man, dass es sich hier insgesamt um drei „Stunden” und damit auch um drei verschiedene Auferstehungen handelt.

In der ersten Aussage, in Jh 5,25 weissagt der Herr, dass er ins Totenreich hineinrufen wird, und die, welche seine Stimme hören werden, die werden leben. Es werden also bei dieser Gelegenheit nicht alle, welche in den Gräbern sind auferstehen, sondern nur die, welche seine Stimme hören werden.

Diese besondere Auferstehung erfolgt zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten, in zwei „Stunden”

Die erste Stunde.

Es heißt hier: „Es kommt die Stunde und ist schon jetzt”. Mit dem „jetzt” muss natürlich die Zeit Jesu gemeint sein. Konkret meint der Herr damit jene „kleine” Auferstehung, welche sich gemäß Mt 27,50-52 nach seinem Tod ereignet hat.

Die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf.

Mt 27,50 Aber Jesus schrie abermals laut und verschied. 27,51 Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 27,52 Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf 27,53 und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Mt 27,50-53;

Die zweite Stunde.

Auch hier wird der Herr ins Totenreich hineinrufen, und auch diesmal werden nicht alle Toten seine Stimme hören, sondern nur jene Toten „in Christus”, welche nach 1Kor 15,50-55 und 1The 4,15-17 auferweckt und dann anschließend mit den lebenden Auserwählten zum Herrn in die Luft entrückt werden. Dieses Ereignis ist allgemein als „Entrückung” bekannt.

Die Toten werden auferweckt werden und wir werden verwandelt werden.

1Kor 15,50 Dies aber sage ich, Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben können, auch die Vergänglichkeit nicht die Unvergänglichkeit erbt. 15,51 Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, 15,52 in einem Nu, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; denn posaunen wird es, und die Toten werden auferweckt werden, unvergänglich sein, und wir werden verwandelt werden. 15,53 Denn dieses Vergängliche muss Unvergänglichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. 1Kor 15,50-53;

Zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen.

1The 4,15 Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. 4,16 Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. 4,17 Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. 1The 4,15-17;

Die dritte Stunde.

Und erst dann kommt die dritte „Stunde” aus Vers 28, welche sich auf die Allgemeine Auferstehung, vor dem Letzten Gericht bezieht, und in der alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Sohnes Gottes hören und auferstehen werden.

Die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden.

Jh 5,28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, 5,29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts. Jh 5,28-29;


Wie leicht zu erkennen ist, gibt es in den ersten beiden „Stunden” keine Auferstehung des Gerichts, also keine Verfluchten. Bei diesen Auferstehungen werden nur die „in Christus” lebendig (die seine Stimme hören werden), welche damit das ewige Leben haben und über die der zweite Tod keine Macht mehr hat.

Bei der dritten „Stunde” hingegen, der Allgemeinen Auferstehung am Ende der Welt zum Letzten Gericht, werden alle, die in den Gräbern sind, also Gute und Böse seine Stimme hören und auferstehen, die einen zum Leben, die anderen zum Gericht.

Die Analyse.

Wir wollen nun versuchen, eine ähnlich detaillierte Analyse für Mt 25 durchzuführen, um zu erkennen, wo diese Prophezeiung zeitlich einzuordnen ist. Hier noch einmal die wichtigsten Textstellen:

Dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit.

Mt 25,31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 25,32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 25,33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

25,34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Mt 25,31-34;

Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.

Mt 25,41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Mt 25,41;

Sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Mt 25,46 Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben. Mt 25,46;


Wie bereits weiter oben ausführlich dargelegt wurde, ist es gar nicht anders möglich, als den Text aus Mt 25,41 und 46 dem Endgericht vor dem großen, weißen Thron zuzuordnen.

Bleibt der Text aus Mt 25,31-34, und hier insbesondere die Hauptaussage dieser Schriftstelle, nämlich die Sammlung der Völker vor dem Thron und die Scheidung von Guten und Bösen.

In einer ganz ähnlichen Darstellung, in Mt 13,47-50, erwähnt der Herr in einem Gleichnis explizit, dass es sich dabei um „das Ende der Welt”, also dem Zeitpunkt der Allgemeinen Auferstehung und des Endgerichts handelt.

Am Ende der Welt werden die Engel die Bösen von den Gerechten scheiden.

Mt 13,47 Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt. 13,48 Wenn es aber voll ist, ziehen sie es heraus an das Ufer, setzen sich und lesen die guten in Gefäße zusammen, aber die schlechten werfen sie weg. 13,49 So wird es auch am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden 13,50 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein. Mt 13,47-50;


Auch hier erfolgt eine „Sammlung”, nämlich in den Netzen. Und auch hier erfolgt eine „Scheidung”, nämlich der Guten von den Bösen. Und auch hier heißt es von den Bösen, dass sie in den Feuerofen geworfen werden.

Das bestärkt die Auffassung, das dieses „Scheiden” ein Ereignis am Ende der Welt, also beim Weltgericht sein muss. Und dort werden dann die Gerechten mit ihrem Auferstehungsleib in das ewige Leben eingehen, die Verfluchten aber werden - ebenfalls mit diesem Auferstehungsleib - den zweiten Tod sterben indem sie in den Feuersee geworfen werden. Das bestätigen eben auch die obigen Verse Mt 25,41 und 46, wo die Verfluchten in das ewige Feuer zur ewigen Strafe geschickt werden, die Gerechten aber in das ewige Leben.

Wenn man bedenkt, dass bei einem „Völkergericht” am Beginn des Millenniums beide Gruppen noch 1000 Jahre vor sich haben, egal wo nun ihr Aufenthaltsort sein mag, ist hier ein „Hingehen” in die ewige Strafe oder in das ewige Leben aus vielen Gründen überhaupt nicht verständlich. Auch das Totenreich wird nach Off 20,14 sein Ende finden und ist daher für die Verbüßung einer „ewigen Strafe” wie es in Mt 25,46 heißt, nicht geeignet. Im übrigen kann man davon ausgehen, dass alle Stellen, welche von „ewiger Strafe”, „ewigem Feuer”, „Feuersee” oder „feurigem Pfuhl” sprechen eindeutig auf das Weltgericht bezogen sind.

Sieht man aber diese Endzeitrede des Herrn in Mt 25,31-46 als das was sie ist, nämlich als Schilderung der Vorgänge beim Weltgericht am Ende der Welt, so hat hier alles seine Richtigkeit. Die auferstandenen Völker werden gerichtet, die Verfluchten kommen in den Feuersee, die Gerechten gehen ein in das ewige Leben der neuen Welt.

Einen weiteren Hinweis gibt uns die Bezeichnung des Herrn als „König” in Mt 25,34. Dies heißt ja, dass er schon herrscht - also im Millennium, bzw. hier am Ende des Millenniums. Denn vor bzw. am Beginn des Millenniums - wo ein vorgezogenes „Völkergericht” angesetzt werden müsste - ist der Herr noch nicht König und nach dem Millennium ist er nicht mehr König, denn er unterwirft sich und die ganze erste Schöpfung seinem Vater, damit Gott alles in allem sei. (1. Kor 15,28)

Der König sagt sodann zu den Gesegneten seines Vaters: „Ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.” Legt man diese Stelle auf ein Völkergericht vor dem Millennium aus, so müsste das hier erwähnte „Reich” das Millennium sein. Und hier ist es überhaupt nicht verständlich, wieso nur die dann lebenden Gläubigen dieses Reich „ererben” sollen und alle bis dahin gestorbenen Brüder und Schwestern keinen Anteil daran haben sollten.

Wollte man andererseits davon ausgehen, dass mit diesem „Reich” der Himmel gemeint sein würde, ergibt sich ein noch viel größeres Problem: Wir wissen, dass im Millennium die Erde von vielen Menschen – Gläubige und Ungläubige – bevölkert sein wird. Wenn nun hier, beim Völkergericht am Anfang des Tausendjährigen Reiches, alle lebenden Ungläubigen ins ewige Feuer gehen und alle Gläubigen in den Himmel entschwinden, bleibt schließlich kein einziger Mensch über, um die Erde zu bevölkern.

Im selben Kontext – Mt 13 – finden wir auch das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen.

Am Ende der Welt werden die Engel alle die da Unrecht tun ins Feuer werfen.

Mt 13,38 Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. 13,39 Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. 13,40 Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird es auch am Ende der Welt gehen.

13,41 Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alles, was zum Abfall verführt, und die da Unrecht tun, 13,42 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein. 13,43 Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, der höre! Mt 13,38-43;


Und auch hier haben wir die Parallelen zu Mt 25: Der Menschensohn sendet seine Engel zur Vollstreckung des Urteils, um alle die da Unrecht tun, in den Feuerofen zu werfen. Das heißt aber, dass der Herr zuvor, am großen, weißen Thron, das Urteil gesprochen hat. Er hat, wie in Mt 25,32, durch sein Gerichtsurteil die Scheidung vollzogen, und die Engel vollstrecken nun dieses Urteil. Und auch hier gehen die Gerechten ein in das Reich ihres Vaters – wie in Mt 25,34 - wo sie leuchten wie die Sonne.

Und wie bereits oben ausgeführt, spricht auch Jh 5,26-29 von diesem Ereignis.

Die Guten zur Auferstehung des Lebens, die Bösen zur Auferstehung des Gerichts.

Jh 5,26 Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben zu haben in sich selber; 5,27 und er hat ihm Vollmacht gegeben, das Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. 5,28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, 5,29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts. Jh 5,26-29;


Vor diesem Endgericht nun stehen alle die, in der Allgemeinen Auferstehung am Ende der Welt auferstandenen Menschen, also die „Völker”. Die „zur Linken” werden in den Feuerofen geworfen, die „zur Rechten” werden das Reich ererben und leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich.

(Siehe auch Kapitel 12: „Die Auferstehung”.)

Es ist also ziemlich gewiss, dass der Text aus Mt 25,31-46 vom Weltgericht am Ende des Tausendjährigen Reiches, am Ende der Welt und nicht von einem vorgezogenen „Völkergericht” an lebenden Menschen am Anfang des Millenniums handelt.

Der scheinbare Grund, warum hier mancher Ausleger auf die Idee eines „Völkergerichts” kommt, ist die Erwähnung der „Völker” in Mt 25,32. Dies verleitet dazu, hier die lebenden Nationen zu sehen. Bei genauerer Kenntnis des Geschehens rund um das Weltgericht und speziell im Zusammenhang mit der Auferstehung der Toten, erkennt man, dass es diese auferstandenen „Völker” sind, die hier vor dem Herrn stehen. Diese Auferstandenen sind natürlich auch körperlich. Sie haben einen Auferstehungsleib. Und zwar alle Auferstandenen, sowohl die Gerechten als auch die Ungerechten.

Von ihrer Wesensart her sind sie aber alle noch immer - oder besser: wieder - das, was sie zu Lebzeiten waren, nämlich Menschen aus allen Sprachen und Stämmen und Nationen. Und alle diese auferstandenen Völker werden nun versammelt und stehen mit diesem ihrem Auferstehungsleib im Jüngsten (Letzten) Gericht vor ihrem Richter.

(Siehe auch den Exkurs 07: „Der Auferstehungsleib”.)

Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden.

Mt 25,31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 25,32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 25,33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Mt 25,31-33;


Der Herr wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken („Ziegenböcken” im Original) scheidet.

Und damit unterscheidet sich auch dieses Kommen des Herrn nach dem Millennium, zum Weltgericht, von seinem zweiten Kommen vor dem Millennium, zur Auferweckung und Entrückung der Toten „in Christus”. Zum Weltgericht kommt er wegen der Sünde, zur Entrückung jedoch „denen, die auf ihn warten, zum Heil”, wie es der Hebräerbrief so treffend formuliert.

Er erscheint nicht der Sünde wegen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.

Hbr 9,27 Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: 9,28 so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. Hbr 9,27-28;


Wir sehen also, man kann es drehen und wenden wie man will, ein „Völkergericht” ergibt keinen Sinn.

(Siehe auch die Tabelle 13: „Das Gericht über die auferstandenen Völker ...”.)

Damit kommen wir zum zweiten Text, welcher von den Vertretern eines „Völkergerichts” als Schriftbeweis angeführt wird.

Das Gericht im Tal Josaphat.

Es hat den Anschein, als ob gerade die Verwendung von Joel 4 in der Theorie eines „Völkergerichts” am Anfang des Tausendjährigen Reiches auf der einfachen Überlegung beruht: da sind Menschenscharen, dort sind Menschenscharen, da wird gerichtet, dort wird gerichtet, also muss beides zusammen gehören.

Dass jedoch in Mt 25,31-46 und Joel 4,1-21 völlig unterschiedliche Ereignisse dargestellt werden, soll nun hier nachgewiesen werden.

Gericht ist nicht gleich Gericht.

Zuerst gilt es die Definition für den Terminus „Gericht” zu klären. Dieses Wort hat nämlich – zumindest im Deutschen - zwei recht unterschiedliche Bedeutungen. Die Abweichungen lassen sich am besten im Ergebnis darstellen.

1. Das urteilende Gericht.

In diesem Gericht wird über einen Sachverhalt beraten und als Ergebnis ein Urteil ausgesprochen. Es bedarf einer Beweisführung und das Ergebnis kann positiv oder negativ sein. Es ist dies das „Justizgericht”, wie es oben, in Mt 25,31-34 beschrieben wird, und jene, die davon betroffen sind,

„sie kommen vor das Gericht”.


Ein Beispiel dafür ist gerade der hier analysierte Text aus Mt 25,32-33.

Mt 25,32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 25,33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Mt 25,32-33;


Hier handelt es sich eindeutig um ein urteilendes Gericht im Sinne der obigen Definition. Wir haben einerseits die Völker, welche vor dem Thron stehen, und andererseits ein Gericht, bei welchem das Urteil über „Gute” und „Böse” gesprochen wird.


2. Das strafende Gericht.

Hier bedarf es keines Urteils mehr. Das Urteil ist bereits gesprochen und negativ ausgefallen. Es geht hier nur mehr um die Ausführung. Dies ist das „Strafgericht”, wie unten in Joel 4,1-2 und 12-14, und jene, die davon betroffen sind,

über diese kommt das Gericht”.


Ein Beispiel dafür bietet uns Mal 3,5:

Ich komme zum Gericht gegen die, die Gewalt und Unrecht tun.

Mal 3,5 Und ich will zu euch kommen zum Gericht und will ein schneller Zeuge sein gegen die Zauberer, Ehebrecher, Meineidigen und gegen die, die Gewalt und Unrecht tun den Tagelöhnern, Witwen und Waisen und die den Fremdling drücken und mich nicht fürchten, spricht der HERR Zebaoth. Mal 3, 5;


Dies ist im Sinne der obigen Definition ein Strafgericht und es ist dem urteilenden Gericht bestenfalls nachgelagert, aber keinesfalls mit ihm ident.

Daraus ergibt sich der Schluss: Mt 25,31-46 und Joel 4,1-21 können schon aus rein formalen Gründen nicht ein und dasselbe Ereignis schildern.

Der Text.

Hier nun der komplette Abschnitt des Textes aus Joel 4,1-21.

Gottes Strafgericht über die Heiden. Israels Heil.

Joel 4,1 Denn siehe, in jenen Tagen und zur selben Zeit, da ich das Geschick Judas und Jerusalems wenden werde, 4,2 will ich alle Heiden zusammenbringen und will sie ins Tal Joschafat hinabführen und will dort mit ihnen rechten wegen meines Volks und meines Erbteils Israel, weil sie es unter die Heiden zerstreut und sich in mein Land geteilt haben; 4,3 sie haben das Los um mein Volk geworfen und haben Knaben für eine Hure hingegeben und Mädchen für Wein verkauft und vertrunken.

4,4 Und ihr aus Tyrus und Sidon und aus allen Gebieten der Philister, was habt ihr mit mir zu tun? Wollt ihr es mir heimzahlen? Wohlan, zahlt es mir heim, so will ich es euch eilends und bald heimzahlen auf euren Kopf.

4,5 Mein Silber und Gold habt ihr genommen und meine schönen Kleinode in eure Tempel gebracht; 4,6 dazu habt ihr auch die Leute von Juda und Jerusalem den Griechen verkauft, um sie weit weg von ihrem Lande zu bringen.

4,7 Siehe, ich will sie kommen lassen aus dem Ort, wohin ihr sie verkauft habt, und will es euch heimzahlen auf euren Kopf 4,8 und will nun eure Söhne und eure Töchter verkaufen in die Hand der Leute von Juda; die sollen sie denen in Saba, einem Volk in fernen Landen, verkaufen; denn der HERR hat es geredet.

4,9 Rufet dies aus unter den Heiden! Bereitet euch zum heiligen Krieg! Bietet die Starken auf! Lasst herzukommen und hinaufziehen alle Kriegsleute! 4,10 Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße! Der Schwache spreche: Ich bin stark!

4,11 Auf, alle Heiden ringsum, kommt und versammelt euch! - Dahin führe du hinab, HERR, deine Starken!

4,12 Die Heiden sollen sich aufmachen und heraufkommen zum Tal Joschafat; denn dort will ich sitzen und richten alle Heiden ringsum.

4,13 Greift zur Sichel, denn die Ernte ist reif! Kommt und tretet, denn die Kelter ist voll, die Kufen laufen über, denn ihre Bosheit ist groß!

4,14 Es werden Scharen über Scharen von Menschen sein im Tal der Entscheidung; denn des HERRN Tag ist nahe im Tal der Entscheidung. 4,15 Sonne und Mond werden sich verfinstern, und die Sterne halten ihren Schein zurück. 4,16 Und der HERR wird aus Zion brüllen und aus Jerusalem seine Stimme hören lassen, dass Himmel und Erde erbeben werden. Aber seinem Volk wird der HERR eine Zuflucht sein und eine Burg den Israeliten

4,17 Und ihr sollt es erfahren, dass ich, der HERR, euer Gott, zu Zion auf meinem heiligen Berge wohne. Dann wird Jerusalem heilig sein, und kein Fremder wird mehr hindurchziehen. 4,18 Zur selben Zeit werden die Berge von süßem Wein triefen und die Hügel von Milch fließen, und alle Bäche in Juda werden voll Wasser sein. Und es wird eine Quelle ausgehen vom Hause des HERRN, die wird das Tal Schittim bewässern.

4,19 Aber Ägypten soll wüst werden und Edom eine Einöde um des Frevels willen an den Leuten von Juda, weil sie unschuldiges Blut in ihrem Lande vergossen haben.

4,20 Aber Juda soll für immer bewohnt werden und Jerusalem für und für.

4,21 Und ich will ihr Blut nicht ungesühnt lassen. Und der HERR wird wohnen zu Zion. Joel 4, 1-21;

Die Analyse.

Schon bei oberflächlicher Betrachtung erkennt man, dass es sich hier um die andere Art von Gericht handelt. Es ist nicht ein Gericht, in welchem über Gute und Böse ein Urteil gesprochen wird, sondern dies ist ein Strafgericht. Und zwar ein Strafgericht über die „Heiden ringsum”, weil sie Israel zerstreut und sich das Land geteilt haben.

Dort will ich mit ihnen rechten wegen meines Volks und meines Erbteils Israel.

Joel 4,1 Denn siehe, in jenen Tagen und zur selben Zeit, da ich das Geschick Judas und Jerusalems wenden werde, 4,2 will ich alle Heiden zusammenbringen und will sie ins Tal Joschafat hinabführen und will dort mit ihnen rechten wegen meines Volks und meines Erbteils Israel, weil sie es unter die Heiden zerstreut und sich in mein Land geteilt haben; 4,3 sie haben das Los um mein Volk geworfen und haben Knaben für eine Hure hingegeben und Mädchen für Wein verkauft und vertrunken. Joel 4, 1- 3;

Heiden ringsum, kommt und versammelt euch! Führe du hinab, HERR, deine Starken.

Joel 4,9 Rufet dies aus unter den Heiden! Bereitet euch zum heiligen Krieg! Bietet die Starken auf! Lasst herzukommen und hinaufziehen alle Kriegsleute! 4,10 Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße! Der Schwache spreche: Ich bin stark!

4,11 Auf, alle Heiden ringsum, kommt und versammelt euch! - Dahin führe du hinab, HERR, deine Starken!

4,12 Die Heiden sollen sich aufmachen und heraufkommen zum Tal Joschafat; denn dort will ich sitzen und richten alle Heiden ringsum.

4,13 Greift zur Sichel, denn die Ernte ist reif! Kommt und tretet, denn die Kelter ist voll, die Kufen laufen über, denn ihre Bosheit ist groß! Joel 4, 9-13;


In Joel 4,11 erkennen wir, dass es sich um eine Schlacht handelt. Um eine Schlacht zwischen den Heeren der Heiden und dem Heer - den „Starken” - Gottes. Und es ist auch Gott, der sie auffordert, sich für den „heiligen Krieg” zu bereiten.

Hier wird nun der Hintergrund ganz deutlich. In der Schlacht von Harmagedon wird sich der Antichrist mit seinen Heeren stellen und gegen den Herrn Jesus mit seinen Heiligen und seinem ganzen himmlischen Heer kämpfen und von ihm besiegt werden, wie wir in Off 19,11-18 erfahren.

Er tritt die Kelter, voll vom Wein des grimmigen Zornes Gottes.

Off 19,11 Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit. 19,12 Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Kronen; und er trug einen Namen geschrieben, den niemand kannte als er selbst. 19,13 Und er war angetan mit einem Gewand, das mit Blut getränkt war, und sein Name ist: Das Wort Gottes.

19,14 Und ihm folgte das Heer des Himmels auf weißen Pferden, angetan mit weißem, reinem Leinen.

19,15 Und aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, dass er damit die Völker schlage; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter, voll vom Wein des grimmigen Zornes Gottes, des Allmächtigen, 19,16 und trägt einen Namen geschrieben auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte: König aller Könige und Herr aller Herren.

19,17 Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen, und er rief mit großer Stimme allen Vögeln zu, die hoch am Himmel fliegen: Kommt, versammelt euch zu dem großen Mahl Gottes 19,18 und esst das Fleisch der Könige und der Hauptleute und das Fleisch der Starken und der Pferde und derer, die darauf sitzen, und das Fleisch aller Freien und Sklaven, der Kleinen und der Großen! Off 19,11-18;

Scharen von Menschen im Tal der Entscheidung; denn des HERRN Tag ist nahe.

Joel 4,14 Es werden Scharen über Scharen von Menschen sein im Tal der Entscheidung; denn des HERRN Tag ist nahe im Tal der Entscheidung. 4,15 Sonne und Mond werden sich verfinstern, und die Sterne halten ihren Schein zurück. 4,16 Und der HERR wird aus Zion brüllen und aus Jerusalem seine Stimme hören lassen, dass Himmel und Erde erbeben werden. Aber seinem Volk wird der HERR eine Zuflucht sein und eine Burg den Israeliten.

4,17 Und ihr sollt es erfahren, dass ich, der HERR, euer Gott, zu Zion auf meinem heiligen Berge wohne. Dann wird Jerusalem heilig sein, und kein Fremder wird mehr hindurchziehen. 4,18 Zur selben Zeit werden die Berge von süßem Wein triefen und die Hügel von Milch fließen, und alle Bäche in Juda werden voll Wasser sein. Und es wird eine Quelle ausgehen vom Hause des HERRN, die wird das Tal Schittim bewässern.

4,19 Aber Ägypten soll wüst werden und Edom eine Einöde um des Frevels willen an den Leuten von Juda, weil sie unschuldiges Blut in ihrem Lande vergossen haben.

4,20 Aber Juda soll für immer bewohnt werden und Jerusalem für und für. 4,21 Und ich will ihr Blut nicht ungesühnt lassen. Und der HERR wird wohnen zu Zion. Joel 4,14-21;


Wir erkennen auch aus der Aussage in Joel 4,14: „Der Tag des Herrn ist nahe im Tal der Entscheidung”, dass es sich hier um die Schlacht von Harmagedon handelt.

(Siehe auch Kapitel 07: „Die Schlacht von Harmagedon”.)

In Vers 15 haben wir mit der Aussage: „Sonne und Mond werden sich verfinstern, und die Sterne halten ihren Schein zurück” den Hinweis auf die große Finsternis zu Beginn des Tag des Herrn.

(Siehe auch Kapitel 04: „Die große Finsternis”.)

Und Vers 16 schildert uns dann das Erscheinen des Herrn, welchem dann das Strafgericht, die Umgestaltung von Himmel und Erde mit weltweiten Erdbebenkatastrophen als Vorbereitung auf das Millennium folgen wird, wo „der HERR aus Zion brüllen und aus Jerusalem seine Stimme hören lassen wird, dass Himmel und Erde erbeben werden. Aber seinem Volk wird der HERR eine Zuflucht sein und eine Burg den Israeliten.”

(Siehe auch Kapitel 05: „Der Tag des Herrn”.)

(Siehe auch Kapitel 08: „Die Umgestaltung von Himmel und Erde”.)

Und schließlich finden wir ab Vers 17 bis Vers 20 eine ganz eindeutige Beschreibung des Millenniums, welches wiederum auf dieses Strafgericht am Tag des Herrn folgen wird.

(Siehe auch Kapitel 10: „Das Millennium”.)

Wir haben also hier eine genaue Beschreibung aller Ereignisse, welche auf die Schlacht von Harmagedon folgen werden. Die Schlacht von Harmagedon ist aber nun ein, in der Exegese relativ gut dokumentiertes Ereignis der Zeit vor dem Millennium, und hat mit einem „Völkergericht” über Gute und Böse nicht das Geringste zu tun.