Exkurs 09 - Das Paradies.




Der Garten Eden.

Das Totenreich.

Die Auswirkungen von Golgatha.

Wer ist der „Nächste”?


Der Garten Eden.

Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin.

1Mo 2,5 Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; 2,6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.

2,7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. 2,8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 2,9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. 1Mo 2, 5- 9;


Mit der Bezeichnung „Paradies” – einem iranischen Lehnwort, das wörtlich „Umzäunung” heißt - wurde in der LXX fälschlicherweise das hebr. „Gottesgarten” in der Schöpfungsgeschichte von 1Mo 2 übersetzt (LXX= Septuaginta: die älteste Übersetzung des AT ins Griechische, der Sprache der damaligen hellenistischen Welt, etwa 3./2. Jh. v. Chr.). Seitdem ist „Paradies” im griechischen Judentum ein religiöser Begriff. Im Gegensatz dazu kennt das hebräische Judentum diesen Ausdruck nicht. Er kommt auch im gesamten hebr. AT nicht vor, sondern nur die urtextliche Bezeichnung „Garten Eden” oder „Gottesgarten”.

Der Name, welcher im AT für diesen Landstrich - denn ein solcher ist es gewesen - steht, ist „Eden”. In diesem Lande Eden, und zwar im Osten dieses Landes, hat Gott einen wunderschönen, blühenden Garten geschaffen und den Menschen dort hineingebracht. Durch die Übersetzung in der LXX hat die Bezeichnung „Paradies” die Jahrhunderte überdauert und ist bis heute ein Synonym für den Garten Eden, in welchem Adam und Eva unmittelbar nach ihrer Erschaffung lebten. Nun würde dieses Missverständnis so schlimm nicht sein, wäre da nicht ein Ort, welcher tatsächlich - diesmal aber im NT - mit dem Namen „Paradies” bezeichnet würde.

Ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Lk 23,42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 23,43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Lk 23,42-43;

Paulus wurde entrückt in das Paradies.

2Kor 12,3 Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, 12,4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 2Kor 12, 3- 4;

Der Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.

Off 2,7 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist. Off 2, 7;


Dieser letzte Text oben, aus Off 2,7 dürfte es auch sein, welcher immer wieder die irrige Meinung aufkommen lässt, der „Garten Eden” sei identisch mit diesem „Paradies Gottes”. In beiden Texten - 2Mo 2,9 und Off 2,7 - ist vom „Baum des Lebens” die Rede. Nur sind wir in 2Mo 2,9 auf der Erde, im Lande Eden, in einem Garten im Osten dieses Landes, während die ntl. Stellen ganz eindeutig einen nicht irdischen Ort beschreiben.

Deshalb sind auch die Bäume des Lebens in diesen Texten nicht als unbedingt identisch anzusehen. Wir haben im himmlischen Jerusalem, in der Neuen Schöpfung – Off 22,1-2 – ganze Reihen von solchen Bäumen des Lebens, auf beiden Seiten des Stromes mit lebendigem Wasser.

Mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens.

Off 22,1 Und er zeigte mir einen Strom lebendigen Wassers, klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes; 22,2 mitten auf dem Platz und auf beiden Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die tragen zwölfmal Früchte, jeden Monat bringen sie ihre Frucht, und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker. Off 22, 1- 2;

Off 22,12 Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben, wie seine Werke sind. 22,13 Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. 22,14 Selig sind, die ihre Kleider waschen, dass sie teilhaben an dem Baum des Lebens und zu den Toren hineingehen in die Stadt. 22,15 Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Mörder und die Götzendiener und alle, die die Lüge lieben und tun. Off 22,12-15;

(Siehe auch Kapitel 14: „Die Neue Schöpfung”.)

Der „Baum des Lebens” wird also im Zusammenhang mit folgenden Örtlichkeiten erwähnt:

-  Im Garten Eden – ein Garten im Osten von Eden, auf dieser Erde der ersten Schöpfung (1Mo 2,8).

-  Im Paradies Gottes – ein Ort im Himmel, an dem sich die „Überwinder” aufhalten (Off 2,7).

-  Im neuen Jerusalem – der heiligen Stadt, die vom Himmel herabkommt in der Neuen Schöpfung (Off 22,2.14).


Aufgrund der Aussage von Off 2,7: „Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist” könnte man annehmen, dass es sich hier – wie in Off 22,2.14 - um das himmlische Jerusalem handelt. Doch trifft die Bezeichnung „überwindet” eher auf die „Überwinder” zu, welche bei der Auferweckung und Entrückung vor dem Millennium auferstehen werden. Auch wird in den Kapiteln 21 und 22 der Offenbarung, wo dieses himmlische Jerusalem sehr genau beschrieben wird, kein einziges Mal die Bezeichnung „Paradies" verwendet. Und damit scheint das „Paradies Gottes” aus Off 2,7 mit dem himmlischen Jerusalem nicht identisch, aber doch ein eigenständiger Ort in der Dimension Gottes zu sein.

(Siehe auch das Kapitel 14: „Die Neue Schöpfung - Das neue, himmlische Jerusalem”.)

(Siehe auch die Tabelle 12: „Das irdische und das himmlische Jerusalem”.)

Wir können daher für die folgende Analyse sowohl „Garten Eden” als auch „himmlisches Jerusalem” außer Betracht lassen und mit jenen Schriftstellen weiterarbeiten, welche sich direkt auf das „Paradies” beziehen.

Das Totenreich.

Die Scheol im Alten Testament.

Im Text oben, in Lk 23,43, sagt der Herr dem Schächer: „Heute - (also nach seinem und des Schächers Tod) - wirst du mit mir im Paradies sein”. Diese Aussage lässt die Vermutung zu, dass das Paradies etwas mit dem Totenreich zu tun hat, und wir wollen uns daher kurz über die Aussagen der Schrift in diesem Zusammenhang informieren.

In der Heiligen Schrift haben wir zwei unterschiedliche Ausprägungen der Unterwelt. Einerseits den Ort der ewigen Verdammnis, den endgültigen Strafort, welcher in Off 19,20 und 20,14-15 mit „Feuersee” bezeichnet wird. Der Vorgang, welcher die Gottlosen nach ihrer Auferstehung und ihrer Verurteilung im Letzten Gericht in diese ewige Verdammnis, in den „Feuersee” bringt, wird in Off 20,14 „zweiter Tod” genannt. Statt der Bezeichnung „Feuersee” finden wir im NT auch die Ausdrücke „Feuer” (Jh 15,6; 1Kor 3,15; 2Ptr 3,7), „unauslöschliches Feuer” (Mt 3,12; Mk 9,43.48; Lk 3,17), ewiges Feuer (Mt 18,8;25,41), „Verderben” (2Ptr 3,7) und „ewiges Verderben” (2The 1,9).

Und dann gibt es jenen Bereich, welcher uns in diesem Zusammenhang hier besonders interessiert: das Totenreich. Das ist der zeitlich beschränkte Aufenthaltsort der Menschen zwischen ihrem Tod und ihrer Auferstehung. Die im AT verwendete hebr. Bezeichnung dafür ist „Scheol”, während wir im NT den grie. Ausdruck „Hades” vorfinden. Luther hat beide Begriffe mit „Hölle” übersetzt.

Wenn wir nun die atl. Scheol betrachten, so wird sie im wesentlichen als ein Ort des Dunkels und des Schweigens in den Tiefen der Erde dargestellt (Hiob 7,9; 21,13; 33,24; Jes 14,15; Hes 32,18). Es gibt dort „weder Tun, noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit” (Pred 9,10). Die Gottlosen verstummen in der Scheol (Ps 31,18) und es finden sich dort sowohl Gottlose (Ps 9,18; Hiob 24,19) als auch Gerechte (Jes 38,10).

Es gibt weder Tun noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit im Scheol.

Pred 9,10 Alles, was deine Hand zu tun findet, das tue in deiner Kraft! Denn es gibt weder Tun noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit im Scheol, in den du gehst. Pred 9,10;

In Ruhe sinken sie in den Scheol hinab und doch sagen sie zu Gott: Weiche von uns!

Hiob 21,13 Im Glück genießen sie ihre Tage, und in Ruhe sinken sie in den Scheol hinab. 21,14 Und doch sagen sie zu Gott: Weiche von uns! Und an der Erkenntnis deiner Wege haben wir kein Gefallen. Hiob 21,13-14;

Mögen zuschanden werden die Gottlosen, verstummen im Scheol!

Ps 31,18 HERR, lass mich nicht zuschanden werden, denn ich habe dich angerufen; mögen zuschanden werden die Gottlosen, verstummen im Scheol! Ps 31,18;

Die Gottlosen und alle Nationen, die Gott vergessen sind im Scheol.

Ps 9,18 Mögen zum Scheol sich wenden die Gottlosen, alle Nationen, die Gott vergessen. Ps 9,18;.

Der Scheol rafft alle hinweg, die gesündigt haben.

Hiob 24,19 Dürre und Hitze raffen Schneewasser weg; so der Scheol alle, die gesündigt haben. Hiob 24,19;

Ich werde Menschen nicht mehr erblicken bei den Bewohnern des Totenreiches.

Jes 38,10 Ich sagte: In der Mitte meiner Tage soll ich hingehen zu den Pforten des Scheols. Ich bin beraubt des Restes meiner Jahre. 38,11 Ich sagte: Ich werde Jah nicht sehen, Jah im Land der Lebendigen, auch nicht Menschen mehr erblicken bei den Bewohnern des Totenreiches. Jes 38,10-11;

Der Hades im Neuen Testament.

Doch auch der ntl. Hades befindet sich in den Tiefen der Erde, wie Mt 11,23 bzw. Lk 10,15 bestätigt.

Bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden.

Mt 11,23 Und du, Kapernaum, meinst du, du werdest etwa bis zum Himmel erhöht werden? Bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag. Mt 11,23;


Im Unterschied zur atl. Scheol erscheint aber das Totenreich im NT nicht mehr als ein Ort der Untätigkeit. Auch sind Gerechte und Ungerechte nicht mehr vereint. Wie wir dem unterem Text entnehmen können, beherbergt das Totenreich einerseits den Hades, den Ort der Qual, an dem die Gottlosen und Ungerechten Pein leiden und andererseits „Abrahams Schoß”, an dem der arme Lazarus getröstet wird.

Der reiche Mann und der arme Lazarus.

Lk 16,19 Es war aber ein reicher Mann, und er kleidete sich in Purpur und feine Leinwand und lebte alle Tage fröhlich und in Prunk. 16,20 Ein Armer aber, mit Namen Lazarus, lag an dessen Tor, voller Geschwüre, 16,21 und er begehrte, sich mit den Abfällen vom Tisch des Reichen zu sättigen; aber auch die Hunde kamen und leckten seine Geschwüre. 16,22 Es geschah aber, dass der Arme starb und von den Engeln in Abrahams Schoß getragen wurde. Es starb aber auch der Reiche und wurde begraben.

16,23 Und als er im Hades seine Augen aufschlug und in Qualen war, sieht er Abraham von weitem und Lazarus in seinem Schoß. 16,24 Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge kühle! Denn ich leide Pein in dieser Flamme.

16,25 Abraham aber sprach: Kind, gedenke, dass du dein Gutes völlig empfangen hast in deinem Leben und Lazarus ebenso das Böse; jetzt aber wird er hier getröstet, du aber leidest Pein. 16,26 Und zu diesem allen ist zwischen uns und euch eine große Kluft festgelegt, damit die, welche von hier zu euch hinübergehen wollen, es nicht können, noch die, welche von dort zu uns herüberkommen wollen.

16,27 Er sprach aber: Ich bitte dich nun, Vater, dass du ihn in das Haus meines Vaters sendest, 16,28 denn ich habe fünf Brüder, dass er ihnen eindringlich Zeugnis ablege, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen! 16,29 Abraham aber spricht: Sie haben Mose und die Propheten. Mögen sie die hören! 16,30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen geht, so werden sie Buße tun.

16,31 Er sprach aber zu ihm: Wenn sie Mose und die Propheten nicht hören, so werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn jemand aus den Toten aufersteht. Lk 16,19-31;


Und hier drängt sich erstmals der Verdacht auf, dass sich zwischen AT und NT im Zusammenhang mit dem Totenreich etwas geändert haben muss.

Nun wird das obige Gleichnis vom armen Lazarus oft in Frage gestellt und sein Realitätsbezug geleugnet. Es wird der Einwand vorgebracht, dass dieses Gleichnis zur Gänze frei erfunden und daher für eine weiterführende Interpretation ungeeignet sei. Wenn wir uns aber die Gleichnisse des Herrn ansehen, so sind wohl immer die handelnden Personen fiktiv, die Lebensumstände hingegen, in welchen sie agieren, sind durchaus realitätsbezogen.

Ob das nun das Gleichnis vom Sämann ist, wo die Vögel, der felsige Boden, der gute Boden und die Dornen genauso der Realität entsprechen, wie jene Dinge, welche sie bewirken: die Vögel fressen den Samen, der felsige Boden lässt ihn zu früh aufgehen, die Dornen decken das wachsende Getreide ab und nur der gute Boden bringt seine Frucht hervor.

(Siehe auch den Exkurs 01: „Das Gleichnis vom Sämann”.)

Aber auch die Gleichnisse vom Feigenbaum, vom Unkraut unter dem Weizen, vom Schatz im Acker, ebenso wie alle anderen Gleichnisse des Herrn, sie alle beweisen, dass die Inhalte auf der ersten, der realen Ebene, durchaus wirklichkeitsnah und keinesfalls irgendwelche abstrakten Konstrukte sind.

(Siehe auch den Exkurs 01: „Die Auslegung der prophetischen Schriften”.)

Daher können wir auch hier, bei diesem Gleichnis, davon ausgehen, dass der arme Lazarus und der reiche Mann zwar nicht tatsächlich existiert haben, alle anderen Aussagen jedoch, wie der Hades, Vater Abraham und „Abrahams Schoß”, als Gegebenheiten der jenseitigen Welt zu sehen sind.

Ein weiteres Argument, welches im Zusammenhang mit diesem Gleichnis vorgebracht wird, ist die Ansicht, dass hier nicht das Totenreich, sondern vielmehr schon die Allgemeine Auferstehung und mit dem „Schoß Abrahams” das Neue Jerusalem, also die Ewigkeit gemeint ist.

Doch dies lässt sich am Kontext recht eindeutig widerlegen. In Lk 16,27-28 heißt es: „Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual”. Wenn diese Geschichte am Ende der Welt, nach dem Weltgericht handeln würde, würde es diesen Himmel und diese Erde nicht mehr geben und die fünf Brüder des Reichen könnten daher auch nicht mehr auf Erden sein. Daher kann dieses Gleichnis auch nicht eine Folge des Weltgerichts sein, sondern stellt ein Ereignis unmittelbar nach dem Tod bzw. Begräbnis der beiden Gleichnisfiguren dar.

Aufgrund der Aussagen von Mt 11,23 und Lk 16,23 kann der Aufenthaltsort der gottlosen Juden und Heiden zwischen Tod und Allgemeiner Auferstehung als ein gemeinsamer vermutet werden. Ebenso wie es von dem Reichen in Lk 16,23-24 heißt, dass er im Hades war und „Pein in diesen Flammen” litt, werden die Gottlosen der ganzen Welt nach ihrem Tod, an diesem Ort der Qual, Pein leiden.

Das Paradies.

In ähnlicher Weise versucht man auch die Verheißung des Herrn an den Schächer am Kreuz an das Ende der Welt zu verlegen.

Ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Lk 23,39 Einer der gehenkten Übeltäter aber lästerte ihn: Bist du nicht der Christus? Rette dich selbst und uns! 23,40 Der andere aber antwortete und wies ihn zurecht und sprach: Auch du fürchtest Gott nicht, da du in demselben Gericht bist? 23,41 Und wir zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan. 23,42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 23,43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Lk 23,39-43;


Es geht bei dieser Streitfrage im Prinzip darum, wo man den Doppelpunkt - der ja im griechischen Text eine Einfügung ist - setzen will. Übersetzt man „Ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein”, was eine Verheißung für das Ende der Welt nahe legt. Oder eher so wie es oben steht „ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein”, was eine unmittelbare Erfüllung impliziert.

Es ist nun relativ interessant festzustellen, dass beide Auffassungen in der vordergründigen Interpretation wohl unterschiedlich sind, allerdings von Hintergrund her auf derselben falschen Prämisse aufsetzen. Denn die Diskussion geht ja darum, ob der Schächer noch am selben Tag mit dem Herrn im Paradies ist oder erst in späterer Zeit, bei der Auferweckung der Toten. Indem man nun in beiden Fällen das Paradies mit dem Himmel gleichsetzt, folgert man in der ersten Auslegungsrichtung, dass die gerechten Toten nach ihrem Tod nicht in das Totenreich, sondern sofort in den Himmel kommen und beim Herrn sein werden. Im zweiten Fall würden die gerechten Toten im Totenreich bis zu ihrer Auferweckung ruhen und erst dann auferstehen.

Was aber beide Auslegungsrichtungen überhaupt nicht berücksichtigen, ist die Interpretation des „Paradieses”. Man geht automatisch davon aus, dass es sich dabei um den Himmel handelt, an welchen die gerechten Toten - entweder noch am Tag ihres Todes oder erst am Ende der Welt - gelangen.

Nun mag es schon sein, dass hier die Aussage aus Off 2,7 mit hineinspielt. Dort heißt es ja: „Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist”. Und wie eingangs ausgeführt, verleiten sowohl die Bezeichnung „Paradies”, als auch der Umstand, dass dort der „Baum des Lebens” ist dazu, hier den Himmel zu sehen.

Wenn wir uns aber diese beiden Texte ansehen – Off 2,7 und Lk 23,43 – so erkennen wir, dass beide Prophezeiungen vom Herrn kommen. Einmal in seiner Offenbarung an den Johannes, das andere Mal zu dem Schächer am Kreuz. Nicht zuletzt aus diesem Grund kann an der Richtigkeit dieser Aussagen nicht gezweifelt werden. Allerdings erwähnt der Herr in keinem der beiden Texte explizit, dass sich dieses Paradies im Himmel befindet.

Die Aussage in der Offenbarung ist dem Sendschreiben an den Engel der Gemeinde in Ephesus entnommen und bezieht sich auf die Überwinder in den Gemeinden. Es sind also die Gläubigen in Christus, welche hier angesprochen werden. Und genau von diesen Gläubigen in Christus sagt uns Paulus in 1The 4,16-17, dass sie - nachdem sie gestorben sind - bei der Wiederkunft des Herrn von den Toten auferweckt und mit den Lebenden zum Herrn in den Himmel entrückt werden. Wenn also das Paradies im Himmel wäre, würden sie ja schon seit ihrem Tod dort sein und bräuchten hier nicht mehr entrückt zu werden.

Zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen.

1The 4,16 Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. 4,17 Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit. 1The 4,16-17;


Und die Verheißung an den Schächer ist eigentlich erst recht der Beweis dafür, dass mit dem Paradies nicht der Himmel gemeint sein kann. Denn wir haben in der Schrift die mehrfache Bestätigung dafür, dass der Herr unmittelbar nach seinem Tod nicht in den Himmel hinauf, sondern ins Totenreich hinabgefahren ist.

Der Menschensohn war drei Tage und Nächte im Schoß der Erde.

Mt 12,38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. 12,39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona.

12,40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. Mt 12,38-40;

Er ist auch hinabgefahren in die Tiefen der Erde.

Eph 4,8 Darum heißt es (Psalm 68,19): »Er ist aufgefahren zur Höhe und hat Gefangene mit sich geführt und hat den Menschen Gaben gegeben.« 4,9 Dass er aber aufgefahren ist, was heißt das anderes, als dass er auch hinabgefahren ist in die Tiefen der Erde? 4,10 Der hinabgefahren ist, das ist derselbe, der aufgefahren ist über alle Himmel, damit er alles erfülle. Eph 4, 8-10;

Den Toten wurde das Evangelium verkündigt.

1Ptr 4,6 Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist. 1Ptr 4, 6;


Wir haben hier also nicht nur die dezidierte Aussage, dass der Herr nach seinem Tod in die Tiefen der Erde, ins Totenreich hinabgefahren ist, sondern auch die Erklärung dafür, was er in dieser Zeit im Totenreich gemacht hat: Wie auch zu seinen Lebzeiten den Lebenden, hat er nun, als Toter, den Toten im Totenreich das Evangelium verkündigt.

Er wird auferstehen von den Toten am dritten Tage.

Lk 24,45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, so dass sie die Schrift verstanden, 24,46 und sprach zu ihnen: So steht es geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; Lk 24,45-46;


Schließlich haben wir aber auch die wiederholten Aussagen im NT, dass Christus von „den Toten auferstanden” ist. Was heißt das anders, als dass er zuvor im Totenreich, eben bei diesen Toten war?

Und hier schließt sich nun die Argumentationskette: Wenn der Herr unmittelbar nach seinem Tod, also an jenem Tag, welchen er dem Schächer gegenüber als „Heute” bezeichnete, in die Tiefen der Erde, ins Totenreich hinabgefahren und erst am dritten Tage von den Toten auferstanden ist, so ist auch der Schächer – gemäß der Verheißung des Herrn – am Tag seines Todes mit ihm dorthin gekommen. Infolgedessen kann dieser Ort nicht im Himmel sein, sondern es kann sich dabei nur um den Aufenthaltsort der Toten, also um das Totenreich handeln.

Eine weitere Bestätigung dafür, dass das Paradies nicht im Himmel ist, gibt uns Paulus hier unten in 2Kor 12,1-4.

Die Offenbarungen des Paulus.

2Kor 12,1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. 12,2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 12,3 Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, 12,4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 2Kor 12, 1- 4;


Er berichtet uns von zwei Offenbarungen des Herrn, die ihm zuteil wurden. Bei einer Gelegenheit - vor vierzehn Jahren wie er den Korinthern hier schreibt – wurde er bis in den dritten Himmel entrückt, bei einer anderen in das Paradies. Wenn wir auch die weiteren Inhalte dieser Offenbarungen nicht kennen, so erkennen wir doch, dass es zumindest drei Himmel gibt und verstehen nun auch die oftmalige Erwähnung der „Himmel” (Plural) im AT und NT (zu. B. 5Mo 33,26; Ps 11,4. 89,3; 115,3; Neh 9,6; Lk 10,20; 12,33; 21,26; 2Ptr 3,7-10-12; etc.).

Aufgrund der separaten Erwähnung kann man schließen, dass seine Entrückung in das Paradies ein anderes Ereignis war, als jenes der Entrückung in den dritten Himmel. Wir erfahren, dass im Paradies „unaussprechliche Worte” gesprochen werden, „die kein Mensch sagen kann”. Und schließlich ist zu erkennen, dass das Paradies nicht im Himmel, speziell nicht im dritten Himmel zu lokalisieren ist, sondern dass Paulus hier, in seiner Rechtfertigung an die Korinther - die ihm sichtlich vorgeworfen haben, dass er nicht so wie andere, „Offenbarungen” vorzuweisen hätte - darauf hinweisen wollte, dass er sowohl oben im Himmel, als auch in den Tiefen der Erde gewesen ist und damit diesen Leuten in nichts nachstehe.

Dass die Himmel und das Paradies getrennte Bereiche der anderen Dimension sind bestätigt auch die eingangs durchgeführte Analyse von Lk 23,43. Auch dort ist der Herr nach seinem Tod keinesfalls in den Himmel aufgefahren. Er ist vielmehr ins Totenreich hinabgefahren und erst nach drei Tagen in den Himmel entrückt worden. Wenn er also zum Schächer gesagt hat: „Heute wirst du mit mir im Paradies sei”, konnte er damit nur das Totenreich meinen und keinesfalls - wie manche meinen - den Himmel.

Das Paradies scheint also jener Teil des Totenreichs zu sein, in welchem sich die Gläubigen in Christus in der Zwischenzeit zwischen Tod und Auferweckung aufhalten. Und um auf die Aussage des Paulus oben, in 2Kor 12,1-4 zurückzukommen, lässt sich nun daraus schließen, dass er bei den erwähnten zwei Entrückungen das erste Mal im dritten Himmel, das zweite Mal jedoch im Paradies des Totenreichs war.

Im selben Brief - dem zweiten an die Korinther - spricht Paulus auch von seinem eigenen Sterben.

Wir haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.

2Kor 5,1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. 5,2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, 5,3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden.

5,4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. 5,5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. 5,6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; 5,7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. 5,8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. 5,9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.

5,10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse. 2Kor 5, 1-10;


Paulus schenkt uns nun hier eine weitere Erkenntnis. Er spricht von sich und von seinem Hinscheiden und er gibt seiner Gewissheit Ausdruck, wenn sein irdisches Haus, seine Hütte, abgebrochen wird, wenn also sein biologischer Körper stirbt, hat er im Himmel einen Bau, ein Haus, also einen neuen, geistgewirkten Körper (einen Bau, von Gott erbaut), dessen Existenz ewig ist.

(Siehe auch den Exkurs 07: „Der Auferstehungsleib”.)

Wichtig ist in unserem Zusammenhang die Aussage, dass dieses im  H i m m e l  sein wird. Paulus spricht also hier nicht von seinem Zwischenaufenthalt im Totenreich, im Paradies, sondern schon von seiner späteren, endgültigen Existenz im Himmel, mit dem Geistleib, welchen er nach seiner Auferweckung erhalten wird. Mit diesem Geistleib, - der „Behausung die vom Himmel ist” - werden ja auch die Gläubigen bei der Auferweckung aus den Toten und Entrückung „überkleidet”, wenn sie zum Herrn in den Himmel entrückt werden.

Und so bringt Paulus auch seinen Wunsch und seine Hoffnung zum Ausdruck, „lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet” zu werden. Das ist einmal ein Hinweis darauf, dass Paulus die Wiederkehr des Herrn und damit seine und der Auserwählten Entrückung noch zu seinen Lebzeiten erhofft hat. Er wollte lieber nicht „entkleidet” werden - also mit seinem irdischen Körper sterben und im Paradies auf die Auferweckung warten - sondern lieber gleich „überkleidet” werden, nämlich bei der Wiederkunft des Herrn und der Entrückung der Auserwählten, mit ihnen lebendig zum Herrn in den Himmel auffahren, wobei ihr irdischer Körper in einen himmlischen Körper verwandelt werden wird.

Es ist dies aber auch ein klarer Hinweis darauf, dass Paulus sehr wohl wusste, dass er – sollte er die Wiederkunft des Herrn und damit seine eigene „Überkleidung” bei der Entrückung nicht erleben - bei seinem Tod „entkleidet” werden würde und eben nicht in den Himmel kommen, sondern im Paradies des Totenreichs auf die Auferweckung warten würde.

(Siehe auch Kapitel 06: „Die Wiederkunft des Herrn”.)

Schließlich erfahren wir aber auch in Vers 2Kor 5,8, dass der Unterschied für die Gläubigen zwischen dem vorübergehenden Aufenthalt im Paradies und der endgültigen, ewigen Existenz im Himmel zwar rein äußerlich ein gewaltiger, jedoch in Bezug auf das Gefühl der Geborgenheit jedes einzelnen Gläubigen durchaus vergleichbar ist. Denn wenn Paulus hier schreibt, er hat „vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn”, so erkennen wir: ob im Paradies des Totenreichs oder in der Ewigkeit, an beiden Orten sind wir „daheim beim Herrn”.

Und diesen Wunsch, bei Christus zu sein, erwähnt Paulus auch in seinem Brief an die Philipper:

Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein.

Phil 1,21 Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn. 1,22 Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. 1,23 Denn es setzt mir beides hart zu: ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; 1,24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben, um euretwillen. Phil 1,21-24;


Wir können daher hier abschließend feststellen, dass das vom Herrn in Lk 23,43 und von Paulus in 2Kor 12,4 so bezeichnete „Paradies” nichts anderes ist als jener Bereich des Totenreichs, an welchem sich die Gläubigen in Christus bis zu ihrer Auferweckung aufhalten. Die atl. Gerechten sind nach Lk 16,19-31 im „Schoß Abrahams” während alle Gottlosen und Ungerechten – auch jene aus der atl. Scheol - im Hades, dem Ort der Qual, Pein leiden müssen.

Die Auswirkungen von Golgatha.

Spätestens hier stellt sich nun aber die Frage, wie denn diese völlig unterschiedliche Beschreibung des Totenreichs in der Schrift - die Scheol im AT mit Schweigen und Untätigkeit einerseits und andererseits im NT Hades und Paradies mit Kommunikation, Pein für die Ungerechten und Tröstungen für die Gerechten - zu erklären ist.

Den Schlüsselvers dazu finden wir in Off 1,17-18:

Ich habe die Schlüssel des Todes und des Hades.

Off 1,17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot. Und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte 1,18 und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades Off 1,17-18;


Es ist der Herr Jesus, der dem Johannes erklärt, dass er tot war und lebendig ist und die Schlüssel des Todes und des Hades hat. Und wir erkennen hier, dass Golgatha nicht nur Auswirkungen im Himmel und auf Erden, sondern auch in den Tiefen der Erde, im Totenreich zeitigte.

Wir haben oben, in Eph 4,8-10 und 1Ptr 4,6 gesehen, dass der Herr den Toten im Scheol, die ja nicht ohne Bewusstsein waren (Jes 14,9-10), das Evangelium gepredigt hat, ähnlich wie er es auch zu seinen Lebzeiten auf Erden tat. Dies war insofern erforderlich, als ja alle bis dahin verstorbenen Menschen die Frohe Botschaft von der Rettung aus Gnade nie gehört hatten und daher auch keine Möglichkeit hatten, sich in ihrem Leben für oder gegen Gott und Jesus Christus zu entscheiden.

Diese Predigt, deren Verbreitung man sich nicht akustisch (nur 3 Tage für Hunderte Millionen von Toten!) sondern eher geistig und daher auch gleichzeitig an alle Hörer vorzustellen hat, hat sicherlich auch unter den Toten zu geteiltem Echo geführt. Die Gerechten, welche ja bis zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit den Ungerechten und Gottlosen in der Scheol weilten, haben diese Worte wahrscheinlich mit Freuden aufgenommen und den Herrn gepriesen. Aber auch unter den anderen sind – wie es ja auch bei den Lebenden war – gewiss viele zum Glauben an den Herrn gekommen.

Doch im Unterschied zu den Lebenden, welchen Gott bis zur letzten Sekunde ihres Lebens (siehe den Schächer am Kreuz!) die Chance einräumt, sich zu bekehren und so gerettet zu werden, haben diese Toten hier, in der Scheol, bei der Verkündigung des Evangeliums durch den Herrn, nur mehr diese eine und damit letzte Chance. Und nachdem für alle diese Toten diese letzte Entscheidung – Rettung oder Verdammnis – bei dieser Gelegenheit gefallen ist, könnte für sie schon zu diesem Zeitpunkt ihre ewige und endgültige Bestimmung ihren Lauf nehmen. Allerdings sind im Plan Gottes noch Tausende von Jahren zwischen Golgatha und der Ewigkeit vorgesehen. Eine Zeit in der noch Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen zum Glauben an den einen und einzigen Gott und seinen Sohn Jesus Christus kommen sollen.

Es ist dies eine vergleichbare Situation, wie wir sie später, bei der Wiederkunft des Herrn auch vorfinden. Auch hier könnte theoretisch die Ewigkeit bereits beginnen, nachdem alle Heiden besiegt worden sind und erkannt haben, dass es einen Gott gibt. Doch Gott hat auch hier noch zuvor das Tausendjährige Friedensreich des Herrn Jesus als Lohn oder Strafe für die Menschen, und als Vorerfüllung der Endverheißung vorgesehen.

(Siehe auch Kapitel 10: „Das Millennium”.)

Und ähnlich scheint es auch mit den Toten nach Golgatha zu sein. Die Ewigkeit ist zwar noch nicht angebrochen, aber alle Toten sollen – gemäß ihrer nunmehr getroffenen Entscheidung - den verheißenen Lohn oder auch die verheißene Strafe als Vorerfüllung ihrer endgültigen Bestimmung erhalten. Und so öffnet der Herr das Totenreich, wie wir oben, in Off 1,18 lesen, und führt die Gläubigen in das Paradies Gottes, wo sie bis zu ihrer Auferstehung leben und vom Baum des Lebens essen werden. Dies könnte auch Paulus in seinem Brief an die Epheser gemeint haben, wenn er oben, in Eph 4,8, schreibt: „Er ist aufgefahren zur Höhe und hat Gefangene mit sich geführt und hat den Menschen Gaben gegeben”.

Und so finden wir den Schächer vom Kreuz - wahrscheinlich als ersten Menschen überhaupt - im Paradies, während der arme Lazarus im „Schoß Abrahams” - dem Aufenthaltsort der atl. Gerechten – getröstet wird. Der reiche Mann aus Lk 16,19-31 hingegen befindet sich – wie alle Gottlosen und Ungerechten – im Hades, wo er im Feuer Qualen und Pein leidet.

Ebenso wie das Millennium noch nicht die Ewigkeit sein wird, ist auch der Hades noch nicht der Feuersee und das Paradies Gottes noch nicht das himmlische Jerusalem. Dennoch sind alle drei ein Vorgeschmack dessen, was jene Menschen, welche darin leben, in Zukunft erwartet.

Glaube und Gnade statt Gerechtigkeit und Verdienst.

In den beiden obigen Schriftstellen lässt sich aber noch ein weiterer Aspekt erkennen. Es ist der Unterschied zwischen der Heilserwartung der Juden und jener der Christen.

Im Gleichnis vom armen Lazarus spricht der Herr davon, dass dieser nach seinem Tod von den Engeln in „Abrahams Schoß” getragen wurde. Für die mosaischgläubigen Juden der damaligen, wie übrigens auch der heutigen Zeit, die sich als „Kinder Abrahams” verstehen, ist dies die Erfüllung ihrer Träume, der Lohn für ein gottgefälliges Leben. Wir erkennen hier den atl. Heilsweg und damit den Heilsweg der Juden. Durch die Ablehnung des Messias haben sie bis heute keine Vergebung der Sünden aus Gnade. Sie erwarten den Lohn für ihre guten Taten und die Strafe für ihre Sünden.

Ganz anders der ntl. Heilsweg der Christen. Wie wir oben beim Schächer gesehen haben, war dieser Mensch scheinbar bis zur letzten Stunde seines Lebens ein Verbrecher. Er hatte wahrscheinlich keine Taten vorzuweisen, welche von Gott zu belohnen gewesen wären. Sein einziges Verdienst war, dass er an Jesus Christus als den Sohn Gottes geglaubt hatte. Während rundum alle den Nazarener am Kreuz verspottet haben, war er einer der wenigen, welche an ihn geglaubt haben.

Und dass dies tatsächlich reiner Glaube gewesen ist, wird uns bewusst, wenn wir uns den Herrn am Kreuz vorstellen: voll Blut und Wunden von der Geißelung, mit einer lächerlichen Dornenkrone auf dem Haupt, die Hände und Füße durchbohrt und vom Tode gezeichnet. Hier war nichts mehr, das eine irdische Hoffnung hätte nähren können. Da war kein Anlass, von diesem Gekreuzigten noch irgendeine Hilfe zu erwarten. Und dennoch sagt der Schächer: „gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst”. Und das im Angesicht auch seines eigenen Todes.

Und obwohl der Herr am Kreuz all dem Spott und Hohn der Umstehenden kein einziges Wort entgegengesetzt hatte, öffnet sich sein Mund bei dieser Bitte seines Mitgekreuzigten: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein”.

Dieser Schächer ist also errettet. Er wird den „zweiten Tod” nicht sterben. Doch seine Errettung erfolgte nicht aufgrund von guten Taten. Er war kein Gerechter, er war ein Glaubender. Und nach jüdischer Auffassung kann er nie und nimmer in „Abrahams Schoß” gelangen.

Doch der christliche Heilsweg sieht eben anders aus. Seitdem der Sohn Gottes auf dieser Erde gelebt hat und für unsere Sünden gestorben ist, gibt es ein einziges Kriterium für unsere Rettung:

Der Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes und an sein Opfer für unsere Sünden.


Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.

Jh 3,36 Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm. Jh 3,36;


Das will aber nun nicht besagen, dass der Christ keine guten Taten vollbringen würde. Auch der Schächer - hätte er die Möglichkeit gehabt weiterzuleben - hätte ab diesem Zeitpunkt mit Sicherheit kein verbrecherisches Leben mehr geführt, sondern hätte sich gewandelt. Ähnlich wie wir es von der Maria aus Magdala kennen.

Es sind die Beweggründe, welche Juden und Christen unterscheiden. Während die Juden - und leider auch bestimmte Richtungen in der Christenheit - ihre guten Taten deshalb vollbringen, um sie auf einem „Konto” aufzulisten und am Ende ihrer Tage Gott den „Kontostand” präsentieren zu können, ist der Beweggrund des gläubigen Christen für sein Handeln die Liebe. Die Liebe zu seinem Gott und zu seinem Nächsten.

Und hier erkennen wir auch, wie diametral entgegengesetzt diese beiden Auffassungen sind. Die Juden sind gut und gerecht, weil sie die Strafe für die Sünde fürchten - ja fürchten müssen. Denn die Last ihrer Sünde kann ihnen ohne die Annahme des Opfers Christi nicht genommen werden. Sie tun das, was ihnen im „Gesetz”, also in den Geboten der Thora befohlen ist. Für sie ist Gott ein strafender Gott. Er ist ihr Herr und ihr Gott und sie sind seine Knechte und Mägde.

Die Christen sind gut und gerecht aus Liebe. Ihr größtes Gebot ist: Liebe Gott von ganzem Herzen. Und in der Liebe zu Gott sind alle seine Gebote und auch die Liebe zu den Menschen und zu seiner ganzen Schöpfung miteingeschlossen. Sie haben den Heiland, den Sohn Gottes, der für ihre Sünden gestorben ist. Für sie ist Gott ein liebender Gott. Er ist ihr Vater und sie sind seine Kinder.

Während die Christen durch die Annahme des Loskaufopfers Christi gerettet sind, sind die Juden weiterhin in ihren Sünden. Dadurch, dass sie ihren Messias nicht erkennen wollten, als er zu ihnen gekommen war, dass sie nicht „geboren” werden wollten, wie die nachfolgende Schriftstelle sagt, haben sie keinen Erlöser für ihre Sünden. Dies hat ihnen u.a. schon der Prophet Hosea vorausgesagt.

Wenn die Zeit gekommen ist, so will Ephraim den Mutterschoß nicht durchbrechen.

Hos 13,9 Israel, du bringst dich ins Unglück; denn dein Heil steht allein bei mir. 13,10 Wo ist dein König, der dir helfen kann in allen deinen Städten, und deine Richter, von denen du sagtest: Gib mir einen König und Obere? 13,11 Ich gebe dir Könige in meinem Zorn und will sie dir nehmen in meinem Grimm.

13,12 Die Schuld Ephraims ist zusammengebunden, und seine Sünde ist sicher verwahrt. 13,13 Wehen kommen, dass er geboren werden soll, aber er ist ein unverständiges Kind: Wenn die Zeit gekommen ist, so will er den Mutterschoß nicht durchbrechen. Hos 13, 9-13;


Und während die Juden den von ihnen gewählten Weg wohl oder übel zu Ende gehen müssen, sind jene Christen, welche meinen, ohne das Loskaufopfer Christi auch den „jüdischen Weg” gehen zu müssen, die Betrogenen. Sie könnten im Glauben, aus Gnade freigesprochen werden. Sie wollen aber nach dem Gesetz gerichtet werden. Es ist, wie wenn ein neugeborenes Kind wieder zurückkehren wollte in den Leib seiner Mutter. Denn der Heilsweg des Christen ist eben nicht mehr Rettung durchs Gesetz und Gehorsam aus Furcht wie bei den Juden, sondern Rettung durch Gnade und Gehorsam aus Liebe.

Liebe Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.

Mt 22,35 Und einer von ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und fragte: 22,36 Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? 22,37 Jesus aber antwortete ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). 22,38 Dies ist das höchste und größte Gebot. 22,39 Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). 22,40 In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Mt 22,35-40;


Wer ist der „Nächste”?

Nun erwähnt der Herr oben, in Mt 22,39, das „andere” Gebot, das allerdings dem ersten Gebot der Gottesliebe gleich ist: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Und hier hat es schon zu Jesu Zeiten Schwierigkeiten im Verständnis gegeben, welche der Herr mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu klären versucht hat.

Der barmherzige Samariter.

Lk 10,25 Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 10,26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 10,27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« 10,28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben.

10,29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 10,30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen.

10,31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 10,32 Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 10,33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; 10,34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 10,35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

10,36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? 10,37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen! Lk 10,25-37;


Dieses Gleichnis ist wahrscheinlich jenes, welches aufgrund oberflächlicher Betrachtungsweise in der Welt am meisten missverstanden wurde und wird. Bei diesem Missverständnis handelt es sich – um dies vorwegzunehmen – nicht um die Aufforderung barmherzig und hilfsbereit zu sein. Dies ist richtig und wichtig und geht ganz klar aus der Aussage des Herrn am Ende des Gleichnisses, in Vers Lk 10,37 hervor.

Das Missverständnis beruht vielmehr darauf, dass die Antwort auf die Frage des Schriftgelehrten falsch interpretiert wird. Und auch manche Ausleger verstricken sich im Text des Gleichnisses und beantworten mit aller Ausführlichkeit die Frage, warum Priester und Levit - im Gegensatz zu dem Samariter - den Überfallenen nicht geholfen haben, ohne der eigentlichen Frage dieses Gleichnisses: „Wer ist mein Nächster” bzw. „Wen muss ich lieben wie mich selbst” das erforderliche Augenmerk zu schenken.

Die landläufige Meinung – welche durch Sozialeinrichtungen aller Art verständlicherweise aufgegriffen und weiterverbreitet wird – ist, dass wir hier von Gott aufgefordert werden, alle Armen und Hilfsbedürftigen so zu lieben wie wir uns selbst auch lieben, und ihnen aus dieser unserer Liebe eine entsprechende Hilfe und Unterstützung zuteil werden zu lassen.

Wenn wir uns nun aber diesen Text genauer ansehen, erkennen wir eine etwas andere Aussage. Dort heißt es nämlich in der abschließenden Frage des Herrn an den Schriftgelehrten:

„Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?”

Er wird also gefragt, wer der Nächste ist – und zwar der Nächste für den, der unter die Räuber gefallen war. Dies sollte dann die Antwort auf seine Frage aus Vers Lk 10,29 sein: „Wer ist denn mein Nächster?”

Gleichzeitig ist dies aber auch die Konkretisierung der Person des „Nächsten” aus dem zweiten Gebot - nach dem Gebot der Gottesliebe - und bezeichnet für uns Christen jene Menschen, welche wir lieben sollen wie uns selbst. Und hier erkennen wir in der obigen Frage des Herrn – und der Antwort des Schriftgelehrten - einen Unterschied zur gängigen Interpretation.

Der Herr fragt, wer der Nächste geworden ist jenem Menschen, der unter die Räuber gefallen war. Und der Schriftgelehrte antwortete: „Der die Barmherzigkeit an ihm tat”. Daher ist nicht der Hilfsbedürftige der Nächste des Samariters gewesen, sondern umgekehrt, der Samariter hat sich durch seine Hilfe als der Nächste des Überfallenen erwiesen.

Daraus ergibt sich aber die Konsequenz, dass hier nicht den „Samaritern” – also den Helfern – geboten wird, die Armen und Hilfsbedürftigen „wie sich selbst zu lieben”. Sie sollen wohl barmherzig sein und ihnen helfen. Damit stellen sie ja letztendlich unter Beweis, dass auch sie diese Bedürftigen lieben. Aber es sind jene Bedürftigen, denen von ihnen geholfen worden ist, welche – nach diesem Gebot Gottes – aufgefordert werden, ihre Helfer zu lieben „wie sich selbst”.

Und hier erkennen wir auch den Unterschied zur landläufigen Auslegung. Während diese versucht – in Umkehrung des Wortsinnes – den Eindruck zu vermitteln, dass in diesem Gleichnis der Überfallene der Nächste des Samariters ist und postuliert, dass die Armen der ganzen Welt die „Nächsten” der Wohlhabenderen sind, meint der Herr hier einerseits die ganz persönliche Hilfe in unserer unmittelbaren Umgebung und gebietet andererseits jenen, denen geholfen worden ist, ihre Helfer zu lieben „wie sich selbst”.

Das Gebot der Nächstenliebe ist also nach den Worten des Herrn in diesem Gleichnis: Liebe die Menschen, welche dir geholfen haben und zeige ihnen ebenso deine Liebe wie sie dir ihre Liebe gezeigt haben, indem sie dir geholfen haben. Nächstenliebe ist daher keine Kategorie des Mitleids sondern eine solche der Dankbarkeit.

Und wie leicht erkennbar, gilt dieses Gebot nicht nur für Arme und Bedürftige. Es gilt auch für uns, die wir nicht bedürftig sind, indem auch wir allen jenen, welche uns im Leben geholfen haben - Eltern, Geschwister, Verwandte, Bekannte, Freunde und auch Fremde, welche uns in einer Notsituation beigestanden sind - persönlich dankbar sein und sie lieben sollten, wie wir uns selbst lieben. Sie alle sind unsere Nächsten.

Schließlich könnte sich noch die Frage stellen, was denn das eigentlich meinen sollte: „lieben (...) wie dich selbst”. Doch die Antwort darauf dürfte nicht wirklich schwer sein: alles, was ich mir zugestehe – von den materiellen Dingen, welche ich mir leiste, bis hin zu meinen Fehlern, die ich toleriere – das alles sollte ich auch diesen meinem Nächsten – materiell oder ideell - zugestehen. Und damit beantwortet sich gleichzeitig auch die Frage nach der Verhältnismäßigkeit: Was ich mir selbst nicht leisten kann oder will, das muss ich - nach dieser Definition - auch bei meinem Nächsten nicht akzeptieren.

Mit dem abschließenden Hinweis oben, in Lk 10,37: „So geh hin und tu desgleichen” bedeutet der Herr dem Schriftgelehrten gleichzeitig, dass seine Fragestellung eine falsche war. Nicht „Wer ist denn mein Nächster?” muss die Frage lauten, sondern „Wem soll ich sein Nächster sein?”

Wie man sieht, ist dieses Gesetz das Gebot an die Menschen, sich gegenseitig zu lieben. Einmal, indem man dem Bedürftigen hilft und sich damit als sein Nächster zu erkennen gibt, das andere Mal, wenn einem selbst geholfen wurde, indem man diesen Barmherzigen, seinen Nächsten, liebt, auch und insbesondere dafür, dass er einem geholfen hat.

Dies führt uns auch Paulus noch einmal im Römerbrief vor Augen.

So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Röm 13,9 Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13-17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« 13,10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Röm 13, 9-10;


Und hier schließt sich wieder der Kreis zum ersten Gebot, dem der Gottesliebe. Denn wenn wir den lieben, der gegen uns barmherzig ist, so ergibt sich daraus automatisch, dass wir auch den lieben werden, der vom Anbeginn barmherzig zu uns war, der uns geschaffen hat und der jeden Tag aufs Neue zu uns barmherzig ist, indem er die Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt.

Dies ist genau jener Umstand, der seit Adam und Eva von den Menschen nur wenig bedacht wird. Hätten sich die ersten Menschen bei ihrer Entscheidung Gott oder dem Teufel zu glauben, daran orientiert, wer denn eigentlich ihr „Nächster” ist, wer sie selbst erschaffen und alles was um sie herum war, für sie in die Welt gesetzt hat, dann hätten sie zwangsläufig erkannt, dass es Gott war, der das Beste für sie wollte und nicht der Teufel, der selbst ein Geschöpf Gottes ist und bis zu diesem Zeitpunkt keine Hand für sie gerührt hatte.

Und so erkennen wir auch den Hintergrund der Aussage des Herrn in Mt 22,39, der von diesen beiden Geboten sagt, dass sie „gleich” seien, und dass an ihnen das ganze Gesetz und die Propheten hängen.


Die Nächstenliebe

Eine der größten Betrügereien dieser Welt ist die völlige Sinnumkehr der biblischen "Nächstenliebe" durch Kirchen, Prediger und Hilfsorganisationen, um bei leichtgläubigen Menschen Mitleid zu erregen und ohne viel Aufwand Geld zu scheffeln.

Das Gebot der Nächstenliebe ist nach den Worten des Herrn im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in Lk 10,36-37: Liebe jene Menschen, welche dir geholfen haben und zeige ihnen ebenso deine Liebe wie sie dir ihre Liebe gezeigt haben, indem sie dir behilflich waren. Nächstenliebe ist also daher keine Kategorie des Mitleids sondern eine solche der Dankbarkeit.

Und mit dieser biblisch korrekten Sicht des zweiten Gebotes, der Nächstenliebe in Mt 22,37-39, erklärt sich auch das von Herrn dort genannte erste Gebot, die Gottesliebe. Wir sollen Gott nicht deshalb lieben, weil er etwa bedürftig wäre oder unsere Hilfe in irgendeiner Weise nötig hätte, sondern weil er uns unser Leben und alles was wir dazu benötigen geschenkt hat. Er hat alles erschaffen - das Universum und unseren Planeten und alles was darauf ist und darauf lebt. Und er hat es uns geschenkt.

Und deshalb sollen wir Gott von ganzem Herzen lieben, weil er so für uns gesorgt hat. Und so sollen wir auch unseren Nächsten lieben, der uns in unserem Leben geholfen und sich um uns gesorgt hat. Die Gottlosen und Götzendiener dieser Welt aber sind unserer Liebe nicht Wert (2Mo 20,3-6; Mt 12,34-35; 2Kor 6,14-15; Mt 18,17; 1Kor 5,13).